IPL-Magazin 50 | Januar 2020 | Autor: Prof. Dr. em. Hartmut Enderlein, TU Chemnitz

Die Ruhe vor dem Sturm

 

Nach alt hergebrachter Regel beschert uns die Konjunktur alle 7 Jahre Einbrüche. Dass die Konjunktur Schwankungen unterliegt, wissen wir allesamt. Die sieben Jahre, die in früheren Zeiten wohl als Richtwert dienten, lassen sich heute wohl eher in Frage stellen. Zu viele Parameter der Weltwirtschaft spielen heute Rollen, deren Prioritäten nicht einfach zuzuordnen sind. Überproduktionen in vielen Segmenten, Energie und Umweltproblematiken verbunden mit finanzwirtschaftlichen Auswirkungen tragen auch zur Verunsicherung der Verbraucher bei, die wiederum den Konsum steuern. Das Wort „ Wirtschaftskrieg“, so unschön das auch klingen mag, findet in bürgerlichen Gesprächen häufig schon Gehör.

Allerdings ist zur Hysterie kein Anlass. Noch laufen die Systeme im grünen Bereich der Hochkonjunktur. Auftragsbücher unterschiedlicher Industriezweige zeigen zwar teilweise Abwärts-, aber auch Aufwärtstrends. Deutschland, in dem die Automobilindustrie als wahrscheinlich größter Wirtschaftsfaktor des Landes den konjunkturellen Impuls setzt, starten Unternehmen dennoch allmählich mit Personalreduzierung aufgrund fehlender Auslastung. Ob das auf die Unsicherheit der Verbraucher hinsichtlich E-Mobilität, Diesel oder Umweltverschmutzung allein zurückzuführen ist, bleibt zumindest aktuell, eher im Dunkeln.

Abb. 1: Fehlende Auslastung zieht Personalreduzierung nach sich
Abb. 1: Fehlende Auslastung zieht Personalreduzierung nach sich


Diese Entwicklungen werden in den Chefetagen der Unternehmen sehr wohl genau und, soweit möglich, analytisch betrachtet. Umsatzeinbrüche, wenn sie denn kommen werden, fordern den Unternehmenslenkern schon frühestmöglich ein hohes Maß an Geschick und Augenmaß ab. Will doch ein jeder sein Unternehmen einigermaßen unbeschadet durch die Zeit lenken. Dabei ist ein Abwärtstrend das letzte, was die Firmen brauchen. Gerade dann, wenn sie hoffnungsvoll und mit vollen Büchern zuvor noch in größere Investitionen gegangen sind.

Welche Maßnahmen lassen sich schon frühzeitig umsetzen oder mindestens planerisch vorbereiten? Oder herrscht Erstarrungshaltung, Schock oder gar Ignoranz bei sich anbahnenden rezessiven Phasen? Wohl wird es viele, oft sehr unterschiedliche reaktive Maßnahmen geben, sollten sich konjunkturelle Flauten andeuten. Niemand vermag deren Ausmaße voraussagen. Wird es bei einer kleinen rezessiven Verwerfung bleiben, kündigt sich eine langandauernde Rezession oder gar eine Wirtschaftskrise mit massiven finanzwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen an? Können die Unternehmen absehen, mit welchem Stellenwert und welchen Strategien sie zu jeder dieser möglichen Szenarien ins Feld gehen? Sicher werden sie mit einer sukzessiven Vorgehensweise drohenden Rezessionen entgegentreten.

Wesentliche Positionen können dabei schon im Vorhinein durchdacht, geplant und in die vorgezogene Umsetzung transportiert werden:


Personalanpassungen:

Hoch qualifizierte Kräfte werden durch kritische Zeiten, wenn nicht anders möglich, über Kurzarbeit zu halten versucht. Weiterhin stehen die Möglichkeiten der Frühverrentungen und Reduzierung der Leiharbeitskräfte zur Verfügung.


Produkttechnische Anpassungen:

Je nach Reifegrad und Markt können Produkteinführungen beschleunigt werden, um Marktanteile zu gewinnen, oder auch in die Zukunft verschoben werden, um Kosten zu sparen.


Produktionsoptimierung:

Viele Unternehmen haben diese Schritte der Prozessoptimierungen bereits seit langer Zeit durchgeführt. Eine Nachjustage ist iterativ, besonders vor kritischen Zeiten zu empfehlen.


Schichtsysteme:

Abhängig von der Wertschöpfungstiefe und den daraus resultierenden Gehältern ist der Abbau der dritten Schicht besonders ertragreich (Wegfall der Nachtschichtzulagen).

SCM:

Ein ganz besonders sensibler Prozess ist speziell in Krisenzeiten die Lieferantenentwicklung. Will man doch, um selbst zu sparen, (kosten)günstigere Bedingungen bei sinkenden Stückzahlen schaffen und ausgerechnet bei denen, die selbst mit rezessionalen Bedingungen kämpfen. Schwierige Verhandlungen und Ausarbeitung neuer und möglicherweise intelligentere Lösungen sind die Folge.

 

Jedes Unternehmen ist faktisch gezwungen, sich frühzeitig mit Konjunkturbewegungen zu beschäftigen. Ganz besonders dann, wenn die Prognosen nach unten deuten. Dann ist entgegen unserer Überschrift „ Ruhe vor dem Sturm“ schon weit im Vorfeld mit mobilisierten Kräften zu reagieren, um großes Unheil für das Unternehmen zu verhindern.

Aber nicht nur die Betriebsprozesse allein sind betroffen. Worüber in diesen Zusammenhängen sehr selten gesprochen wird, sind die volkswirtschaftlichen und auch persönlichen Auswirkungen in Krisenzeiten. Arbeitslosigkeit ist nicht nur ein Wort, sondern ein Schicksal.

Die gesellschaftlich sich entwickelnden Probleme betroffener Mitarbeiter verdienen wesentlich mehr Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Solidarität. Für diese Menschen können Konjunkturschwächen sehr schnell zu einem Sturm in ihrem Leben werden.

Krisen, Rezessionen und, noch viel schlimmer, Wirtschaftskrisen kommen und werden wieder gehen. Wie die Unternehmen daraus hervorgehen, kann vielfach schon im Vorhinein beeinflusst werden. Der Weg dorthin ist oft nicht einfach, erfordert logisches und strukturiertes Denken, Durchhaltevermögen und häufig auch ein wenig Glück …. !