IPL-Magazin 51 | April 2020 | Autor: Carsten Hirschberg

 

als Modeerscheinung der Industrie 4.0?

 

Dr. Matthias Pfeffer

Im Zuge der Diskussion um Industrie 4.0 gab es auch Diskussionen um den Einkauf bzw. die Beschaffung der Zukunft. Flugs war das Synonym für diesen geboren: Einkauf 4.0!

Damit wurde ein weiterer Bereich mit dem Kürzel 4.0 versehen, ohne zu wissen, was sich dahinter wirklich verbergen könnte. So geschehen auch mit anderen Bereichen zuvor, wie Logistik 4.0, Marketing 4.0 und Produktion 4.0. Und wie zuvor gab es den Begriff zuerst und erst nach dessen Geburt wurde überlegt und versucht, zu definieren, was Einkauf 4.0 denn nun wirklich sein könnte und sollte. Eine Frage wurde, anders als beim Begriff Industrie 4.0, nie aufgeworfen: wenn es nun den Einkauf 4.0 geben soll, was ist denn dann eigentlich Einkauf 3.0, Einkauf 2.0 oder gar Einkauf 1.0? Ist damit der Einkauf 4.0 nur eine Modeerscheinung in der Diskussion um Industrie 4.0 und Digitalisierung? Eine genaue Definition zum Einkauf 4.0 zu finden, gestaltet sich nicht ganz einfach. Während in anderen Sektoren die Digitalisierung bereits umgesetzt wird und es immer bessere und innovativere Strategien gibt, sieht das im Einkaufssektor noch etwas anders aus.

Wenn man nach der bestehenden Literatur geht, findet sich eine gute Beschreibung in „Einkauf 4.0 — Digitale Transformation der Beschaffung“ von Dr. Florian Kleemann und Dr. Andreas Glas. Innerhalb ihrer Forschungen werden für eine Definition die konstitutiven Bestandteile einer Industrie 4.0 auf die Aufgabenbereiche des Einkaufs übertragen. Dazu gehört Kommunikation in Echtzeit, eine digitale Vernetzung sowie der Einsatz intelligenter Systeme. Wichtig ist es, diese Konzepte schließlich auf die Kernbereiche des Einkaufs anzuwenden, wie z.B. auf die Bedarfsermittlung, Beschaffungsmarktforschung, Analyse und Bewertung der Make-or-Buy Frage, etc. Operative Prozesse werden im Einkauf 4.0 also automatisiert und die einzelnen Aufgabenfelder strategisch durch innovative Technologien erweitert. Bei der Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie für den Einkauf geht es damit nicht mehr nur um die Verbesserung einzelner Prozesse, sondern um die Optimierung des gesamtheitlichen Systems. Angefangen auf Unternehmensebene muss schon bei der Zielsetzung eine einheitliche digitale Strategie definiert werden. Heruntergebrochen auf den Einkauf können sich daraus einzelne Maßnahmen ableiten.

Abb. 1: Einkauf 4.0 erfordert Umdenken
Abb. 1: Einkauf 4.0 erfordert Umdenken

Einkauf 4.0 setzt sowohl im operativen als auch im strategischen Einkauf neue Maßstäbe und erfordert ein Umdenken. Es ist fast so, als ob der Einkäufer eine völlig neue Rolle einnimmt. Dabei geht es nicht nur um den Wandel vom operativen in Richtung strategisch, analytischen Einkäufer, wie der BME in seiner Vorstudie 2016 proklamierte.

Der Einkaufsmitarbeiter ist nicht mehr der Handelnde, sondern der Steuernde der Supply Chain Der moderne Einkäufer kann sich nicht mehr nur auf den besten Preis und die schnellste Lieferzeit bei bestmöglicher Qualität fokussieren. Vielmehr muss er die Risiken einer just-in-time oder just-insequence Supply Chain im Auge haben, die Kompetenzen seiner Lieferanten kennen und immer kürzere time-to-market Ziele umsetzen. Viel schwieriger ist der Wertewandel, der mit dieser Veränderung verknüpft ist. Der meist sehr introvertierte Einkäufer sieht sich damit konfrontiert, seine Stärke im Beziehungsaufbau zu finden. Die Daten, die bisher seine Domäne und auch ein Machtfaktor waren, werden nun digital transportiert und analysiert.

In einer völlig neuen Arbeitswelt gibt er keine Daten mehr ein, kontrolliert und analysiert nicht mehr, sondern nutzt die Analysen durch künstliche Intelligenz und Big Data. Künftig trifft sogar die Technologie Entscheidungen und setzt diese auch um. Es kommt also zu völlig neuen Aufgabenstellungen, nicht nur für den Menschen, sondern auch für die Maschine. Während heute noch der Mensch die Bestellung auslöst, tritt dieser in Einkauf 4.0-Abteilungen in den Hintergrund. Hier läuft nicht nur der Prozess automatisiert ab, sondern er wird auch automatisch ausgelöst. Im Einkauf 4.0 gibt es keinen operativen Einkauf mehr, weil diese Prozesse automatisiert wurden! Der operative Einkauf wird also nicht in seiner bisherigen Form bestehen bleiben. Operative und administrative Bereiche werden digitalisiert und laufen dann nahezu automatisiert ab. Daraus ergibt sich eine neue Aufgabenverteilung für den Einkauf. Weniger operative Tätigkeiten bis hin zu mehr strategischen und bereichsübergreifenden Aufgaben. Der modere Einkäufer muss ein immer höheres Wissen über die internen und externen Herstellungsprozesse gewinnen und wird so zum Multitalent. Hierfür benötigt er unter anderem mehr Detailwissen und ein erhöhtes technisches Verständnis.

Die vierte industrielle Revolution ist Realität – egal, wie wir die Entwicklung letztlich nennen und sie wird die Arbeit grundlegend verändern. Die aktuellen Entwicklungen sind zudem so rasant, dass Abwarten schnell zur Existenzbedrohung werden kann. Allerdings ist hier kein Aktionismus gefragt. Es müssen vielmehr die richtigen Schlüsse gezogen und geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Für den Einkauf bedeutet dies, schnell fit für das Zeitalter der Digitalisierung zu werden, da er dafür verantwortlich ist, die richtigen Technologien ins Unternehmen zu holen. Er muss technologisches Know-how aufbauen und sich intern und extern stark vernetzen, um zu wissen, welche Technologien zur Unterstützung der Unternehmensziele beitragen und wie die Prozesse optimal unterstützt werden können. Außerdem muss er wissen, welche neuen Produkte und Lösungen vom Kunden gefordert werden. Er fördert dadurch die Entwicklung von einer stark funktionalen Sichtweise hin zur Prozesssicht.

Dem Einkauf kommt im Zuge der vierten industriellen Revolution daher insgesamt eine besondere Rolle zu. Auch wenn er nicht die Gesamtverantwortung für die Umsetzung von Industrie 4.0 im Unternehmen trägt, so kann er dennoch im Rahmen seiner Schlüsselposition in der Wertschöpfungskette und seiner Verantwortung im Wertschöpfungsprozess des Unternehmens die weitere Entwicklung entscheidend beeinflussen.

Da die Prozessschritte und Schwerpunkte in jedem Unternehmen unterschiedlich angelegt sind, gestaltet sich auch die Umsetzung von Einkauf 4.0 in jedem Unternehmen individuell. Es gibt auch nicht das 4.0-Tool: Laufend entstehen Neuentwicklungen, die entscheidende Vorteile bieten. Start-ups setzen auf zusätzlichen Datengewinn, flexiblere Analysemöglichkeiten und einfachere Anbindungen. Auch hier ist jedes Unternehmen einzeln gefordert, die optimale Lösung für sich zu finden.

Der Einkauf 4.0 ist keine Modeerscheinung im Rahmen der Industrie 4.0. Die Transformation zum Einkauf 4.0 ist vielmehr eine Notwendigkeit, um in den sich rasant wandelnden Unternehmen die Funktion der Abteilung zu gewährleisten. Ohne den Einkauf kann die Industrie 4.0 nicht umgesetzt werden und der Einkauf wird zunehmend zum Fremdkörper im Unternehmen.