IPL-Magazin 50 | Januar 2020 | Autor: Dr. Matthias Pfeffer

 

Was ist das überhaupt?

 

Dr. Matthias Pfeffer

Flexibilität ist ein strategischer Erfolgsfaktor und wird in der turbulenten Geschäftswelt als obligatorische Fähigkeit von Unternehmen betrachtet. Welche Arten und Möglichkeiten der Messbarkeit es gibt erfahren Sie in diesem Artikel.

Der aus dem Lateinischen stammende Begriff ‚flectere‘ steht für biegen oder beugen. Schaut man in einschlägigen Lexika nach, findet man unter dem Wort „Flexibilität“ Synonyme wie Elastizität oder Anpassungsfähigkeit an wechselnde Umstände.

Diese Umstände können Kundenanforderungen, Marktänderungen, neue Entwicklungen o.ä. sein. Flexibilität ist somit die Fähigkeit eines Systems (Unternehmen oder Netzwerk), selbstständig proaktiv oder reaktiv mit externen oder intern Veränderungen umzugehen, um die bisherigen Ziele zu erreichen.

Häufig wird dieser Begriff aber nur auf die Veränderung einer Maschine im Arbeitsablauf reduziert und somit gleichgesetzt mit den Rüstvorgängen. Demnach wäre die Flexibilität nichts weiter als die Fähigkeit die geforderten Produkte auf einer Investition-intensiven Anlage zu wechseln! Welche Arten von Flexibilität werden im Unternehmensumfeld unterschieden? Die Flexibilität wird in vielerlei Hinsicht im Unternehmen gefordert.

Hier sollen einige wichtige Punkte genannt werden:

  •  Variantenflexibilität: Fähigkeit eines Systems, die Varianten eines Produkts zu fertigen.

  • Typflexibilität: Fähigkeit eines Systems, die verschiedenen Typen einer Produktreihe zu fertigen.

  • Kapazitäts- oder Volumenflexibilität: Fähigkeit der Anpassung in schwankenden Stückzahlen.

  • Nachfolgeflexibilität: Fähigkeit, nachfolgende Produktgenerationen zu fertigen.

  • Kurzfristige Flexibilität: Flexibilität im laufenden Produktionsprogramm, d.h. Aufwand für Umstellungen zwischen bekannten, vorgesehenen Fertigungsaufgaben (technisch, zeitlich)

  • Langfristige Flexibilität: Flexibilität bei Änderung des Produktionsprogramms, d.h. Aufwand für Umstellungen auf neue,

 

Alleine diese kurze Übersicht zeigt, dass sich Flexibilität im Rahmen der Produktion und Logistik nicht nur auf die Umrüstzeiten teurer Investitionsgüter konzentriert. Darüber hinaus unterscheidet man zwischen qualitativer, quantitativer und struktureller Flexibilität.

Die qualitative Flexibilität unterteilt sich in personelle und technologische Flexibilität. Die personelle Flexibilität befasst sich mit den Mitarbeitern eines Unternehmens. Dabei stehen die Fähigkeiten der Mitarbeiter im Vordergrund. Je mehr ein Mitarbeiter kann, umso flexibler ist er einsetzbar. Dabei wird das beschriebene Können zum einen auf die Technologie (z.B. welche Anlagen oder Werkzeuge kann er bedienen), die Produkte (was kann gefertigt werden) sowie die Fähigkeit sein Wissen weiterzugeben, übertragen. Häufig wird diese Art der Flexibilität in einer Qualifikationsmatrix hinterlegt. Die technologische Flexibilität zielt auf die (klassische) Fertigung der Produktion und die damit häufig verbundene Umrüstung der Maschinen ab.Die quantitative Fähigkeit befasst sich hingegen mit den direkt messbaren Fakten. Wie viel Teile können Mitarbeiter oder Maschinen produzieren und wie schnell sind diese steigerungsfähig?

 

Messbarkeit von Flexibilität

Grundsätzlich kostet Flexibilität Geld. Je flexibler ein System (egal ob Mitarbeiter, Maschine, Fabrikhalle, Logistik o.ä.) ist, umso höher fallen in der Regel die Kosten aus. Problematisch ist aber, dass sich Investitionen in Flexibilität nicht zwingend immer (einfach) messen und rechnen lassen. So ist eine Investition in die Ausbildung der Mitarbeiter oder in ein hochflexibles Werkzeugwechselsystem nicht unmittelbar amortisierbar. Es trägt aber durchaus zur nachhaltigen Verbesserung der gesamten Produktion und somit zur Wettbewerbsfähigkeit bei. 

Hier finden Sie einige wichtige Kennzahlen bzw. Fragen, die im Zusammenhang mit der Flexibilität erfasst werden können:

Volumenflexibilität:

  • Mengenausweitung / Mengenreduzierung (Prozent):
    Wenn Sie im Rahmen Ihrer gegebenen Produktionsstrukturen kurzfristig die Produktionsmenge vergrößern oder verringern müssen, um welchen Anteil – bezogen auf den heutigen Durchschnitt – können Sie dann ihre durchschnittliche Produktionsmenge steigern?

  • Dauer für die Ausweitung / Reduzierung (Tage bzw. Wochen):
    Wie viele Tage / Wochen würden Sie benötigen, um einen definierten Prozentsatz Ihrer Kapazitäten zu erhöhen bzw. zu reduzieren?


Variantenflexibilität:

  • Lieferflexibilität (Arbeitstage):
    Welche Fertigungsdurchlaufzeit, von der Auftragseinlastung bis zur Fertigmeldung benötigen Sie durchschnittlich für Ihr Hauptprodukt?

  • Variantenflexibilität (Anzahl Varianten bezogen auf Gesamtvarianten):
    Wie viele Varianten ihres Hauptprodukts produzieren Sie durchschnittlich in einem Monat? Und wie viele Varianten können Sie maximal ohne größere technische Änderungen produzieren?

  • Maschinenflexibilität (EPEI):
    In welcher Zeit schaffen Sie es, alle möglichen Varianten über Ihre Anlagen / Anlagengruppe zu produzieren?

 

EPEI als wichtige Kenngröße für die Flexibilität

Eine der wichtigsten Kenngrößen im Rahmen der Flexibilitätsmessung in der Produktion ist der EPEI (Every-Part-Every-Intervall). Dieser Kennwert beschreibt die Fähigkeit einer Anlage (oder Anlagengruppe), in welchem Zeitintervall sie es schafft, sämtliche Produkte, inkl. deren Rüstzeiten, in einer definierten (Tages)Menge zu fertigen. Der EPEI ist ein Ansatz aus dem Lean Management. Ziel ist die Minimierung der Auftragsmengen bis zur kapazitiven Grenze durch Rüstvorgänge. Das Ergebnis sind kleinere Produktionsmengen (weniger Work in Process). Allgemein lässt sich sagen, je höher der EPEI, desto unflexibler ist das Produktionssystem.

Das äußert sich häufig in hohen Beständen und langen Durchlaufzeiten aus.

Die Berechnung des EPEI erfolgt folgendermaßen:

 

Abb. 1: Beispiel einer EPEI Berechnung
Abb. 1: Beispiel einer EPEI Berechnung

 

 

Der EPEI ist somit eine maßgebende Kennzahl, wenn es um die Verbesserung der Durchlaufzeit im Sinne von Lean Maßnahmen geht.

 

Grundsatzfragen bei der Planung der Flexibilität

Wie bereits erwähnt, ist die Erhöhung der Flexibilität heute keine Frage mehr des Wollens in den Unternehmen. Leider werden die Kosten für Flexibilitätserweiterung häufig mit klassischen Amortisationsrechnungen durchgeführt. Diese sind aber häufig nicht verwertbar, da entweder sich die Amortisation über einen längeren Zeitraum streckt oder aber es muss an einigen Stellen in die Flexibilität investiert werde, um an anderen Stellen besser zu werden. Das spiegelt aber das auf Ressourcen bezogene Kennzahlsystem häufig nicht wider. Deshalb ist es wichtig, sich aus Sicht der Produktion über folgende Grundsatzfragen im Klaren zu sein.

Zunächst muss sich die Frage gestellt werden, welche Komponenten des Systems sind flexibel zu gestalten. Dabei ist zu beachten, welchen Veränderungszyklen unterliegt die jeweilige Ressource. Eine Maschine, die keinen Engpass darstellt und auch wenig Varianten bearbeitet, ist sicher anders zu bewerten, als eine Anlage, die viele Varianten am Kapazitätslimit produziert.

Die zweite Frage, die Sie sich stellen müssen, welchen Umfang bzw. welches Maß muss die Flexibilität haben? Muss es die 100% Lösung sein und alle Artikel sollen plötzlich maximal flexibel produziert werden, oder alle Mitarbeiter sollen alles können, oder reicht in vielen Fällen auch die 80% Lösung?

Der letzte Punkt, der sogenannte Flexibilitätshorizont, ist zweigeteilt: zum Einen stellt sich die Frage, wie schnell können Sie Ihre Anforderungen umsetzen und zum Zweiten, für wie lange wird diese Flexibilität benötigt? Ist der Bedarf nur von kurzer Dauer, wird die Lösung sicher anders aussehen, als wenn eine nachhaltige Flexibilitätserhöhung gefordert ist.

 

Abb. 2: Basis der Flexibilitätsplanung
Abb. 2: Basis der Flexibilitätsplanung

 

 

Die Erhöhung der Flexibilität ist eine Managementaufgabe, die langfristig – insbesondere in Krisenzeiten – eine wichtige Rolle spielt und Wettbewerbsvorteile bringt.

Hier steht neben der Volumenflexibilität die personelle Flexibilität im Fokus. Clevere Unternehmen nutzen genau diese Zeit und investieren in ihre Mitarbeiter.