IPL-Magazin 52 | Juli 2020 | Autor: Philipp Reukauf

COVID-19 – Die anhaltende Pandemie des neuartigen Coronavirus hat die Weltbevölkerung weiterhin fest im Griff.

 

 

Philipp Reukauf
Philipp Reukauf

Die Allgemeinheit wurde mit drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, wie den Kontaktbeschränkungen und einem allgemeinen Mindestabstand zwischen zwei Personen konfrontiert. Dies führte weltweit zu einer zeitweisen Lahmlegung des öffentlichen Lebens, welche die Weltwirtschaft stark getroffen hat. Obwohl die Langzeitfolgen der Pandemie zum jetzigen Zeitpunkt noch schwer zu greifen sind, kristallisieren sich bereits einige Branchen heraus, welche als Verlierer aus dieser Zeit hervor gehen werden.

Internationale Produktions- und Lieferketten

Branchen mit Unternehmen, welche auf internationalen Produktions- und Lieferketten angewiesen sind, werden wohl am härtesten getroffen werden. Viele Unternehmen in der verarbeitenden Industrie weisen eine solche Eigenschaft auf. Von der Automobilbranche über Maschinenbauer bis zum Stahlkonzern sowie in der Textilwirtschaft existieren internationale Abhängigkeiten, die nun empfindlich auf die staatlichen Maßnahmen in diversen Ländern reagieren. Die Lieferketten stocken. Rund 90 Prozent des Welthandels werden über den Seeweg abgewickelt, doch die Container und das Frachtgut stauen sich derzeit in China – dort liegen 70 Prozent der zehn größten Containerhäfen der Erde, und es fehlen Logistiker für den Transport von Waren. Ein Beispiel ist hier die Frachtluft- und -schifffahrt wie auch die internationalen Drehkreuze des Warenverkehrs wie Häfen und Flughäfen. Durch den anfallenden Rückstand steigt der Logistikaufwand, welches Unternehmen, welche auf Logistikdienstleister angewiesen sind, vor eine weitere schwierige Situation stellt. Die hohe Nachfrage sorgt für steigende Preise und geringere Zuverlässigkeit.

Wichtige Vorprodukte oder Rohstoffe gelangen nicht oder nur verzögert zum Produktionsstandort, was den Liefer- und Produktionsprozess deutlich stört. Diese Branchen sehen sich meist gleichzeitig starken Nachfragerückgängen gegenübergestellt. Viele vermeiden es zurzeit beispielsweise, sich Fahrzeuge anzuschaffen, da sie diese nicht benötigen oder sich nicht leisten können. Für die Autobranche ist China der wichtigste Absatzmarkt. Im Februar brach dieser nahezu zusammen. In diesem Zusammenhang sind ebenfalls weite Teile der Logistikbranche durch die Störung der Lieferketten betroffen.


Messe- und Konferenzanbieter

Ebenfalls stark betroffen sind Messebetreiber und der Messebau. Bis Ende Februar wurden laut einer Datensammlung der Frankfurter m+a Messemedien weltweit bereits 230 Messeveranstaltungen abgesagt oder verschoben. Die LogiMAT in Stuttgart beispielsweise hätte planmäßig im März 2020 stattfinden sollen, wurde dann aber dennoch aufgrund des erhöhten Ansteckungsrisikos kurzfristig abgesagt. Der Verband der Deutschen Messewirtschaft (Auma) geht davon aus, dass Messebetreiber und -baufirmen allein durch die bisherigen Absagen und Verschiebungen fast drei Milliarden Euro einbüßen. International sollen es laut dem Weltverband Messewirtschaft mindestens 14 Milliarden Euro sein. Trotz allen Einschränkungen und den Einbußen, welche Sars-CoV-2 mit sich gebracht hat, zeichnen sich dennoch einige Chancen und Gewinner ab.


E-Commerce

Auch wenn die Situation im Onlinehandel sehr differenziert zu sehen ist, lässt sich insbesondere in den Wochen, in denen die Geschäfte weitgehend geschlossen waren, nachweisen, dass ein Großteil der Nachfrage auf den Onlinehandel umgelenkt wurde. Vor allem Bereiche wie Lebensmittel, Drogerieartikel und Medizinbedarf wurden, obwohl der Einzelhandel geöffnet war, verstärkt auch online bestellt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich dies auch nach der Krise halten. Eine Kantar Studie zeigt, dass 60 Prozent der befragten Verbraucher ihr gestiegenes Online-Kaufverhalten beibehalten wollen. Im Bereich der IT- und Elektroartikel konnte der gestiegene Online-Umsatz bei vielen Ketten mit Filialbetrieb den ausbleibenden Umsatz im Präsenzhandel allerdings nicht auffangen.

 

Abb.1: Wahrscheinlichkeitsstudie zum Online- Kaufverhalten nach Corona
Abb.1: Wahrscheinlichkeitsstudie zum Online- Kaufverhalten nach Corona

 

Das Wachstum im E-Commerce bedingt ebenfalls ein Wachstum bei Logistikdienstleistern. Laut einem namhaften deutschen Logistikdienstleister seien die Sendungsmengen im April um rund 40 Prozent im Vergleich zur ursprünglichen Erwartung gestiegen. Dieser sprunghafte Anstieg stellt eine enorme Belastungsprobe dar, bringt aber dennoch ein Umsatzwachstum von neun Prozent für dieses Unternehmen mit sich.


Digitalisierung

Vor allem die Digitalisierung hat in Deutschland stark zugenommen. Damit zählen Anbieter von Internetplattformen, welche eine ortsunabhängige Zusammenarbeit ermöglichen, zu den großen Gewinnern. Viele Beschäftigte arbeiten derzeit von zu Hause aus im Homeoffice, um die Abstandsbestimmungen einzuhalten. Viele Unternehmen nutzen deshalb sogenannte Videokonferenz- und Kollaborations-Tools, wie Zoom oder MS-Teams, sowie Cloud Anbieter, wie Amazon AWS, um den Austausch von Informationen und Daten zwischen Kollegen und in Projektgruppen weiterhin zu gewährleisten. Geschäftsbesprechungen und Geschäftsreisen, welche mit mehreren Stunden Fahrt und eventuellen Hotelübernachtungen verbunden waren, werden nun innerhalb weniger Sekunden über Videokonferenzen aufgebaut und gehalten. Dass diese Entwicklung allerdings nicht nur eine Modeerscheinung beziehungsweise eine Notlösung ist, zeigt eine Umfrage der DMEXCO, der Digital Marketing Expo & Conference. Demnach sagen 85 Prozent der Befragten, dass das Homeoffice zukünftig mehr akzeptiert werden würde. 71 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Kollaborationswerkzeuge wie Microsoft Teams oder Asana in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen werden.

 

Abb.2: Auswirkungen der Corona-Krise auf die Digitale Branche
Abb.2: Auswirkungen der Corona-Krise auf die Digitale Branche

 

Auch wenn die ganzheitlichen Folgen der Corona Krise noch nicht abzuwägen sind, sieht man bereits heute, dass sich vor allem das Arbeitsleben nach Corona deutlich verändern könnte. Ebenso werden globale Lieferketten und das Outsourcing der Produktionsstätten zukünftig deutlich kritischer betrachtet und eventuell sogar in Frage gestellt werden, um Lieferengpässe und Produktionsausfälle zu vermeiden.