IPL-Magazin 50 | Januar 2020 | Autor: Kim Häring

Konjunktur hier, Konjunktur da. Kaum ein Schlagwort geistert so sehr durch die Presse wie Konjunktur.

 

 

Kim Häring

Doch was ist die Konjunktur eigentlich? Ist sie ansteckend, gefährlich, schmeckt sie bitter und ganz wichtig, „was kann ich aus ihr lernen“?

Kurz und knapp beschreibt die Konjunktur den wechselhaften Auslastungsgrad der Wirtschaft. Dank Ökonomen (Keynes, Schumpeter, Kondratjew, etc.) wissen wir, dass diese Schwankungen periodisch sind, d.h. sich in Zyklen wiederholen. Ein Konjunkturzyklus lässt sich grob in die Phasen Aufschwung, Hochkonjunktur, Abschwung und Rezession einteilen. Die Wirtschaft folgt grundsätzlich einem Wachstumstrend, d.h. die vorhandenen Kapazitäten werden im stetig erweitert. Je nach konjunktureller Lage liegt die aktuelle wirtschaftliche Leistung aber ober- oder unterhalb dieses Trends. Innerhalb eines Zyklus liegen jeweils noch die saisonalen Schwankungen.

 

 

Abb. 1: Konjunkturzyklus (schematisch)
Abb. 1: Konjunkturzyklus (schematisch)

 

Das Gute an einem Zyklus ist, dass nach einem Abschwung auch wieder ein Aufschwung folgt. Also einfach aussitzen, oder? Geht, na klar! Wie lange? Die Frage ist schon etwas komplizierter, da sie nicht generell beantwortet werden kann. Was hilft ist allerdings ein Blick in die Vergangenheit. Welche Zyklen haben wir denn schon (über-)lebt? Wie lange haben sie gedauert? Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen haben gewirkt?

 

Abb.2: Konjukturzyklen in Deutschland
Abb.2: Konjukturzyklen in Deutschland

 

Stand heute hat die Bundesrepublik Deutschland sechs vollständige Konjunkturzyklen durchlaufen (Aufschwung bis Rezession). Das deutsche Wirtschaftswunder steht sinnbildlich für den ersten Aufschwung und die Hochkonjunktur nach dem zweiten Weltkrieg. Einprägsam an diesem Zyklus #1, der 1967 endete, war die Einführung der D-Mark unter Wirtschaftsminister Ludwig Erhard und die Ausrichtung Deutschlands als soziale Marktwirtschaft. Da nach dem Krieg fast die komplette Infrastruktur und Wirtschaft aufgebaut werden mussten, war kein systematisches Konjunkturprogram notwendig (ggf. können die 1,4 Mrd. US-Dollar Entwicklungshilfe aus dem Marshallplan zum Aufbau der Infrastruktur von 1945 bis 1953 als Konjunkturprogramm angesehen werden). Fakt ist, das Vollbeschäftigung, ausgeglichene Haushalte und Wachstumsraten von > 4% unter Adenauer und Erhard üblich waren.

Die Globalsteuerung der Wirtschaft ist Inbegriff der nächsten 15 Jahre. In dieser Zeit durchläuft Deutschland zwei Konjunkturzyklen welche beide mit den sogenannten Ölpreiskrisen enden. Im Zyklus #2 geht es Bundeswirtschaftsminister Schiller vor allem um eine Stabilisierung. Sein dazu initiiertes Stabilitätsgesetz bildete die Basis für die ersten wirtschaftspolitischen Konjunkturprogramme. Vor allem die Bauindustrie wird unterstützt (ca. 8 Mrd. D-Mark in 1967). In der Folge stieg das Bruttoinlandsprodukt wieder stark an, die Arbeitslosequote sank auf < 1% aber die Geldentwertung erreichte Werte um 7%. Mit der Ölverknappung 1974 infolge des Jom-Kippur-Krieges (Öl-Embargo) kam das Wirtschaftswachstum dann zum Erliegen. Nach dem Ölpreisschock von 1974 geht Deutschland unter Helmut Schmidt in seinen dritten Zyklus. Dieser ist geprägt von massiven Investitionen in die Bauindustrie, in Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und in die Förderung von Zukunftsinvestitionen.

Die Konjunktur zieht wieder an, die Inflation wird gedämpft doch die Arbeitslosigkeit schwankt zwischen Werten von 3-6% und die Staatsschulden steigen enorm an.

Im vierten Zyklus öffnet sich Deutschland unter Helmut Kohl wieder mehr dem Markt und wird unabhängiger von Staatsaufträgen. Doch vor allem die Wiedervereinigung Deutschlands bringt grundlegende Strukturreformen mit sich, welche die Arbeitslosigkeit (bis 8,9%) und die Staatsverschuldung in neue Höhen treiben. In der Folge kommt es zu einer Überhitzung der Wirtschaft und einer Flaute bei den Exporten. Das Platzen der „Dotcom-Blase“ markierte 2000 den Start einer dreijährigen Schwächephase der weltweiten Wirtschaft und Zyklus #5. Nach einem regelrechten Hype auf ITund Kommunikationstechnologien implodiert der Markt, an dem sich auch viele private Anleger versuchten. Der Irakkrieg lähmt die Wirtschaft zusätzlich. Nachfolgend kommt es zu einem starken Wirtschaftswachstum im Zyklus #6, der in der weltweiten Wirtschafts- und Finanzfinanzkrise 2008 endet. Der Rückgang des BIP betrug 2009 immerhin 5% (preisbereinigt). Die Bundesregierung greift daraufhin massiv ein und verabschiedet das Konjunkturpaket I: "Beschäftigungssicherung durch Wachstumsstärkung" und das Konjunkturpaket II: "Pakt für Beschäftigung und Stabilität". Im Rückblick wird die Wirksamkeit der Pakete aber als eher schwach eingestuft. Aktuell befinden wir uns im siebten Zyklus. Nach dem Rückgang des BIP in Q3 bleibt abzuwarten, ab auch der aktuelle Zyklus (zwei aufeinanderfolgende Rückgänge des BIP = Rezession) bald endet. Die Notwendigkeit eines Konjunkturpakets wird Politikseitig aktuell allerding eher negiert und die Prognosen für 2020 sehen bereits wieder ein Wirtschaftswachstum zwischen 0,5% und 1,2% und für 2021 zwischen 0,8% und 1,4%.

Mit Blick auf die Historie bleibt festzustellen, dass Deutschland insgesamt über eine stabile Wirtschaft verfügt. Ein Grund dafür ist, dass es eine sehr gesunde, fast natürliche Diversität besitzt. Die Kompetenzen und Wirtschaftszweige sind breit gestreut. Es gibt einen ausgebildeten Dienstleistungssektor, Banken und Versicherungen, eine hohe Anzahl an Handwerksunternehmen und auch eine technologisch führende Industrie. Zudem besteht eine gesunde Bandbreite bei Unternehmensgrößen. Besonders hervorzuheben ist dabei der oftmals auch als Rückgrat der deutschen Wirtschaft genannte Mittelstand. Des Weiteren kaufen und verkaufen deutsche Unternehmen global und fokussiert sich nicht auf einzelne Regionen. Die Wertschöpfungsketten sind somit gut abgesichert.

Was können wir also tun? Unsere Hausaufgaben machen! Nutzen Sie die Ruhe vor dem Sturm und bringen Sie Ihren Laden auf Vordermann indem Sie Ihre Lagerbestände auf die realen Bedarfe anpassen, indem Sie Ihr Personal schulen und weiterentwickeln um künftige Herausforderungen zu meistern oder indem Sie Ihre Produktionskapazitäten Lean gestalten. Rüsten Sie sich für den Aufschwung, denn der kommt sicher.