IPL-Magazin 46 | Januar 2019 | Autor: Prof. Dr. Gerhard Metze

Wir kommen nur dann schneller zu echten Neuheiten, wenn wir uns Zeit lassen.

 

Prof. Dr. Gerhard Metze
Prof. Dr. Gerhard Metze

Seit mindestens drei Jahrzehnten wird das Mantra rezitiert: „ die Innovationsgeschwindigkeit steigt“. Dabei bezieht man sich sowohl auf die Geschwindigkeit der Verbreitung einer Innovation bei den Anwendern, als auch auf die Geschwindigkeit der Entwicklung von Innovationen beim Hersteller. Das führt dazu, dass der Anteil des Umsatzes an neuen Produkten in den Unternehmen wie in den Wirtschaftsbranchen stark gestiegen ist. In einigen Unternehmen ist dies bereits zu einer Kennzahl zur Beurteilung des Innovationerfolgs der verantwortlichen Manager geworden.

Mit ein bisschen Branchenkenntnis muss es jedoch verwundern, dass gemäß den Erhebungen von De.Statis für das Jahr 2016 ausgerechnet die Automobilbranche mit dieser Kennzahl in Höhe von rund 50 % deutlich vor der Branche aus Elektronik/ Messtechnik/ Optik mit einem Wert von rund 35% liegt. Es fällt bei dieser Erhebung auch auf, dass z.B. die Medizintechnik zusammen mit Möbeln, Spiel- und Sportwaren nur auf einen Wert von 11,5 % neue Produkte am Umsatz kommen soll.


(https://de.statista.com/statistik/daten/studie/207868/umfrage/unternehmen-mit-einfuehrung-von-marktneuheiten/)

 

Abbildung 1: Innovationsgrad  im Verhältnis zum Zeitdruck
Abbildung 1: Innovationsgrad im Verhältnis zum Zeitdruck

 

Es ist deshalb davon auszugehen, dass sowohl zwischen den Branchen, als auch innerhalb einer Branche, und auch innerhalb eines Unternehmens der Begriff „neues Produkt“ sehr verschieden verstanden und gemessen wird.

 

Ab wann ist ein Produkt neu?

Die „Neuheit“ ist in zweierlei Hinsicht zu beschreiben, zum einen aus der Sicht des Produkts selbst, d.h. was hat sich „im Inneren“ des Produkts durch den Hersteller verändert, zum anderen, was hat das für den Anwender, den Kunden, gebracht.

Die Verbindung zwischen Hersteller- und Anwender-Perspektive stellen die Eigenschaften des Produkts her wie Produktivität im Zusammenhang mit Arbeitsgeschwindigkeit und Energieverbrauch, Zuverlässigkeit etc. Hiermit lassen sich die Veränderungen des neuen Produkts gut beschreiben. Aber ab welcher Steigerung der Leistungsparameter kann man das Produkt wirklich als neu betrachten und von einer Verbesserung unterscheiden? Der Begriff „Verbesserung“ impliziert, dass das Zusammenwirken der Elemente eines Produkts optimiert wird, ohne eine prinzipielle Änderung der Elemente und ihrer Relationen.

Der Begriff „neu“ impliziert, dass zumindest ein Teil der Elemente eines Produkts neu sind, und dass dadurch auch neue Relationen zwischen diesen Elementen hergestellt werden. Elemente eines Produkts sind im Bereich der Gütertechnik die Module und deren Einzelteile, zu ersehen aus der Stückliste. Im Bereich der Verfahrenstechnik ist das schon etwas schwieriger, aber auch hier lassen sich zählbare Attribute eines verfahrenstechnischen Prozesses finden.

Für eine exakte Beschreibung benötigt man nun etwas Zählbares, sonst kann man nicht messen. Hier könnte man durchaus an den Veränderungen der Positionen der Stücklisten, oder der Rezepturen von verfahrenstechnischen Prozessen ansetzen.


Die Messung des Neuigkeitsgrades ist nur bei ganz wenigen Unternehmen definiert und geregelt. Mit der fehlenden Transparenz aufgrund fehlender Definitionen und Regelungen kann ein geschickter Manager innerhalb
eines Unternehmens Politik für seine eigene Karriere machen: Wer den höchsten Anteil neuer Produkte am Umsatz vorzeigen kann, ist zweifelsohne der Primus. Deshalb wird er keinen allzu großen Wert darauf legen, die Neuigkeit seiner Produkte genau zu messen.

Da seine Kollegen dies wahrscheinlich auch bemerken und ihr Verhalten anpassen, führt dies in den meisten Bereichen zu einem Wettbewerb in der Zunahme neuer Produkte, d.h. die Innovationsgeschwindigkeit des Unternehmens steigt auf dem Papier stark an. Ob man sich wirklich „von der Stelle bewegt“, ist eine ganz andere Frage.

Diese Art der Steigerung der Innovationsgeschwindigkeit führt vielmehr zu einem Innovationsbremseffekt. Dies sei durch die folgenden Ausführungen verdeutlicht: Betrachtet man die Zunahme von Autovarianten (gemäß dem Verständnis der Hersteller natürlich „neu“), so hat in den letzten 10 – 15 Jahren eine Steigerung von mehreren 100 % stattgefunden.

In der gleichen Zeit sind aber weder die Entwicklungsabteilungen oder die Zukäufe an Entwicklungsdienstleistungen gewachsen. Dies bestätigt einmal den oben geschilderten Sachverhalt, dass doch nicht so viel neu ist an den neuen Produkten.

Zum anderen zeigt es auch, dass die Belastung eines Mitarbeiters im Entwicklungsbereich in dieser Zeit stark zugenommen hat. Um unternehmensweit jegliche „Verschwendung“ zu tilgen, wurden die Prinzipien des Lean Management auch im Entwicklungsbereich angewendet.

Unter diesem Druck hat der Entwickler gar nicht mehr die Zeit, wirklich Neues, also von der bisherigen Technikstruktur abweichende Lösungen zu konzipieren. Er wird vielmehr auf bewährte Lösungen zurückgreifen und versuchen, sie zu optimieren. Denn nur unter diesen Bedingungen kann er die Zeitvorgaben erfüllen.

Insofern können immer nur kleine, „inkrementale“ Innovationen realisiert werden, für die „radikalen“ bzw. „disruptiven“ Innovationen hat man keine Zeit.

Pointiert formuliert: Wir kommen nur dann schneller zu echten Neuheiten, wenn wir uns Zeit lassen.

Auch die Anwendung von Industrie 4.0 – Elementen wie „Big Data“ und Algorithmen werden hier nicht wesentliche Abhilfe schaffen können. Sie werden die Entwickler bei einigen Routine- Aufgaben entlasten können. Sie werden auch die ein oder andere Optimierung generieren. Aber kreativ Neues können sie nicht hervorbringen.