IPL-Magazin 52 | Juli 2020 | Autor: Matthias Miesbeck

Bekannte Maßnahmen gezielt nutzen

 


Matthias Miesbeck
Matthias Miesbeck

Die Corona Krise hat uns in den vergangenen Wochen vielfach vor Augen geführt, welche Abhängigkeiten entlang der gesamten Supply Chain in Unternehmen bestehen. Leider haben die staatlich getroffenen Maßnahmen auch in vielen Fällen zu radikalen und sehr kurzfristigen Entscheidungen geführt, die es den Unternehmen aktuell und auch künftig schwermachen, sich von diesem unkontrollierten Lock-down zu erholen und wieder voll Fahrt aufzunehmen.

Doch jede Krise bietet auch Chancen – Chancen, es in Zukunft besser zu machen und auf Krisen besser vorbereitet zu sein. Das Wissen dazu muss nicht neu erfunden werden. Vielmehr muss nur die Fähigkeit ausgebaut werden, Kapazitätsan- und ausläufe schneller und koordiniert unter allen Beteiligten durchzuführen. Als Grundlage dient im nachstehenden Beispiel das bewährte IPL-4-Phasen-Modell der Fabrikplanung.

 

4 Phasen mit klaren Inhalten und Aufgaben

Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren neue Werke oder Hallen gebaut und in Betrieb genommen. Für diese Investitionsprojekte wurden in der Regel umfangreiche Pläne erstellt und idealerweise auch Risikobetrachtungen durchgeführt. Man kann diese Investitionsprojekte als Referenzprojekte für einen kontrollierten Lock-down und den späteren Wiederanlauf für Krisenfälle heranziehen.

 

Abb. 1: 4-Phasen-Modell für Krisensituationen
Abb. 1: 4-Phasen-Modell für Krisensituationen

 

 

Phase 1 – Vorbereitung

„Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete“ – dieser Satz trifft auch auf Krisenszenarien zu. Auch wenn Krisen oft unvermittelt eintreten, so kann man gewisse Entwicklungen dennoch beobachten und die Handlungen im Unternehmen frühzeitig danach ausrichten. Um hier keine Zeit zu verlieren, ist es von Vorteil, sich stets auch mit den Themen Risikoanalyse und Umgang Risiken zu beschäftigen.

Im konkreten Fall könnte diese wie folgt aussehen:

  • Mitarbeiter rechtzeitig über den Auslaufplan und die Aktivitäten in der produktionsfreien Zeit informieren.
  • Einen ganzheitlichen Fahrplan für die Zeit von der Auslaufphase bis Ende der Anlaufphase aufstellen
  • Einen notwendigen Fertigwarenbestand zur Absicherung der Lieferfähigkeit aufbauen
  • Die Sicherheitsbestände der kritischen Bauteile erhöhen
  • Wartungsplan erstellen
  • Potenziale erkennen und Optimierungsmaßnahmen ableiten
  • Layoutänderungen ausarbeiten
  • Schulungskonzepte ausarbeiten


Die genannten Maßnahmen stellen eine Auswahl dar, die einer individuellen Anpassung auf das jeweilige Unternehmen bedürfen und die auch in ihrer Tiefe und in ihrem Umfang noch deutlich stärker ausgearbeitet werden müssen.


Phase 2 – Auslaufphase

Sofern es sich bei der Krise nicht um einen individuellen Havarie-Schaden handelt, so ist in den meisten Fällen ein kontrollierter Auslauf möglich.

Dabei können folgende Schritte durchlaufen werden:

  • Produktion über alle Linien und Produkte gleichmäßig herunterfahren.
    Entsprechend fallen die Schichten in der Reihenfolge aus:
    - Wochenende
    - Nachtschicht
    - Spätschicht
  • Alle Zwischenbestände möglichst auf dem Niveau des Normalbetriebs halten, um einen reibungslosen Wiederanlauf zu gewährleisten.
  • Möglichst Altbestände verbrauchen
  • Ggf. auf Rohstoffe im Lager achten, die ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben.

Hierzu sind umfangreiche planerische Aufgaben auf Basis von Bestandsanalysen notwendig. Diese Tätigkeiten sind zwar zu Beginn ein zusätzlicher Aufwand, jedoch sichern diese Maßnahmen den schnellen und erfolgreichen Wiederanlauf in Phase 4.


Phase 3 – Produktionsfreie Zeit

Die produktionsfreie Zeit kann in unterschiedlichen Bereichen effizient genutzt werden. Unter anderem eignen sich folgende Maßnahmen für diese Zeit:

  • Schulung und Weiterbildung der Mitarbeiter
  • Wartung und Reparatur der Anlagen
  • Austausch der Anlagen
  • Werkserweiterung und weitere Bauarbeiten
  • Layoutänderungen
  • Produktentwicklung und Prototypenbau
  • Produkt-Tests
  • Lean Maßnahmen (Ordnung und Sauberkeit, Visualisierung, Ergonomie, …)
  • Inventur

Sicherlich sind diese Maßnahmen mit Kosten verbunden. Dafür sollten während des Normalbetriebs auch Rücklagen gebildet werden. Alle Maßnahmen tragen dazu bei, dass die Effizienz nach dem Lock-down verbessert wird. Darüberhinaus ermöglicht es die produktionsfreie Zeit, die Mitarbeiter stärker mit einzubinden und deren Ideen zur Optimierung mit aufzugreifen.

Das einzige was in diesem Zusammenhang beachtet werden sollte, ist, dass die mit den Maßnahmen verbundenen Aufgaben nicht künstlich in die Länge gezogen werden und deshalb auch hier ein gesundes Mittelmaß aus „Diskussionszeit/ Arbeitszeit“ und „effizientem Arbeiten“ angestrebt und auch kontrolliert werden sollte.


Phase 4 – Anlaufphase

Jetzt geht es wieder los! Gemäß den erarbeiteten Plänen werden die einzelnen
Bereiche wieder Schritt für Schritt hochgefahren. Hier zeigt sich nun
auch, inwieweit sich die geplanten Prozesse und erarbeiteten Anlaufszenarien
in der Praxis beweisen.

Folgende Punkte können Bestandteil der Anlaufphase sein:

  • Produktion über alle Linien und Produkte gleichmäßig wieder hochfahren. Der Betriebskurve entsprechend fangen die Schichten in der umgekehrten Reihenfolge wieder an.
  • Auf die Kennzahlen wie Produktivität, DLZ und OTD achten.
  • Supply Chain sicherstellen

 

Nachdem sich die Produktion wieder stabilisiert hat und der „Alltag“ wieder eingekehrt ist, sollte man aber auch ein „Lessons Learned“ nicht vergessen, um aus den Erkenntnissen auch weitere Rückschlüsse für künftige Krisen ziehen zu können. Denn nach der Krise ist vor der Krise.