IPL-Magazin 50 | Januar 2020 | Autor: Dr. Albrecht Köhler, Schaltbau Holding AG

Unternehmenswachstum im Spannungsfeld ökonomischer und technologischer Treiber

 

Dr. Albrecht Köhler
Dr. Albrecht Köhler

Die Aussichten für die globale konjunkturelle Entwicklung bleiben weiterhin eingetrübt. Nach einer starken Verlangsamung im zweiten Halbjahr 2018 ist das Wachstumstempo der Weltkonjunktur auch im laufenden Jahr schwach. Dabei hat sich die Dynamik der Produktionstätigkeit auf ein Niveau reduziert, das wir seit der globalen Finanzkrise nicht mehr erlebt haben. Die zunehmenden politischen Spannungen im weltweiten Handelssystem und die geopolitischen Risiken haben zu einer erhöhten Unsicherheit in den Unternehmen über die Zukunft des globalen Handelssystems und die gesamte internationale Zusammenarbeit geführt. Damit ist unweigerlich auch das Vertrauen in die künftige unternehmerische Leistungsfähigkeit, die Investitionsbereitschaft und die Produktivität beeinträchtigt.

Das lässt sich auch an den aktuellen Wachstumsaussichten des Internationalen Währungsfonds ablesen, die mit einem globalen Wachstum von 3,4 Prozent in 2020, nach rund 3 Prozent in 2019, als sehr gedämpft eingestuft werden müssen. Getragen wird das erwartete Wachstum ohnehin vornehmlich von den Emerging Markets, während sich in China, USA und Europa die konjunkturelle Entwicklung noch weiter abschwächen dürfte. Die geringere Wachstumsdynamik in den entwickelten Volkswirtschaften spiegelt sich in einer breit angelegten Verlangsamung des industriellen Wachstums. Die Produktion trifft auf eine schwächere Auslandsnachfrage, insbesondere aus China. Zudem verlangsamt sich die globale Automobilkonjunktur, was die deutsche Automobilindustrie mit ihren angrenzenden Wirtschaftszweigen besonders stark zu spüren bekommt. Der Internationale Währungsfonds rechnet aktuell nur noch mit einem weitgehend stabilen Wachstum für die Gruppe der fortgeschrittenen Volkswirtschaften von weniger als 1,75 Prozent in 2020.

Neben diesen konjunkturellen Problemen, die immer weniger durch eine akkommodierende Geldpolitik wie in den USA gedämpft werden können, stehen wir in einzelnen Wirtschaftszweigen gleichzeitig an der Schwelle zu echten ökonomischen Strukturbrüchen.

Diese disruptiven Veränderungen betreffen nicht nur, aber doch in sehr großem Ausmaß ebenfalls die Automobilindustrie. Ganze Wertschöpfungsketten verändern sich hier und Automobilhersteller entwickeln sich immer mehr zu Mobilitätsanbietern. Aktuell geht der VDA von einem um rund 5% rückläufigen globalen Absatz in 2019 und einem weiteren Rückgang in 2020 aus. Die Kapazitätsauslastungen, Stammbelegschaften und operativen Ergebnisse dürften daher noch weiter sinken. Gerade die vielen mittelständisch geprägten Unternehmen im Bereich von Produktion und Logistik müssen also deutlich mehr tun, als ihre eigenen Produktionsabläufe im Sinne von Six Sigma, Kaizen, Balanced Scorecard & Co. immer weiter zu optimieren.

 

Abb.1: Lebenszyklus der Technologieeinführung
Abb.1: Lebenszyklus der Technologieeinführung

 

Hier stellt sich den Entscheidungsträgern aber die Gretchenfrage, wie sie überhaupt auf solche Strukturbrüche am besten reagieren sollen? – Die übliche Positionsbestimmung der wirtschaftlichen Akteure im Lebenszyklus der Technologieeinführung kann vielleicht hilfreich sein, aber letztlich braucht man immer einen originären Plan auf Basis seiner eigenen Kernkompetenzen und verfügbaren technologischen Ressourcen.

 

Was bedeutet das nun ganz konkret für die zukünftige unternehmerische Gestaltung in Produktion und Logistik?

Am Beispiel der Elektromobilität lässt sich sehr gut zeigen, welche Teilbereiche der Logistik von technologischen Strukturbrüchen schon unmittelbar betroffen sind. Neben der Umstellung auf intelligente Lithium-Ionen Batteriesysteme in der Lagerlogistik gibt es inzwischen auch immer mehr elektrische Transportfahrzeuge, allen voran der Streetscooter. Dabei ist natürlich zu bedenken, dass größere Logistikhubs umfangreiche Investitionen in die Ladeinfrastruktur tätigen müssen.

Während große Nutzfahrzeuge über 7,5 Tonnen mit einem rein elektrischen Antriebsstrang wohl erst in den nächsten fünf Jahren auf den europäischen Markt kommen, ist die sichere Schnelladetechnik auf Basis von Gleichstrom bereits heute schon verfügbar und im ÖPNV beim Aufbau von E-Bus-Flotten erfolgreich im Einsatz. Diese Hochleistungs-Schnellladestationen mit mehreren hundert KW Ladeleistung eignen sich auch für ganz neue Mobilitätsanwendungen der Zukunft, etwa industrielle Shuttles.

Aufgrund der steigenden Anforderungen an den Klimaschutz und die Luftqualität von Städten und Kommunen werden E-Mobility-Lösungen in der Verteillogistik auch konjunkturunabhängig eine vergleichsweise schnelle Verbreitung finden. Entscheidend dafür wird allerdings neben der verfügbaren Ladeinfrastruktur insbesondere die Sicherheit in der Anwendung sein, da es vielfältige Brandursachen bei der Verwendung von Lithium-Ionen Batteriesystemen gibt. Neben Überhitzung, Versagen des Batteriemanagementsystems, mechanischen Schäden oder durch Tiefenentladung geschädigten Zellen ist hier das Risiko harter Kurzschlüsse zu nennen, bei denen viele tausend Ampere fließen können. Deshalb sollte jedes Schalten unter Gleichstrom zuverlässig in Form einer galvanischen Trennung gesichert werden, weil es hier keinen Nullspannungsdurchgang wie bei Wechselstrom gibt.

Weitgehend konjunkturunabhängig ist auch die Logistikinfrastruktur auf der Schiene. Bei der Modernisierung des Bahnsystems, das ja in Deutschland zunehmend im öffentlichen und politischen Interesse steht, befinden sich die vergleichsweise weit entwickelten europäischen Märkte ebenfalls an der Schwelle zu einer technologisch umwälzenden Entwicklung. Insbesondere die Einführung des neuen Europäischen Zugsicherungssystems Level 3, bei dem die Gleisfreimeldung grundsätzlich nicht mehr von der Strecke, etwa durch Achszähler, sondern durch Positionsmeldungen der Fahrzeuge erfolgt, bietet hier enormes Wachstumspotential für die Signal- und Leittechnik. Die Deutsche Bahn hat bereits Investitionen in die Infrastruktur von 86 Mrd. Euro bis zum Jahr 2030 bekannt gegeben. Unabhängige Marktschätzungen sehen ebenfalls digitale Automatisierungstechnologien zur Steigerung der Verfügbarkeit in der Schienenlogistik als wichtigste Wachstumstreiber. Hierzu gehören u.a. auch intelligente Türsysteme. 

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass selbst unter den aktuell schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine Fülle an Wachstumspotenzial bestehen kann, wenn das eigene Technologie-Portfolio zukunftssicher aufgestellt ist. Die Entwicklung von Technologien wird zwar grundsätzlich durch ihre Kapazitätsauslastung während der Gesamtnutzungsdauer sowie ihre strategische Bedeutung im jeweiligen Anwendungsbereich bestimmt. Dabei können einzelne Technologien aber durchaus unterschiedliche Merkmalsausprägungen in verschiedenen Industrien haben.

Ein technologischer Wettbewerbsvorteil ist jedenfalls immer dann gegeben, wenn eine einzelne Technologie in einer Industrie bereits als Basistechnologie in ihrem Lebenszyklus fortgeschritten ist, während sie in einer anderen Industrie den Charakter einer Schlüsseltechnologie aufweist. Insbesondere bei den jungen, schnell wachsenden Marktsegmenten im Bereich der Produktion und Logistik lassen sich solche technologischen Wachstumstreiber derzeit gut beobachten.

 

 



Über den Autoren

Seine strategische und operative Industrie-Kompetenz hat Dr. Albrecht Köhler vor seinem Eintritt bei Schaltbau über drei Jahrzehnte in mehreren leitenden Vertriebs- und Operations-Positionen gewonnen, unter anderem bei Knorr Bremse, wo er lange Jahre Mitglied der Geschäftsführung der Schienenfahrzeug-Sparte war. Dr. Albrecht Köhler ist promovierter Diplom-Ingenieur der Fachrichtung Maschinenbau.