Dr. rer. nat.  Dieter Neumann

IPL-Magazin 46 | Januar 2019 | Autor: Dr. rer. nat. Dieter Neumann


Gehen uns die Mitarbeiter aus?

Digitalisierung, Globalisierung, demografischer Wandel – die Arbeitswelt unterliegt intensiven Veränderungen. 

Eine bundesweit geringe Arbeitslosenquote tut ein Übriges. Die Spielregeln zwischen Bewerbern und Unternehmen werden neu definiert. Heutzutage ist ein qualifizierter Spezialist schon lang kein Bewerber mehr, sondern ein massiv Umworbener. Konnten Unternehmen, insbesondere Konzerne, noch vor wenigen Jahren eine nicht abreißende Bewerberflut verzeichnen, so beobachten wir heute, dass die Karriereseiten dieser Unternehmen eine immer größer werdende Anzahl offener Positionen aufweisen und mittelständische Unternehmen Aufträge ablehnen müssen, weil keine Ressourcen zur Umsetzung vorhanden sind. Auf der anderen Seite warnen einige Auguren vor dem „Angriff der Roboter“. Immer mehr Tätigkeiten - auch anspruchsvolle - könnten durch immer „intelligentere“ Roboter substituiert werden. Ist dann vielleicht schon im Jahr 2050 das bedingungslose Grundeinkommen Realität, und müssen sich immer mehr Menschen dem „süßen Müßiggang“ hingeben?

Vom Arbeitsmarkt zum Bewerbermarkt

In den kommenden Jahren wird sich die Bevölkerungsstruktur in Deutschland weiter stark verändern. Die Bevölkerung soll schrumpfen, wir werden immer älter und die Babyboomer gehen ab 2020 in den Ruhestand. Die Arbeitslosenquote, die bundesweit aktuell bei ca. 5% liegt, hat in einigen Regionen die 3%-Marke, ab der man von Vollbeschäftigung spricht, bereits unterschritten. Da ein sich verschärfender Wohnraummangel den weiteren Zuzug optionaler Arbeitskräfte begrenzt, ist Kreativität von Seiten der Unternehmen gefragt. So setzt beispielsweise BMW regelmäßige im Schichtrhythmus getaktete Pendelbusse bis in die ferne Peripherie des Standortes München ein. Fachkräfte sind in der komfortablen Situation nicht mehr Bewerber, sondern intensiv Umworbene zu sein, wobei das Umwerben bereits in Schulen und Hochschulen beginnt. Dabei haben sie in der Regel die Auswahl zwischen mehreren Offerten.

Die Unternehmen reagieren mit einem Ausbau ihrer HR-Abteilungen und beauftragen in zunehmendem Maß Personalberater, in der Hoffnung im Rennen um die Ressource Personal nicht abgehängt zu werden. Ein gutes Gehalt lockt Bewerber nach wie vor - aber reicht das?

Erwartungen und Bedürfnisse des „Mitarbeiters 4.0“

Unter welchen Aspekten die heißbegehrten Spezialisten eine neue Stelle auswählen und was ein Arbeitgeber ihnen bieten sollte, haben Studien untersucht. Wichtig ist demnach ein guter Einklang zwischen Karriere, Gesundheit, Partnerschaft und Persönlichkeit - die Work-Life-Balance gewinnt an Bedeutung. Die Unternehmenskultur soll eine Bereicherung für den Bewerber sein. Der überwiegende Anteil der Fach- und Führungskräfte ist davon überzeugt, einen wichtigen Beitrag für das Unternehmen zu leisten. Deshalb ist das Selbstvertrauen hoch und auch die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust gering, zumal die Arbeitnehmer ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt als gut einschätzen.

Ein wichtiges Entscheidungskriterium für potenzielle Kandidaten ist die Identifikation mit der Unternehmenskultur. 80% der in der Studie Befragten würden eine neue passende Stelle ablehnen, wenn sie sich nicht mit dem Unternehmen identifizieren können. Als wichtig erachtet werden weiterhin ein ausreichendes Maß an Entscheidungsfreiheit und ein breites Aufgabenspektrum.

Gewinnen und Binden der richtigen Mitarbeiter

Es ist zwar schon einige Jahre her, aber die Mentalität ein komplettes Berufsleben in einem Unternehmen zu verbringen, war nicht nur in Konzernen weit verbreitet. Ein Arbeitsplatzverlust gab Anlass für eine Lebenskrise. Heute geht nur noch eine Minderheit der Beschäftigten davon aus, dauerhaft in einem Unternehmen tätig zu sein. Die eigene Erfahrung des Autors zeigt, dass bei motivierender Ansprache durchschnittlich mehr als 30% der Mitarbeiter eines Unternehmens wechselbereit sind. Die Anzahl der Mitarbeiter, die aktiv auf der Suche sind, ist dagegen deutlich geringer. Unternehmen stellen heute bereits fest, dass Stellenausschreibungen auf immer weniger Resonanz stoßen. Angebot und Nachfrage haben sich gedreht.

Eine zunehmende Bedeutung im Rekrutierungsprozess haben die sozialen Netzwerke sowie die persönlichen Netzwerke von Führungskräften und Mitarbeitern. Die Ansprache der 30% latent wechselbereiten Mitarbeiter aus anderen Unternehmen wird vielfach an Personalberatungen übertragen, die geeignete Kandidaten identifizieren, ansprechen und gemäß fachlicher und persönlicher Eignung überprüfen.
Sind die Mitarbeiter dann an Bord, so gilt es sie zu halten. Das Unternehmen 4.0 sollte, so weit es geht, die Bedürfnisse des Mitarbeiters 4.0 berücksichtigen und zur Intensivierung der Bindung möglicherweise über den Tellerrand hinausschauen.

Künftige „Caring Companies“ könnten Kinderhorte und Schulen für die Kinder der Mitarbeiter anbieten und Pflegedienste für die Eltern der Mitarbeiter. Ein neues Job-Angebot hätte dann bei einer solch weitreichenden Bindung an das Unternehmen wenig Chancen.

Computer und Roboter als Jobkiller?

Die Sorge, dass Computer und Roboter Arbeitsplätze vernichten, gibt es seit dem Aufkommen der ersten Rechner in den 50er Jahren. Und der Blick in die Produktionshallen der Automobilhersteller zeigt, dass einige Bereiche bereits weitgehend menschenleer sind, weil Kollege Roboter das Schweißen, Schrauben und Lackieren übernommen hat. War ein Kollege dieser Art bisher noch ein gefährlicher Zeitgenosse, der von seinen menschlichen Kollegen strikt zu trennen war, so gibt es heute sensible Zeitgenossen.

Es sind bereits Roboter zu sehen, die gefühlvoll eine Flasche Bier öffnen, den Inhalt in ein Glas leeren und dieses dem staunenden Besucher übergeben. Diese kollaborativen Roboter, die ohne Schutzzäune gemeinsam mit menschlichen Kollegen agieren, sind nicht nur behutsam, sondern einige können auch lernen und dieses neue Wissen ihren Roboterkollegen weitergeben. Der Grad der „Intelligenz“ steigt. Die alte Weisheit, dass gute Bildung ein solider Schutz gegen den Angriff dieser smarten Kollegen ist, gilt nach wie vor – doch der Schutzschild wird brüchig.

Wir können davon ausgehen, dass im Rahmen der digitalen Revolution zunehmend auch anspruchsvollere Aufgaben von Computern oder Robotern übernommen werden und somit gut bezahlte Arbeitsplätze wegfallen. Die Liste der gefährdeten Arbeitsplätze reicht von Bürokräften über kaufmännisch/technische Berufe bis hin zu Bankern während Berufe, die Kreativität und soziale Intelligenz erfordern (z.B. Pfleger, Lehrer, Manager) auf der Gewinnerseite stehen.

Arbeitsmarkt 5.0 und 6.0 - eine Zeitreise

Eine Reise in das Jahr 2025 könnte gemäß dem Zukunftsforscher Jánszky folgendes Szenario zeigen: Computer sind deutlich intelligenter geworden, erreichen jedoch noch nicht die allgemeine menschliche Intelligenz. Es gehen ein paar Jobs verloren, es entstehen aber auch viele neue. Dazu kommt in Deutschland die Massenverrentung der Babyboomer-Generation. Es gibt Vollbeschäftigung, wenngleich auch in anderen Beschäftigungsformen.
Die Arbeitswelt wird mehr in Projekten organisiert sein. Anpassung und Flexibilität ist die große Herausforderung.

Ein Szenario für 2050 sieht deutlich gewöhnungsbedürftiger aus: Computer haben mittlerweile die menschliche Intelligenz erreicht und übertroffen.
Es können in Sekundenbruchteilen durch Copy&Paste millionenfach superintelligente Computerarbeitskräfte entstehen. Viele Menschen verlieren ihre Jobs und das bedingungslose Grundeinkommen wird durch Steuerabgaben der Rechner-und Computerwelt finanziert. Bei der Frage, wann es soweit ist, schwanken die Prognosen zwischen den Jahren 2050 und 2090. Wir haben also noch einige Jahre Zeit, um uns auf den „süßen Müßiggang“ vorzubereiten.


Über den Autoren:

Dr. Dieter Neumann ist promovierter Physiker und war über 25 Jahre in leitenden Positionen bei Konzernen und mittelständischen Unternehmen tätig, davon 9 Jahre als Geschäftsführer und 7 Jahre als Boardmitglied.

Dr. Neumann berät Unternehmen in den Themenfeldern Sales- und Marketingstrategie sowie Mitarbeiterführung und Motivation. Als Partner der Personalberatung Orzelek & Cie. ist er u.a. für die Bereiche Vertrieb, Marketing, Business Development und Consulting im IT-Umfeld tätig.

www.orzelek-cie.com