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IPL-Magazin 21 | Oktober 2012 | IPL Gastautor: Prof. Helmut F. Karner


Welche Auswirkungen hat es auf das Supply Chain Management? 

 

Prof.  Helmut F. Karner

Fünf Jahre „alternativloses“ Nichts-Tun

Im Juli 2012 haben wir 5 Jahre Finanzkrise „gefeiert“. Nachhaltig geschehen ist gar nichts. Und wird wohl auch nicht: zu egoistisch sind die nationalen Interessen der Politik, das tiefgreifende fachliche Unverständnis, die Feigheit, dem Bürger die Wahrheit einzuschenken. Und das Interesse, die nächsten Wahlen noch einmal zu überstehen. „Hinter mir die Sintflut!“


Die bisherigen Versuche sowohl der Krisenbewältigung als auch der Vermeidung künftiger Krisen greifen zu kurz.

 

Meine Einschätzung der Lage

Die bisherige Strategie der Politik wird – solange es geht – weiter fortgeschrieben: beschwichtigen, verschleiern, auf Zeitgewinn spielen. „Kicking the can down the road!“.

Nur könnten unvorhergesehene Querschüsse kommen:


Die Euro-Regierungen werden die grundlegenden, systemischen Probleme nicht beheben:


Ein Schuldgeldsystem führt über die Zins- und Zinseszinsproblematik zu einer ständigen Aufblähung des Geldvermögens und damit der Geldschulden, sofern die Vermögen nicht durch welche Methode auch immer gekappt werden. (Volkswirtschaftliches) Sparen ohne gleichzeitige Geld-Vermögensvernichtung ist nicht möglich. Damit werden unabhängig vom realwirtschaftlichen Wachstum Geldvermögen und Geldschulden ständig erhöht. Da Geldvermögen bedient werden muss (Zinsen) muss die leistungserbringende Realwirtschaft einen immer größeren Anteil (sofern sie nicht überproportional wächst – Wachstumszwang!) für die leistungslose Finanzwirtschaft abzweigen.

Wächst die Wirtschaft, kann diese ständig steigende Umverteilung von leistungserbringender Wirtschaft zu leistungsloser Geldanlage bis zu einem gewissen Grad kaschiert werden. Bei stagnierender Realwirtschaft wird die Problematik aber evident. Aus diesem Dilemma gibt es keinen Ausweg. Solange also die Geldvermögen weiter steigen, müssen sie mit steigenden Erträgen bedient werden, diese steigenden Erträge müssen die Leistungserbringer in der Realwirtschaft erwirtschaften, d. h. sie werden ihnen vorenthalten; mit anderen Worten: sie erhalten für ihre Leistung immer weniger Entgelt.

Daher bleibt das grundsätzliche Problem – keine Entschuldung (nicht nur der Staaten, sondern auch der Privaten und Unternehmen) – weiter bestehen. Dies würgt das Wachstum ab, die Staaten können sich die Rückzahlung der Zinsen einfach nicht mehr „verdienen“. Das „Kicking the can down the road” hat ein Ende.


Das Ende der Strasse

Auch die reichen Nord-Staaten werden dann – durch ihr Einstehen-Müssen für die Unfinanzierbarkeit der Schulden der Süd-Staaten – schwer leiden und hohe Verluste hinnehmen, die ihre Staatsverschuldung weit über die 100% des BIP treiben wird, also die Zinsen auf Staatsschuld auf den Finanzmärkten nicht mehr „verdienbar“ machen.  Bliebt nur noch das Anwerfen der Gelddruckpresse.  Das Ende ist dann wie bei allen Papiergeldsystemen eine völlige Geldentwertung durch Hyperinflation mit abschließender Währungsreform. Das liegt ja auch im Interesse der Staatsschuldner, weil sie sich damit am schnellsten entschulden können. „Gute“ Staaten sind heute auf etwa 8 Jahre mit Fixzins finanziert, eine Inflation von z.B. 7 % reduziert die Staatsschuld in 8 Jahren etwa um die Hälfte.

Die Geldvermögen der Bürger allerdings auch. Dies ist ja heute schon teilweise so: die „gefühlte Inflation“ liegt heute schon bei 6-7%, der „kleine Warenkorb“ hat sich doppelt so schnell verteuert wie die schönrechnende offizielle Inflation (KPI), die Zinsen, die Sie heute auf Ihre Sparguthaben bekommen können, sind vielleicht ein Fünftel davon.

Erst dann wird sich der kleine Mann, der nun um sein gesamtes Sparvermögen und Altersvorsorge betrogen wurde, fragen: „wie war das möglich und warum haben wir nicht früher reagiert?“


Und was hat das alles mit der Supply Chain zu tun?

Ich war vor vielen Jahren Generaldirektor bei Olivetti und habe lange nicht verstanden, wie in den 1990er Jahren die brasilianische Tochtergesellschaft von Olivetti mehr Gewinn als Umsatz machen konnte? Dies ist ja mit einfachem betriebswirtschaftlichem Verständnis nicht nachvollziehbar. Da muss man schon Hyperinflation und Währungsabwertung denken gelernt haben. Habe ich die PCs billig genug eingekauft und stehen sie lange genug in meinem Lager, dann habe ich eine riesige „Lageraufwertung“. Solange ich sie dann halt auch noch „anbringe“. Ähnliches geschieht mit meinen „Work in Progress“ Lagerbeständen. Und Rohmaterialien.

So betriebswirtschaftlich „attraktiv“ dies klingt, so sehr gibt es negative Gegeneffekte:


Daher ist nicht nur Scenario Planning angesagt, sondern auch Contingency Planning (also: „was muss ich jetzt tun, um mich auf ein solch mögliches Szenario einzustellen?)


Ein gutes Timing und genaue Beobachtung der Situation ist angesagt, weil der Crash kommt ja nicht auf einmal, sondern in Salamischeiben.


Ein hoffnungsfroher Ausblick:

„Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist“. So hat es die Tante Jolesch gesagt. (Nach einem Bericht ihres Neffen Franz, der über einen zuvor erlebten Autounfall mit den Worten „Noch ein Glück, dass ich mit dem Wagen nicht auf die Gegenfahrbahn gerutscht bin, sondern ans Brückengeländer“ ).

Und als Österreicher sind wir natürlich mit dem Kreisky Ausspruch gut beraten: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“, sagt man in Deutschland. Bei uns heißt es: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst!


 



Über den Autoren:

Prof. Helmut F. Karner 

war jahrzehntelang Spitzenmanager in internationalen Großunternehmen. Er ist jetzt international tätiger Unternehmensberater, Spiritus Rector eines Think Tanks zur Finanzkrise http://fbkfinanzwirtschaft.wordpress.com/. 
Er lehrt auch seit 16 Jahren als Gastprofessor an der Donau-Universität Krems, wo er u.a. die wissenschaftliche Betreuung des Postgradualen Lehrganges „Supply Chain Management“ wahrnimmt.