Prof. Dr. Gerhard Metze

IPL-Magazin 51 | April 2020 | Autor: Prof. Dr. Gerhard Metze

 

Strategisches Beschaffungsmanagement ist auf den Wandel nicht vorbereitet

 

„Global Sourcing“ war das große Mantra des strategischen Beschaffungsmanagements. Die ersten Tiefschläge kamen mit der Präsidentschaft von Donald Trump, der wesentliche härtere Punch kommt durch die Pandemie des Corona-Virus.

Eine politisch gewollte oder von Umwelteinflüssen erzwungene Konzentration auf nationale bzw. regionale Wertschöpfungsketten wird zunehmend zu einem „Local-for-Local-Sourcing“ führen. Knappheit bei der Versorgung Europas mit Pharmazeutika aus Indien und China im letzten Herbst haben das Problem bereits anklingen lassen. Die extremen Wirkungen der aktuellen Pandemie des Corona-Virus machen dies nun überdeutlich.

Das strategische Beschaffungsmanagement wird auf Grund einer Reduktion des Global Sourcing an Bedeutung verlieren. Insbesondere verändern sich die Anforderungen an die Qualifikation für das vermehrte Local-for-Local-Sourcing für die Engineering- Seite, die IT- Seite und für Coaching- Aufgaben im soziokulturellen Bereich. Diese werden sich kaum einer Beschaffungsabteilung zuordnen lassen. Im operativen Beschaffungsmanagement wird der Anteil der IT am Wertschöpfungsprozess der Beschaffung immer größer werden, verbunden mit dem Einsatz IT- bezogener Qualifikationen. Damit ist eine Verbesserung der Effektivität des Beschaffungsmanagements nicht zwangsläufig gegeben. Aber sie wird weiter zu einem Rückgang der ureigenen Beschaffungsaufgaben wie vor den 90ziger Jahren führen.

Ist das Beschaffungsmanagement für diese Herausforderungen aufgestellt? Ich meine: Nein! Dabei gibt es durchaus ein Beispiel, wie ein Unternehmen die Risiken der Globalisierung nicht nur gemeistert, sondern in Chancen umgewandelt hat: Die rechtlich selbständigen Einheiten von W.L. GORE & Associates ohne formelle Zentrale. Sie sind nach dem sog. „Amöben-Prinzip“ absolut dezentral und unabhängig voneinander organisiert, Wachstum erfolgt über eine „Zellteilung“. Das ist sicher nicht 1:1 für Unternehmen mit wesentlich höherer Komplexität anzuwenden.

Aber die entscheidenden Prämissen aus der Evolutionstheorie gelten auch hier: Unabhängige Einheiten, die sich an die jeweilige Umwelt schnell anpassen – oder auch nicht.