Carsten Hirschberg

IPL-Magazin 49 | Oktober 2019 | Autor: Carsten Hirschberg

 

Ein Leben in schwarz-weiß?

Digitalisierung ist derzeit gerade eines DER Buzzwords in unserer Gesellschaft. Also digitalisieren wir, was bei Drei nicht auf den Bäumen ist: unser Leben, unsere Arbeitswelt, unsere Freundschaften, vielleicht ja sogar unsere Familien. Digitalisierung bedeutet in der letzten Konsequenz, dass es im schlechtesten Fall nur noch zwei Zustände gibt: schwarz und weiß, richtig und falsch, teuer und billig, … Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Sicherlich ist es möglich, durch die Digitalisierung Kosten einzusparen. Also wird die Produktion digitalisiert durch neue Verfahren wie 3D Druck, digitale Schnittstellen und Industrie 4.0. Der Vertrieb wurde durch Online Shops, digitale Vertriebswege sowie die zunehmende Verbreitung von Apps bereits optimiert. Nun läuft die Digitalisierung der Beschaffung und auch bereits der gesamten Supply Chain. Analoge Informationen werden schnell und (annähernd) korrekt in die Systeme eingespeist, verarbeitet und mittels Big Data dann auch zielgerichtet ausgewertet. Nein, ich bin kein Gegner der Digitalisierung!

Im Geschäftsleben halte ich Digitalisierung grundlegend für sinnvoll. Aber die Bestrebungen, alles und jeden digitalisieren zu wollen und quasi damit von jedem Menschen einen Digital Twin zu erzeugen, finde ich persönlich sehr bedenklich. Die mögliche Abschaffung des Bargelds ermöglicht die totale Kontrolle über Geldflüsse und unser Leben. Die digitale Gesundheitskarte mag sinnvoll sein, bietet aber die Möglichkeit, dass viele unseren Gesundheitszustand kennen, mit allen Konsequenzen daraus. Das geplante System der „Sozialpunkte“ für sozialkonformes Verhalten in China ist der Alptraum George Orwells. Und die Digitalisierung in der Bildung mag ja hilfreich sein für den zukünftigen Umgang mit der digitalen Welt, aber sie schafft auch „Digitalidioten“, die ohne digitale Medien nicht mehr lebensfähig sind und eine analoge Welt vielleicht irgendwann auch nicht mehr akzeptieren werden. So sind Studenten anscheinend kaum mehr willens und in der Lage, ohne digitale Medien zu studieren. Wir erschaffen uns gerade eine Welt der digitalen Zombies: die „Smombies“ (=Smartphone Zombies) sind erst der Anfang!

Wie schön war doch die „alte“, die „analoge“ Welt mit ihren ganzen schönen Grautönen. In dieser Welt gab es so viele wunderbare Zwischentöne, die zukünftig immer mehr vergessen oder ignoriert werden.

Die Welt läuft derzeit darauf hinaus, dass es in vielen (oder sogar in allen?) Bereichen nur noch den Binärzustand geben wird und die Frage, die wir uns alle stellen sollten, lautet: Wollen wir das wirklich?