Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier

IPL-Magazin 48 | Juli 2019 | Autor: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier

 

Darf ich vorstellen – hier ist Ihr neuer Kollege.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Sie am Montag die Erfahrungen vom Wochenende ausgetauscht haben. Oder in denen Sie unproduktiv waren und sich u.a. von Urlaubserlebnissen oder Grillparties erzählt haben. Über diese Erfahrung verfügt Ihr neuer Kollege nicht. Wahrscheinlich beherrscht er nicht einmal den dazugehörigen Wortschatz.

Die Rede ist nicht von einem Immigranten, sondern von einem echten Workaholic. Sein Leben ist ausgerichtet auf Arbeit und sonst nichts. Freizeit interessiert ihn nicht. Er braucht keine Pausen, keine persönlichen Verteilzeiten, keinen Urlaub. Das alles macht ihn zum Liebling ihres Chefs. Wo bleibt da Ihre Karriere? Schlechte Karten also, wenn die nächste Gehaltserhöhung oder die nächste Beförderung verhandelt wird. Seine Leistungen lassen sich sehen. Er löst alles vorbildlich. Er hat die bessere Kondition, kann sich mehr merken, wiederholt Abläufe exakt identisch und macht dabei keine Fehler. Seine (künstliche) Intelligenz nimmt jedes Jahr zu. Alzheimer muss er nicht fürchten. Sollte dann doch einmal ein Gelenk oder ein Speicher nicht mehr funktionieren, so wird innerhalb von Minuten ausgetauscht. Denn auch dafür gibt es neue Kollegen. Und schon kann es weitergehen.

Sie denken, aber irgendein Laster muss der neue Kollege doch haben. Klar, er braucht Strom und einen Internetanschluss. Auseinanderhalten kann man all die neuen Kollegen auch nicht wirklich. Doch ihren Chef scheint das nicht zu stören. Die ganze Gefühlsduselei kann er sich in Zukunft sparen. Eine Anordnung aussprechen und schon wird es ausgeführt. Es kommen kein Widerspruch, keine Bedenken, keine Forderungen nach besserer Arbeitsplatzgestaltung und humanen Umgang.

Diese Erfahrungen scheint auch der Chef von ihrem Chef gemacht zu haben. Denn schon geht das Gerücht um, dass ihr Chef bald ersetzt werden soll. Unerbittlich soll der neue Chef sein und nur Fakten zählen lassen. Keine Emotionen und kein Verständnis für Verspätungen, Fehler oder Irrtümer. Für den neuen Chef ist das alles nur menschlicher Kleinkram – so heißt es. Vielleicht sollten Sie in Zukunft auch solche verlässlichen und leistungsfähigen Mitarbeiter einstellen?