Prof. Dr. Gerhard Metze

IPL-Magazin 43 | April 2018 | Autor: Prof. Dr. Gerhard Metze

 

Shopfloormanagement und Industrie 4.0 haben durchaus etwas miteinander zu tun, aber ganz anders als meist diskutiert.

 

Publikationen zum Thema sind typisches Methoden- Marketing, bei dem großzügig über die unterschiedlichen Technologien und Komplexitäten in einer modernen Industrie hinweggesehen wird. Shopfloor-Management als Führungsinstrument „vor Ort“ direkt an der Wertschöpfung soll helfen, Probleme schnell und unmittelbar wahrzunehmen und auch schnell abzustellen. Unabhängig davon, dass diese Umschreibung eher einer permanenten Improvisation statt einer Optimierungs-Strategie entspricht, werden die Anwendungsbereiche für den Einsatz von Shopfloormanagement immer kleiner.

Denn es ist nur noch in den Industrien und Bereichen möglich, bei denen große Gestaltungsspielräume – und damit Fehler- und Verschwendungsmöglichkeiten - im Ablauf bestehen. Diese sind jedoch aufgrund der Techno- Logik der Verkettung der technischen Prozess- Schritte in hochmodernen Produktionen immer weniger gegeben, weder bei dem Einsatz von Bearbeitungszentren noch bei einer additiven Produktion, nicht im hochautomatisierten Automobil- Montage, auch kaum im Bereich der Verfahrens- und Prozesstechnik. Insofern engt sich die Anwendbarkeit auf „klassische“ Montageprozesse ein. Aber auch in der Montage sind mit zunehmender Digitalisierung und einem zunehmenden Einsatz von Robotern und automatischen Transportmitteln als Elemente von I 4.0 immer weniger Handlungsalternativen für die beteiligten Mitarbeiter zu sehen. Oft hat der Mitarbeiter nur noch die Alternative,  etwas falsch zu machen, manchmal nicht einmal das.

Natürlich lassen sich noch Anwendungsfelder finden, in Branchen, die sich in den letzten Jahrzehnten in ihren technologischen Abläufen der Produktion kaum geändert haben – wie z.B. in handwerklich geprägten Branchen, in denen ein hoher Anteil an persönlich gebundenem Know How ausschlaggebend ist, das sich nicht so einfach und ökonomisch sinnvoll digitalisieren lässt. In den typischen großindustriellen und exportstarken Branchen der Kraftfahrzeuge, der Haushaltsgeräte, in verfahrenstechnischen Branchen wie Chemie und Pharma wird die Sinnhaftigkeit des Shopfloormanagements - mangels Beeinflussbarkeit von der Shopfloor- Ebene aus - zurückgehen. Die Optimierung von überwiegend technisch determinierten Prozessen und Prozess- Schritten wird zunehmend am „digitalen Zwilling“ am Bildschirm vorgenommen, der Spielraum für Optimierungen vor Ort entfällt. Im administrativen Bereich gibt es zwar praktisch überall noch einen offenen und tabuisierten Problembereich, die Ergänzung, ja Dominanz von Excel- Systemen zum offiziell installierten ERP – System.

Hier wären Lösungen eigentlich nur „vor Ort“ im administrativen Shopfloor zu finden. Aber das wird eine zentrale IT- Abteilung nicht erlauben, vor allem dann nicht, wenn das Thema nicht einmal diskutiert werden darf. Angesichts der unbestreitbaren Erfolge von Shopfloormanagement in der Vergangenheit steht ihm heute zumindest eine Beerdigung „erster Klasse“ zu.