Johannes Scholz

IPL-Magazin 39 | April 2017 | Autor: Johannes Scholz, Krones AG, Leiter Krones Innovation Lab

Methodik zur Schaffung von Flexibilitätspotenzialen

Der Wandel der Industriegesellschaft seit Beginn der industriellen Revolution hat vielfältige Veränderungen für Unternehmen mit sich gebracht. Derzeit ist die nunmehr vierte industrielle Revolution im Gange, welche in Deutschland unter dem Schlagwort Industrie 4.0 in aller Munde ist. Zunehmend findet jedoch der treffendere Begriff „Digitalisierung“ Verwendung. 

Ob die vonstattengehenden Veränderungen nun mit dem Begriff Digitalisierung oder Industrie 4.0 betitelt werden, ist nicht der entscheidende Punkt. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass durch die sich damit ergebenden Veränderungen auch weitrechende Auswirkungen für die Mitarbeiter der Unternehmen verbunden sind. 

Der erhöhte Internationale Wettbewerbsdruck, dem Unternehmen ausgesetzt sind, verstärkt nicht nur das Verlangen nach Flexibilität, sondern auch den Bedarf an rund um die Uhr verfügbaren Dienstleistungen und flexiblen Arbeitszeiten. Unternehmen dürfen deshalb ihren Fokus nicht nur auf die Vernetzung und Digitalisierung ihrer Unternehmensprozesse legen, sondern müssen auch ihre Mitarbeiter berücksichtigen. Besonders die Belastung durch Schichtarbeit im Produktionsumfeld bedarf einer besonderen Fürsorge durch den Arbeitgeber. Forschungsarbeiten aus dem Fachgebiet der Arbeitswissenschaft vermögen hier zu unterstützen. 

Die im folgenden vorgestellte Methodik liefert ein Planungs- und Analysewerkzeug, welches dabei helfen kann, für Unternehmen und Mitarbeiter zugleich Flexibilitätsspielräume aufzuzeigen. Dadurch profitiert nicht nur das Unternehmen von einem flexibleren Einsatz des Mitarbeiters sondern auch die Beschäftigten, für welche mehr Möglichkeit besteht, Privat- und Berufsleben in Einklang zu bringen.

Die Methodik gliedert sich dabei in drei Phasen. In Phase 1 der Methodik werden mittels einer Grobanalyse die Potenziale zur Flexibilisierung vorbewertet. Durch das Ergebnis der Grobanalyse kann für weitere Analysen bereits ein Unternehmensbereich ausgewählt werden, welcher ein besonders hohes Potenzial zur Flexibilisierung bietet. 

Im ausgewählten Bereich werden in der zweiten Phase durch die Strukturanalyse Daten aufgenommen, welche in der dritten Phase in einer Detailanalyse Verwendung finden. 

Das detaillierte Analyseverfahren in der dritten Phase gibt Auskunft über die konkreten Potenziale und Stellgrößen zur flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit.

Die Grobanalyse in Phase 1 untersucht fünf verschiedene Flexibilitätsarten hinsichtlich ihrer Ausprägung. Die Flexibilitätsarten betrachten die Arbeitsflexibilität, die Transportflexibilität, die Ausbringungsflexibilität, die Produktflexibilität und die Produktionsflexibilität. In jedem dieser Bereiche stehen eine Reihe von Leitfragen zur Verfügung, welche dabei helfen die Flexibilität in vordefinierte Reifegrade eizuordnen. Durch die Reifegradeinstufung wird die Auswahl eines Untersuchungsbereichs für die zweite Phase der Methodik ermöglicht. 

 

Abb. 1: Phasen der  Methodik zur  Bestimmung der  Flexibilitätspotenziale
Abb. 1: Phasen der Methodik zur Bestimmung der Flexibilitätspotenziale

 

 

Die Strukturanalyse in Phase 2 dient der Datensammlung und der strukturierten Darstellung des Ist-Zustandes der Gegebenheiten der Produktionseinrichtungen. 

Diese Ist-Darstellung wird als Produktionsstruktur bezeichnet. Die Produktionsstruktur ist in Form eines morphologischen Kastens aufgebaut und Listet insgesamt 73 Faktoren, welche die Produktion detailliert beschreiben. Die dabei betrachteten Faktoren lassen sich 3 Kategorien zuordnen. Kategorie 1 betrachtet allgemeine Faktoren wie die Anzahl oder die Art der Arbeitsplätze. 

Kategorie 2 bezieht sich auf den Menschen betreffenden Faktoren wie die Arbeitszeit. 

In der dritten Kategorie sind alle technischen Faktoren gelistet. Diese betrachten unter anderem die Prozesse, den Aufbau der Produktion oder die Logistik.

 

Abb. 2: Aufbau und  Kategorien der  Produktionsstruktur
Abb. 2: Aufbau und Kategorien der Produktionsstruktur

 

 

Nach erfolgter Datenaufnahme und Abbildung der Produktionsstruktur lassen sich in der dritten Phase der Methodik konkrete Stellgrößen zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung ableiten. Hierzu werden in der dritten Phase alle 73 Faktoren der Produktionsstruktur mit lokalen Experten und Produktionsangestellten diskutiert und somit hinsichtlich ihres Einflusses auf die Flexibilität bewertet. 

Viele Projekte zur Flexibilisierung der Arbeitszeit werden durch eine schlechte oder nur teilweise vorliegende Datenbasis erschwert. Ebenfalls ist in Unternehmen das benötigte Wissen auf viele Personen verteilt und liegt teilweise nur implizit vor. Der große Vorteil der geschilderten
Methodik besteht darin, das vorliegende Wissen der beteiligten Personen in strukturierter Form zu ermitteln, zu dokumentieren und zu analysieren. 

Es bleibt zu hoffen, dass neben allen technischen Verbesserungen, welche Unternehmen im Zuge der Digitalisierung umsetzen, auch das Augenmerk auf den Mitarbeiter selbst gerichtet wird. Die Mitarbeiter stellen den wichtigsten Leistungsfaktor in einem Unternehmen. Dementsprechend gilt dem Erhalt ihres Wohlbefindens sowie der Schaffung von schädigungslosen Arbeitsbedingungen höchste Priorität. 

 


 

Über den Autoren

Johannes Scholz

Krones AG, Leiter Krones Innovation Lab

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