Avery Zweckform GmbH

IPL-Magazin 36 | Juni 2016 | Autor: Prof. Dr. Markus Däubel

IPL Beratung bei der Avery Zwecksform GmbH im Einsatz

Lagerstrukturanalyse zur Bestimmung optimaler Zielbestände im Eingangslager

 

Prof. Dr. Markus DäubelDispositionsmethoden in Unternehmen sind vielseitig, werden aber nicht immer standardisiert eingesetzt. Durch Klassifizierung nach Wert, Volumen oder Gewicht (ABC-Artikel) und nach Verbrauchsschwankung (XYZ-Artikel) ermöglicht die Lagerstrukturanalyse (LSA) Standards zu erkennen. Ebenfalls können durch die erweiterte Lagerstrukturanalyse optimale Bestellmengen und Fertigungslosgrößen ermittelt und abgeglichen werden, damit die Bestände im Bereich des Wareneingangslagers und des Fertigwarenlagers aufeinander abgestimmt sind. Dazu passende Kennzahlensysteme sind die Voraussetzung.


Mit den richtigen Stellschrauben kann der Disponent das scheinbare Dilemma – Verfügbarkeit erhöhen bei gleichzeitiger Reduzierung der Bestände – lösen, siehe Abbildung 1.

 

Abb.1:  Das scheinbare Dilemma der  Disposition 

 

Rahmenbedingungen

Die Avery Zweckform GmbH hat der IPL Beratung GmbH den Auftrag gegeben, eine „Lagerstrukturanalyse zur Bestimmung optimaler Zielbestände im Eingangslager“ durchzuführen.

Die Avery Zweckform GmbH, ein Unternehmen der CCL Industries Inc., Toronto (Kanada), ist führend bei innovativen Technologien und Produktlösungen rund um PC-bedruckbare Medien. Der Sitz des Unternehmens ist in Oberlaindern bei Holzkirchen in Bayern. Unter seinen Erfolgsmarken Avery Zweckform, Z-Design und Chronoplan bietet das Unternehmen in Deutschland über 2.000 Produkte für professionelle und individuelle Arbeit im Büro und zu Hause.

Produkte der Marke Avery sind Global Player in folgenden Bereichen:

  • Selbstklebetechnik für Büro- und Endverbraucherprodukte (z. B. auch Etiketten)
  • Trägermaterialien für Selbstklebeetiketten
  • Spezielle Etikettiersysteme
  • Haftklebetechnologie (nach Quelle: www.avery-zweckform.com)

 

Lagerstrukturanalyse
 
Fast jedes Unternehmen, wie auch die Avery Zweckform GmbH, hat seine spezifische Datenhaltung und auch sein individualisiertes ERP-System, sodass die Ersterhebung und Verifizierung der Lagerstrukturdaten erhöhten Aufwand mit sich bringen.
Da sich die Artikelstruktur kontinuierlich ändert, ist es umso wichtiger, die Lagerstrukturanalyse in bestimmten Abständen zu wiederholen - der Autor empfiehlt ein Mal pro Quartal! Dieses Vorgehen ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn der Datenabzug nach der Verifizierung standardisiert auf „Knopfdruck“ möglich ist.

Bei der Durchführung der Lagerstrukturanalyse bei der Avery Zweckform GmbH wurde nicht nur das Wareneingangslager betrachtet, sondern auch das Fertigwarenlager, da sich dieses im selben Gebäude befindet. Die Erhebung der Daten erfolgte über mehrere Verifizierungsschleifen.

Die Auswertungen erfolgten jeweils für fünf Artikelgruppen, wie zum Beispiel Roh- oder Fertigteile. Damit ist eine viel feinere Analyse möglich bzw. Tendenzen pro Artikelgruppe erkennbar.

 

Ausgewertet wurde nach folgenden Kriterien:

  • Klassifizierung nach ABC- und XYZ-Artikel
  • Optimale Bestelllosgröße
  • Umschlagshäufigkeit
  • Artikel ohne Bestandsveränderungen
  • Keine Auswertbarkeit hinsichtlich Stammdaten
  • Wiederbeschaffungszeiten


Maßnahmenpakete wurden für die Disposition zu allen Auswertungen entsprechend der Jahresziele bzw. des Kennzahlensystems geschnürt.

 

Erkenntnisse aus der Lagerstrukturanalyse

Hier sind exemplarisch zwei Erkenntnisse aufgezeigt, die sicher auch für Ihr Unternehmen interessant sind.

Standard-Dispositionsverfahren
Die Einteilung der Artikel in eine 3 mal 3 ABC- / XYZ-Matrix ermöglicht es, Standard-Dispositionsverfahren zu definieren und den einzelnen Feldern zuzuordnen, siehe Abbildung 2.


Zum Beispiel muss das Ziel für einen AX- und AY- Artikel eine vollautomatische Bestellung oder ein Lieferabruf beim Lieferanten mit EDI über Rahmenvertrag sein. AZ-Artikel werden nach (Einzel-)Bedarf, C-Artikel nach Bestandshöhe vollautomatisch bestellt, sofern kein C-Teile-Dienstleister die Bestellung selbst durchführt.

 

Abbildung 2:  ABC- / XYZ-Analyse Aufstellung der „3 mal 3 Matrix“ 

Sicher werden die Standard-Dispositionsverfahren je nach Branche und Unternehmen unterschiedlich sein, wichtig ist es aber, nach diesen erarbeiteten Standards die Bestellparameter einzustellen, um möglichst viele Artikel vollautomatisch bestellen zu können. Dispositionsmethoden, wie Vertragslagerkonzepte oder Konsignationslager, sind oftmals Insellösungen, obwohl sie sich doch ausgezeichnet auch als Standards eignen, bei der die Disposition die Bestandsverantwortung dem Lieferanten überträgt und damit auch keine Mittelbindung zu verantworten hat.

Der Disponent darf sich nicht mit dem (Standard-)Bestellvorgang als solches beschäftigen, sondern muss sich mit den Lieferanten und Lieferungen beschäftigen, die nicht zufriedenstellend funktioniert haben.

 

Dazu muss sich die Disposition mit dem Einkauf, der Qualitätsabteilung und der Produktionsplanung in regelmäßigen „Kleeblattrunden“ treffen und aktives Lieferantenmanagement betreiben, denn leider führen konkurrierende Kennzahlen der einzelnen Bereiche oftmals zu Problemen in anderen Bereichen!

Zum Beispiel führt die Kennzahl „Reduzierung von Einkaufskosten“ unter Umständen zu einem Lieferanten, der zwar das geforderte Produkt zum richtigen Preis herstellen kann, aber aus logistischer (richtiger Zeitpunkt, richtige Menge, Wiederbeschaffungs-zeiten…) oder qualitativer (richtige Qualität) Sicht den Anforderungen keineswegs genügt.


Differenzierung der Umschlagshäufigkeit
Oftmals wird auch die Umschlagshäufigkeit als Kennzahl für die Disposition Definiert. Durch die differenzierte Betrachtung der Umschlagshäufigkeiten der einzelnen Artikelgruppen und der ABC- / XYZ-Matrix sind aus Sicht des Autors auch unterschiedliche Maßnahmen abzuleiten. Die A-Artikel werden bereits eine hohe Umschlagshäufigkeit haben, im Bereich der C-Artikel wird die Umschlagshäufigkeit geringer sein, aufgrund von Mindestbestellmengen und Staffelpreisen.

Somit ist zu überlegen, inwiefern eine Kennzahl Umschlagshäufigkeit als Durchschnitt über alle Artikel sinnvoll ist. Vielmehr könnte ein Jahresziel sein, die Umschlagshäufigkeit im Bereich der AX- und AY-Artikel zu verändern, im nächsten Jahr liegt dann der Fokus auf den B- oder C-Artikeln.

Gezeigt hat sich auch, dass die Fertigungslosgrößen bei der Avery Zweckform GmbH bei bestimmten Maschinen vergrößert werden müssen. Dies stellt zwar die Zielerreichung der Kennzahl Umschlagshäufigkeit für Fertigteile in Frage, aber wegen hoher Rüstzeiten und -kosten aufgrund hoher Maschinenstundensätze ergibt sich hier die Möglichkeit, Kosten einzusparen und Maschinenkapazitäten zu reduzieren.


Schlussbetrachtung
Je differenzierter die Artikel eines Unternehmens durch die Lagerstrukturanalyse betrachtet werden, desto effizienter kann die Disposition ihre Aufgabe erfüllen. Das heißt durch kontinuierliche Lagerstrukturanalysen nicht mehr reaktiv sondern aktiv die Bestellparameter anpassen und in bereichsübergreifenden (Kleeblatt-)Runden eine aktive Rolle bei der Lieferantenauswahl und dem Lieferantenmanagement innehaben.