Dipl.-Ing. Rolf Näder

IPL-Magazin 35 | April 2016 | Autor: Dr. Matthias Pfeffer

Im Interview: Dipl.-Ing. Rolf Näder

Vice President Operations Fresenius Medical Care Deutschland GmbH

Macht eine Wiederbeschaffungszeit von 8888 Tagen Sinn? 

 

IPL-Magazin: Sehr geehrter Herr Näder, die Firma Fresenius Medical Care ist der weltweit führende Anbieter von Produkten und Dienstleistungen für Menschen mit chronischem Nierenversagen. Das Werk Schweinfurt ist das Entwicklungs- und Produktionszentrum für Dialysemaschinen von Fresenius. Die hohe Variantenvielfalt und die Komplexität der Maschinen sind eine besondere Herausforderung für die Produktion und Logistik. Wie wichtig sind Stammdaten in Ihrem Unternehmen insbesondere in der Produktion und Logistik?
 

Herr Näder: Grundsätzlich sind alle Daten in einem Unternehmen wichtig, aber wir sollten zunächst klären, was sind überhaupt „Stammdaten“?
 

IPL-Magazin: Stammdaten haben in der Regel eine längere Gültigkeit als Bewegungsdaten. Unter Stammdaten verstehen wir zum Beispiel Adressen von Kunden oder Lieferanten, Daten von Lagerartikeln, Artikelbezeichnungen oder auch Bearbeitungszeiten. Bewegungsdaten sind eher variable Daten, die sich aufgrund von Ereignissen verändern, wie Bestellungen, Waren- oder Kapitalflüsse, um nur ein paar Beispiele zu nennen. 


Herr Näder:
Unter dem Aspekt, dass Stammdaten die Grunddaten des Unternehmens sind, sind diese Daten enorm wichtig, insbesondere für die Produktion und Logistik.
 

IPL-Magazin: Sehen das alle in Ihrem Unternehmen so?
 

Herr Näder: Leider nein. Stammdaten werden an einigen Stellen sehr „stiefmütterlich“ behandelt. Die Erfassung und insbesondere die Pflege macht Aufwand, der Nutzen ist nicht immer sofort ersichtlich.
 

IPL-Magazin: Je genauer die Daten gepflegt werden, umso besser kann ich diese doch nutzen!
 

Herr Näder: Das ist richtig. Allerdings sind diejenigen, die Daten pflegen, nicht immer die gleichen Personen die auch einen Nutzen von Daten haben. Zudem gibt es immer wieder „Subsysteme“, in denen Daten gepflegt werden (wie z. B. Abteilungseigene oder sogar Personen-spezifische Listen). Viele dieser Informationen sind bei den Mitarbeitern im Kopf gespeichert, werden aber im dafür vorgesehenen System nicht aktualisiert.
 

IPL-Magazin: Haben Sie ein Beispiel?
 

Herr Näder: Der Klassiker sind Wiederbeschaffungszeiten! Hier stehen oft Werte, die nichts (oder wenig) mit der Realität zu tun haben. Diese wurden irgendwann erfasst, aber nach einiger Zeit und Verhandlungen mit den Lieferanten sind diese Wiederbeschaffungszeiten nicht mehr aktualisiert worden. Die Verantwortlichen kennen zwar die tatsächlichen Zeiten bis das Material bei uns eintrifft, das System leider nicht.


IPL-Magazin:
Problematisch wird es dann, wenn der Mitarbeiter nicht mehr im Unternehmen ist.
 

Herr Näder: Das sowieso! Stammdatenpflege bedeutet auch aktives Wissensmanagement. Aber soweit müssen wir gar nicht gehen. Wiederbeschaffungszeiten braucht die Logistik unter Umständen um Bestände und damit auch Lagerkapazitäten zu dimensionieren. Wenn diese Zeiten nicht stimmen, hat das in diesem Beispiel Folgen auf die Verfügbarkeit der Ware und die Fabrik bzw. das Lager und auf den gesamten Planungsprozess. Vielleicht springt sogar ein Kunde ab, weil die Wiederbeschaffungszeiten als Basis für den Beschaffungsvorgang hergenommen werden um ein Kundenangebot zu erstellen.
 

IPL-Magazin: Damit gibt es eine Trennung zwischen „Datenpfleger“ und „Datennutzer“!
 

Herr Näder: Genau das ist das Problem! Oftmals ist dieser Zusammenhang den Mitarbeitern nicht wirklich bewusst. Hier müssen wir mehr Transparenz in die Organisation bringen. Eine zentrale Frage dabei lautet: „Wer nutzt die Daten noch?“ und die Konsequenz muss hinterfragt werden: „Was bedeuten falsche oder fehlende Stammdaten für andere Abteilungen?“
 

IPL-Magazin: Prozessorientierte Denkweisen gehen genau diesen Weg.
 

Herr Näder: Wir müssen über die Abteilungsgrenzen hinweg ein Bewusstsein schaffen. In der Produktion gelingt uns das durch unterschiedliche Prinzipien wie der Lean Philosophie oder dem Fließgedanken(One-Piece-Flow). Hier ist der Gedanke angekommen, dass z. B. die auslastungsorientierte Optimierung der einen Abteilung einen Nachteil im nachfolgenden Fertigungs- oder Montageprozess zur Folge haben kann. Das einfachste Beispiel ist die auslastungsorientierte Fertigung von Teilen, um Rüstaufwendungen zu sparen. Aus Sicht der einzelnen Maschine sicherlich sinnvoll, aus Sicht des Gesamtprozesses unter Umständen kontraproduktiv (erhöhte Lagerkosten, Kapitalbindung, Produktion von Teilen die nicht benötigt werden, etc.). 

IPL-Magazin: Und das lässt sich auf die Stammdatenpflege übertragen?
 

Herr Näder: Im weitesten Sinne schon. Denn Stammdatenpflege wird in vielen Unternehmen nicht gerne gemacht, da es eine Arbeit ist, von der ich als „Datenpfleger“ oftmals nicht profitiere - im Gegenteil, ich habe Mehrarbeit ohne direkten Nutzen. 
 

IPL-Magazin: Analog zu dem Rüster an der Maschine, der öfters umrüsten muss! Wie versuchen Sie dieser Herausforderung Herr zu werden?
 

Herr Näder: Es gibt noch einen weiteren wichtigen Aspekt, der oftmals außer Acht gelassen wird. In Zeiten der permanenten Optimierung (der wir in Produktion und Logistik ständig unterliegen) sind Daten ein wichtiger Bestandteil für die Analysen, Auswertungen von Kennzahlen und gegebenenfalls auch die Ableitungen von Maßnahmen. Hier kann eine gute Stammdatensubstanz viel Arbeit ersparen und das Optimierungsvorhaben beschleunigen. Voraussetzung: die Daten müssen in einem ordentlichen Zustand vorliegen!
 

IPL-Magazin: Viele versuchen ja über Pflichtfelder in den IT-Systemen eine Eingabe zu erzwingen. Ist das der richtige Weg?
 

Herr Näder: Zwingen ist für mich die falsche Vorgehensweise. Wir können den Mitarbeiter an der Maschine auch nicht ‚zwingen’ seine Anlage schneller umzurüsten. Das funktioniert nur, wenn wir ihm klar machen, wie die Zusammenhänge zwischen langen Rüstzeiten, hohen Losgrößen und Folgeprozessen (z. B. Lagerung) aussehen. Auch bei der Stammdatenpflege müssen die Abteilungen bzw. die einzelnen Personen sensibilisiert werden, was es bedeutet keine oder falsche Daten zu haben. Und das mit der ganzheitlichen Prozessbrille! Natürlich kann ich im IT-System auch Pflichtfelder hinterlegen und somit das Weiterklicken nur erlauben, wenn das Feld gefüllt ist.
 

IPL-Magazin: Funktioniert aber nur bedingt. Das kennt jeder, der schon mal im Internet oder sonst wo ein Formular ausfüllen musste und hatte die Daten gerade nicht zur Hand oder wollte die nicht eingeben.
 

Herr Näder: Eben! Dann wird irgendein Fantasiewert eingetragen, der dann noch schlechter auswertbar ist als ein leeres Feld. Wenn ich schon eine Eingabe ‚erzwinge’, dann muss ich auch Plausibilitätschecks hinterlegen, wie z. B.: „Macht eine Wiederbeschaffungszeit von 8888 Tagen Sinn?“  
 

IPL-Magazin: Die Auswertbarkeit von schlechten Stammdaten lässt sich in einem Betrieb vermutlich gar nicht beziffern bzw. sogar in Euros berechnen. Die Auswirkungen und damit auch die Verschwendung (meist in den Administrationsbereichen) sind oftmals gar nicht direkt ersichtlich.
 

Herr Näder: Bei den Optimierungen in Produktion und Logistik hat man erkannt, dass sich Lean-Manager bzw. Personen, die sich ausschließlich um die Potenziale kümmern, sehr schnell rechnen können. Jemand der ganzheitlich über den Wertstrom schaut und Optimierungen anstößt und über die Abteilungen hinweg abgleicht? Anfangs undenkbar! Jetzt haben viele Unternehmen genau so eine Person oder sogar einen ganzen Stab von Mitarbeitern. Dieser Gedanke lässt sich vielleicht auf die prozessorientierte Stammdatenwelt übertragen. Eine Lösung hierfür könnte ein „Stammdaten-Manager“ sein, der die Verschwendung aufgrund der mangelnden Datenqualität aufzeigt. 
 

IPL-Magazin: Was hätte der genau zu tun? Datenpflege?
 

Herr Näder: Nicht unbedingt. Eine wichtige Funktion wäre das Aufzeigen der Daten, die für bestimmte Abteilungen oder Maßnahmen (z. B. Optimierungen, Planungen) wichtig sind. Wer braucht welche Daten und wo kommen die her? Wie können diese Daten aufwandsarm erfasst werden und welche Genauigkeit wird benötigt? Wenn bei 100 Personen nur jeder 5 Minuten pro Tag einsparen würde, würde sich so eine Person schnell rechnen.
 

IPL-Magazin: Ein IT-Experte?
 

Herr Näder: Nein, eher jemand mit analytischen Fähigkeiten und Prozessverständnis. Wissen in ERP- und PPS-Systemen helfen aber sicherlich.


IPL-Magazin:
Gibt es eine solche Stelle bei Ihnen im Hause?
 

Herr Näder: Wir gehen die Stammdatenoptimierung aktiv an und denken darüber nach, eine solche Funktion zu schaffen!
 

IPL-Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.


 


 

Kontakt zum Interviewpartner:

 

Dipl.-Ing. Rolf Näder

Vice President Operations 

 

Fresenius Medical Care Deutschland GmbH

Product Unit Machines

Hafenstraße 9 

D 97424 Schweinfurt