IPL-Magazin 28 | Juli 2014 | Autor: Roland Nagl, Green Logistics World e.V.

Letzte Meile Stückgutverkehr


Roland Nagl, Green Logistics World e.V.Verursacher für die hohe Luft- und Lärmemissionen in Innenstädten sind neben dem PKW-Verkehr und der KEP-Logistik (Kurier-, Express- und Paketdienste bis 30 Kg) insbesondere auch der Stückgutverkehr (30 Kg bis 1.000 Kg).
Eine Untersuchung in der Stadt Breda(1) (NL /180.000 Einw.) ergab, dass sich die Zahl von 1900 LKW, die für die Innenstadtbelieferung des Einzelhandels nötig sind, um annähernd 90 Prozent reduzieren ließe, wenn Unternehmen ihre Transporte besser bündelten. Weniger als 10 Prozent der Sendungen benötigten überhaupt einen LKW zur Auslieferung, in über 40 Prozent der Sendungen handelt es sich um Kleinstsendungen. Ziel ist es, den Stückgutverkehr vor der letzten Meile „City-Logistik“ zu bündeln und über Zwischendepots (hier Sub-Hubs) auf umweltfreundliche und platzsparende Transportfahrzeuge umzuladen und zum Empfänger zu liefern.

Vorbild hierfür sind die dhl-Paketstationen. Der Unterschied: Die dhl-Paketstationen bedienen die KEP-Logistik bis ca. 30 kg. Stückgut beginnt ab 30 kg Gewicht und kann über 500 kg pro Frachtgut liegen. Des Weiteren wird das Frachtgut über 100 kg in aller Regel auf Paletten geliefert. Somit ist ein Be- und Entladegerät notwendig. Eine Herausforderung liegt in der Lieferung von gekühlt geführter Ware. Eine Vielzahl an Logistikkonzepten für eine umweltfreundliche Innenstadtbelieferung wurde bereits mit unterschiedlichen Erfolgen geplant und erprobt.

An dieser Stelle seien drei Beispiele aufgeführt:

1. Nicht realisiertes Projekt – City-Logistik-Konzept Augsburg


Das Konzept der Uni Augsburg mit einem Güterverkehrszentrum (GVZ) wurde 2010 wegen mangelnder Nachfrage bei den Einzelhändlern eingestellt:
 

  • Idee: Anlieferverkehr in Augsburg bündeln
  • Andreas Schmid Logistik AG wurde als City-Logistik-Dienstleister beauftragt
  • Resonanz bei 400 potenziellen Kunden war äußerst gering
  • Hauptprobleme: “Monokultur“ der Hersteller mit eigener Logistik und hochstandardisierter Lieferketten
  • Bei Augsburger City-Logistik-Konzept wären zusätzliche Kosten angefallen

 
Abbildung: City Logistik profitiert von der Bündelung der Transporte  Abbildung: City Logistik profitiert von der Bündelung der Transporte


2. Erfolgreiches Projekt, das eingestellt wurde – City-Logistik-Projekt Regensburg


Nach 14 Jahren Laufzeit wurde das erfolgreiche Citylogistik-Projekt Reg-Log® aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Die Eckdaten waren:

RegLog®Insgesamt 70.000 LKW-Kilometer wurden in der Altstadt vermieden, 23 Tonnen CO2 weniger ausgestoßen und täglich bis zu 28 Altstadt-Kaufleute beliefert. 20 LKW-Einsätze pro Tag fielen weg.
 

  • Gemeinsamer Frachtführer lieferte die Waren in die City aus
  • Besonders erfolgreich war der Entsorgungsservice für die Altstadt-Kaufleute
  • Weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise ab dem Jahr 2008
  • Überregionale Speditionen haben nur ein untergeordnetes Interesse an den regionalen Zielen von RegLog®
  • Projektbeendigung auch durch generellen Fachkräftemangel in der Speditionsbranche
  • Projektmitglieder halten einen Neustart mit geändertem Konzept prinzipiell für möglich


3. Erfolgreiches Projekte zur City Logistik in Utrecht (NL)

Utrecht praktiziert ein erfolgreiches City Logistik Konzept. Es setzt auf Cargo-Hopper, die bis zu einer Tonne Ladung auf Anhängern ziehen. Düsseldorf prüft das Erfolgskonzept von Utrecht zu übernehmen (Empfehlung McKinsey). Utrecht nimmt an der Civitas Initiative teil.
 

  • Umweltzone in der Innenstadt von Utrecht nur für schadstoffarme Fahrzeuge
  • Der E-cargohopper ist ein Multi-Anhänger, 16 Meter lange, 1,25 Meter breite Lkw, der für das kleinräumige Straßennetz der Innenstadt konzipiert wurde.
  • Er liefert Sendungen von einem Distributionszentrum in die Innenstadt. Es wird kein Zuschuss für den Betrieb benötigt.
  • Umsetzungsstrategie: Kooperation mit einem etablierten Anbieter, der die Transport E-cargohopper in das bestehende Logistik- und Verkehrssystem integriert.
  • Auswirkungen: ein Rückgang von 4080 Frachtfahrten , Ersparnis von 88.332 gefahrenen Kilometer.



Cargo-Hopper | Bildquelle: Roland Nagl, Green Logistics World e.V.

Kein Innenstadtkonzepte berücksichtigt dabei den Bereich Stückgutsendungen. Mit dem ZIM-Netzwerk Green City Cargo(2) sollen Lösungen verfolgt werden, die die Innenstadtbelieferungen von Paketen bis zum Stückgut mit einem Regelwerk, einer Schnittstellenplattform, spezieller Software unter Einbeziehung von Sub-Hubs und umweltfreundlichen Transportfahrzeugen reduzieren.

Mit insgesamt fünf ineinandergreifenden Forschungs-, Entwicklungsprojekten und Pilotierungen soll das Vorhaben realisiert werden:
 

  1. Entwicklung eines digitalen Dienstleistungsangebotes in der City-Logistik auf Basis der Analyse vorhandener Lieferstrukturen unter Einbeziehung möglichst aller für die innerstädtischen Belieferungen relevanten Teilnehmer, sowohl als Zulieferer wie auch Empfänger.
  2. Gestaltung von Sub-Hubs für Stückgut und kältegeführte Transportgüter für intermodale Verkehre in Innenstädten
  3. Weiterentwicklung von E-Trucks für den Palettentransport
  4. Entwicklung von allwettertaugliche und sichere Cargo-Bikes mit Neigetechnik
  5. Programmierung von Applikation und Apps für die Verknüpfung von Dispositions- und E-Learning-Software für ein situationsbedingtes Lernen für eine schnellere und prozesssichere Einarbeitung von zukünftigen City-Logistikern


Mit Hilfe von Forschungskooperationen und Pilotprojekten will das ZIM-Netzwerk Green City Cargo in Kooperation mit der Landeshauptstadt München Lösungen zur Reduzierung des Stückgutverkehrs mit LKWs (insbesondere 7,5 und 12 t LKWs) in Innenstädten entwickeln.

Zum September 2014 soll bereits der Start eines ersten Pilotprojekts mit den Firmen Frutique Fruchthandel, Interkep und der Spedition Gassner erfolgen. In der ersten Phase wird Obst und Gemüse von Frutique ab dem Großmarkt durch den Citylogistiker Interkep auf Cargobikes in die Innenstadt von München geliefert. Für eine optimierte Logistik werden Lieferungen mit den geeigneten Aufträgen von Interkep im gleichen Postleitzahlengebiet kombiniert.

Die Kunden von Interkep in der Innenstadt sind namhafte Fachhändler. Des Weiteren soll auch durch Frutique ein geplanter Büroservice integriert werden.

Die derzeitigen Herausforderungen:
Innenstadtbelieferungen in München sind zeitlich reglementiert. (bis 10.15 Uhr oder bis 12.00). Die Empfänger öffnen die Geschäfte teilweise erst um 10.00 Uhr. Dadurch entsteht Zeitdruck! Die Firma Fruitique beliefert im PLZ Gebiet 80331 zum Großteil die Gastronomie und den Einzelhandel mit frischem Obst und Gemüse. Das durchschnittliche Sendungsgewicht liegt zwischen 200 kg und 400 kg und hat einen relativ geringen Warenwert. Die Touren werden derzeit mit 7,49 t und 12 t LKW oder mit Transportern gefahren. Da die Fahrzeuge bei der Auslieferung relativ ausgelastet sind und hier hohe Sendungsgewichte zu erwarten sind, kommen die Standardsendungen für eine Pilotierung nicht in Frage. Allerdings hat Fruitique täglich eine Vielzahl an Nachlieferungen - von der Steige Erdbeeren bis hin zum Bund Schnittlauch ist hier alles dabei - in das Pilotierungsgebiet. Die Nachlieferungen werden in der Regel ab 12.00 Uhr ausgeliefert. Diese Sendungen sind ideal für die Green City Cargo Pilotierung und könnten ab 12.00 Uhr zusätzlich in die Sub-Hubs eingespeist werden.

Anforderung an IT:

• Einfache Sendungsübergabe und -Rückgabe
• Neutrale Plattform (SP mit X4)-App muss für jeden verfügbar sein, download via Store, jedoch auch mit Benutzer-Authentifikation


Die zweite Phase sieht vor, Standard-Wechselbrücken und isolierte Wechselbrücken mit Kühlaggregat als Sub-Hubs an den Standorten „Flughafen“ und „Messe Riem“ einzusetzen. Diese werden durch die Spedition Gassner mit Obst und Gemüse von Frutique im Hauptlauf beliefert. Der Nachlauf erfolgt wieder durch Interkep. Frutique hat Kunden wie z.B. Hotels, Gastronomie und Einzelhändler in München. Davon befinden sich einige Kunden im Bereich des Flughafens und im Bereich der Messe. Beide Standorte sind 20 bzw. 12 km von der Großmarkthalle entfernt. Für eine dezentrale Citylogistik bieten sich diese beiden Standorte sehr gut an.

City Logistik in Kooperation mit Händler, City-Logistiker und Spedition


 



Kontakt und Kurzinfo zum Autor:

Roland Nagl, 2. Vorsitzender von Green Logistics World e.V.

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Das Netzwerk Green City Cargo: Green City Cargo steht für ein ZIM-Netzwerk (Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand). Der Kern des Netzwerks bildet das Netzwerkmanagement mit der Logistik Akademie Janz GmbH & Co. KG aus Dornstadt bei Ulm sowie 17 Netzwerkpartner aus den Bereichen Forschung, Industrie, Logistik und Handel.
 



Quellenangabe und Hinweise:
(1) Quelle: Wim Bens, Geschäftsführer des niederländischen Logistikinstituts Dinalog in Breda
(2) Gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie