IPL-Magazin 23 | April 2013 | Autor: Dr. Roland Scherb


Die Qual der Wahl

 
Dr. Roland Scherb, MBASofortness ist ein Kunstbegriff, welcher von Peter Glaser (Schriftsteller) 2007 für einen Artikel der Technology Review defi niert wurde. Peter Glaser´s Wortschöpfung „Sofortness“ wurde später durch den Blogger Sascha Lobo für einen Spiegel Online Artikel populär. Er beschrieb hiermit die „technologische Seite der Ungeduld“ bzw. die sog. „Digitale Ungeduld“ der heutigen Zeit.

Doch was bedeutet Sofortness? Reuters brachte im Dezember 2012 eine Meldung über AMAZON, dass am verkaufsstärksten Tag im gleichen Monat 3,9 Millionen Artikel an einem Tag versendet wurden. Dies entspricht 24 Artikel in der Sekunde. Die Erwartungshaltung des Kunden ist entsprechend gestiegen. Der Kunde erwartet nicht nur eine kurze Bestätigung über den Eingang der Bestellung, sondern inzwischen eine Lieferung innerhalb von 24 Stunden. Heute bestellt und morgen geliefert.

Sofortness definiert die Anforderung der Gesellschaft, immer alles sofort besitzen zu müssen. Der Kunde möchte nicht mehr warten! Dies betrifft nicht nur den privaten Bereich z.B. die Bestellung im Internet, sondern auch den Arbeitsbereich. Eine eMail muss sofort beantwortet werden, einen Tag später ist dies schon fast mit einer Entschuldigung verbunden. Auch die Werbung für technische Güter zielt auf diese Erwartungshaltung ab. Der Slogan einer Druckerwerbung: „…Drucker und Kopierer: In zwei Sekunden startklar“. Für den Händler hat dies zur Folge, dass der Kunde einen nicht verfügbaren Artikel dann woanders bestellt. Solche Anforderungen stellt die Logistik vor besondere Herausforderungen. Ein Faktor werden die Abfahrzeiten der Lieferfahrzeuge sein, um die Waren rechtzeitig zum Kunden zu bringen. Auf der anderen Seite wird dann evtl. keine Zeit vorhanden sein, die Lieferfahrzeuge kosteneffektiv zu beladen. Schnelligkeit geht vor Effektivität und die Lieferfahrzeuge fahren teilweise halbleer auf Tour.

Dieser Effekt hat eine besondere Bedeutung für die Logistikanforderungen. Nach Branchenangaben macht der Versandhandel rund 70 Prozent seines Umsatzes im Internet.
 
Die Anzahl der benötigten Lieferfahrzeuge wird sich daher künftig deutlich erhöhen. Die nächste Herausforderung wird sein, unterschiedliche Artikel zu einer Sendung rechtzeitig zusammen zu führen. Wenn diese Zeit nicht mehr vorhanden ist, wird es zukünftig noch viel mehr kleinteilige Transporte geben.

Die Auswirkungen auf den Verkehr sind heute schon erkennbar. Die Anzahl der Fahrzeuge nimmt zu und die Kosten für den Fuhrpark oder das Transportunternehmen, werden aufgrund der steigenden Energiekosten, deutlich teurer werden. Die Verschlechterung der Ökobilanz ist direkt nachweisbar. Der enorme Stressfaktor an den Produktionsfaktor Mensch durch den hohen Zeitdruck – sofortige Versendung nach Bestelleingang und Versendung bis hin zur Zustellung - ist in Studien inzwischen belegt. Eine Null-Fehler-Toleranz ist die Konsequenz dieser Entwicklung. Diametral zur Sofortness ist die „Verlangsamung“ eine alternative Möglichkeit. Sehr oft wird auch der Begriff „Entschleunigung“ verwendet, welcher der Bedeutung nach wieder zur Langsamkeit zurückkehrt. In anderen Lebensbereichen hat dieser Trend bereits erfolgreich Fuß gefasst. Die Entschleunigung durch bewusstes, genussvolles und langsames Essen zum Beispiel bei der Slowfood Bewegung. Die Idee ist nicht neu und bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgbar. Damals gab es beispielsweise in England die Forderung, Geschwindigkeiten der Eisenbahn von mehr als zehn Kilometern pro Stunde zu verbieten. Man erkannte, dass es die Symbole um uns herum sind, die diese Hektik auslösen, in die wir verfallen.

Der „Verlangsamungs-„Ansatz ist eine aktive Gegenbewegung zur Sofortness. Nicht sofort muss jede Sendung am nächsten Tag beim Kunden sein. Für die Logistik bedeutet dies anhand des angesprochenen Beispiels der Lieferfahrzeuge, dass die Fahrzeuge optimal beladen werden. Auch ist es Ziel, kleinteilige Sendungen zu vermeiden, indem unterschiedliche Artikel in einer Sendung versendet werden.

Moderne Technik ist für beide Ansätze eine Unterstützung. Die automatische Erkennung der Sendung, evtl. verbunden mit einem Foto zum direkten Versenden an den Kunden, kann eine sein. Ein anderer kann ein Hinweis auf die „gute Verpackung“ sein. Dies für den Versender ein direkter Mehrwert, denn nun kann der Kunde sofort und automatisch informiert werden, wenn die Sendung das Haus verlassen hat. Weiterhin hat der Kunde ein Bild erhalten, um bei Anlieferung vorhandene Verpackungsschäden gleich zu beurteilen.