IPL-Magazin 17 | Oktober 2011 | IPL im Gespräch mit Dr. Armin Leppert, BME Region Bayreuth-Oberfranken Vorstandsmitglied, zum Thema:

„Versorgungssicherheit in unsicheren Zeiten." 

 

 
Dr. Armin LeppertDr. Armin Leppert, Leiter des Supply Chain Management bei einem international agierenden Spritzgusshersteller, über Strategien, Liefertreue und persönliche Erkenntnisse aus der Praxis. Im Interview mit Thomas Theiler, Geschäftsführer der IPL Beratung GmbH, widmete er sich den Fragen der IPL-Redaktion?

IPL: Versorgungsstrategie ist das Thema unseres aktuellen IPL-Magazins. Welche Strategie verfolgt ihr Unternehmen in einer Phase der Verunsicherung?
Dr. Leppert: Die Volatilität der Märkte hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen und entsprechend dem Unternehmen im Mittelstand neue Herausforderungen im Supply Chain Management als Aufgabe gestellt. Das dynamische Verhalten von Lieferanten, Rohstoffen, Wettbewerbsverhalten und vor allem den immer kürzer werdenden Konjunkturzyklen fordern eine unternehmens- und kundenseitige Umorientierung. Eine rollierende Abstimmung bezüglich Abnahmemengen der Kunden und daraus Weitergabe der Bedarfe an Lieferanten ist zwingend notwendig und zum Tagesgeschäft geworden.


Eine hohe Liefertreue sichert auch eine hohe Kundenzufriedenheit. Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen, um eine permanent hohe Liefertreue zu gewährleisten?
Die Aufrechterhaltung bzw. Gewährleistung der Liefertreue zwingt sowohl die Kunden-Lieferantenbeziehung als auch umgekehrt sich kurzfristig abzustimmen, aber auch eine strategische Allianz muss geschmiedet werden. Die Änderung bzw. die Schnelligkeit von Konjunkturzyklen erfordert einen anderen Handlungsbedarf.


Als Leiter des SCM in Ihrem Unternehmen gehört die Lieferfähigkeit des gesamten Wertschöpfungsprozesses zu ihren Kernaufgaben. Welchen Beitrag leisten Ihrer Meinung nach Rahmenverträge zur Beruhigung konjunktureller Schwankungen?
Der Abschluss von Rahmenverträgen ist sicherlich eine Option Schwankungen auszugleichen. Leider ist es momentan fast nicht möglich, langfristige Vereinbarungen zu treffen. Die vertragliche Situation ist geprägt von 1 bis 3-Monatsverträgen. Teilweise werden sogar nur noch Tagespreise fixiert.


Welche Entwicklungen sind Ihrer Meinung nach notwendig, um die Volatilität, die derzeit am Markt herrscht, zu meistern?

Das Supply Chain Management hat somit seine Wertigkeit im Unternehmen und der Zusammenarbeit mit allen Schnittstellen auf ein sehr hohes Niveau innerhalb der unternehmerischen Gesamtverantwortung gestellt und aus jetziger Sicht auch bewiesen. Nicht zu vergessen, dass SCM einerseits den gesamten Materialfluss umschließt, aber auch im Vorfeld das Lieferantenmanagement und die Kundenbetreuung umfasst, d.h. eine ganzheitliche Wertschöpfungskette betrachtet wird. Erwähnenswert sind hier vor allem grundlegende Werkzeuge, wie Lieferantenintegration und -entwicklung sowie ausgeprägtes Commoditymanagement und Strategiekonzepte. Natürlich versucht jeder mit den Instrumenten Forecast und Budgetierung eine Glättung zu erreichen.


Wie stellt sich Ihr Unternehmen darauf ein?
Über den "Tellerrand" hinausblickende Lieferantensuche, auch im internationalen Bereich, gewinnt immer mehr an Bedeutung. Gerade bei Kunststoffgranulaten entwickelt sich der asiatische Markt zu einer zukunftsfähigen Alternative. Nicht zu vergessen ist dabei der "local content" der zunehmenden Verarbeitungsbetriebe in Asien. Sehr deutlich ist zu bemerken, dass auch im Automotive-Bereich, auf Grund der Versorgungsschwierigkeiten, eine Aufweichung der Freigabe von Alternativlieferanten bzw. - materialien zu verzeichnen ist. Die oberste Priorität ist aber auch die Aufrechterhaltung der Qualitätsstandards.


Welche Auswirkungen werden Ihrer Meinung nach diese Entwicklungen auf das Preisniveau Ihrer Produkte haben?
Das Preisniveau wird sich nicht nach oben entwickeln - Savings, wie sie gerade im Automotivebereich konsequent gefordert werden, verbunden mit dem Instrument des Cost Break Down, werden weiterhin den Markt beherrschen. Dies führt nochmals zu einer Konzentration am Zuliefermarkt in den nächsten Jahren, wie bereits in 2008/2009 dramatisch geschehen.


Der Informationsfluss in der Supply Chain spielt eine wesentliche Rolle um den Bullwhip-Effekt zu minimieren. Jedoch bedeutet dies auch die Weitergabe von sensiblen Daten wie z.B. genaue Absatzzahlen oder noch freie Fertigungskapazität. Für wie wichtig halten Sie die Weitergabe solcher Daten?
Bezüglich der Datenoffenheit muss ein komplettes Umdenken erfolgen - nur der kurzfristige Austausch von sensiblen Informationen kann unter anderem auch den Bullwhip-Effekt minimieren. Nicht zu vergessen ist, dass sich die führenden Markthersteller nach der Automotive-Krise und ihren teilweisen zu schnellen Gegenreaktionen, wie z. B. die Abschaltung von Anlagen und künstliche Marktverknappung, inzwischen wieder auf ein normalisiertes Konjunkturverhalten hinsteuern. Weiterhin ist das teilweise überreagierte Käuferverhalten der Kunden, unter Vorgabe von erhöhten Planzahlen, um das reale Volumen zu erhalten, auch abgeschwächt. Aus meiner Sicht haben teilweise überhöhte Planzahlen den gesamten Markt dahingehend künstlich zum Verkäufermarkt entwickelt bzw. das Verkäuferverhalten noch subventioniert.


Letzte Frage an Sie. Noch wird von Rohstoffknappheit gesprochen. Glauben Sie dass sich dieser Umstand verändern wird?

Werfen wir einen Blick auf die deutsche Industrie, sehen wir, dass im September kaum noch Wachstum zu verzeichnen ist. Der saisonbereinigte Markit/BME Einkaufsmanager Index hat sich von August gegenüber September um 0,6 Punkte auf 50,3 Punkte abgeschwächt. Ebenso halten sich die Werte von Auftragseingängen und Auslandsbestellungen gegenüber den Vormonaten sehr verhalten. Das Wirtschaftswachstum der "Wirtschaftsweisen" wurde für 2012 von 2 Prozent auf 0,8 Prozent revidiert. Die wirkliche Entwicklung der Märkte wird sich erst im Frühjahr 2012 darstellen, trotzdem deuten schon jetzt die Indikatoren zu einer Stabilisierung und daraus resultierend einer neuen Chance für die "Rehabilitierung" der Supply Chain bezüglich der Beschaffungsstrukturen hin.