IPL-Magazin 10 | Januar 2010 |

Autor: Günter Sackmann, Leiter Logistikprojekte, MAN Nutzfahrzeuge AG und Prof. Dr.-Ing. Markus Däubel, Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen Hochschule München

 

MAN Nutzfahrzeuge Regionallagerstrategie

Die MAN Nutzfahrzeuge entwickelte im Rahmen der Gesamtgeschäftsentwicklung der letzten zehn Jahre ein mitwachsendes Aftersales Teilelogistiknetz. Dem Wachstum der Fahrzeugpopulation sowie der daraus resultierende Ersatzteilbedarf Rechnung zu tragen wurden in den europäischen Wachstumsmärkten Deutschland, Großbritannien, Spanien, Frankreich und Italien sowie in anderen europäischen Ländern insgesamt 21 regionale Importeurslager eingerichtet.


Günter SackmannAus der historischen Entwicklung wurden diese von den jeweiligen Importeuren bewirtschaftet. Die Warenströme wurden gebündelt an die Importeure geliefert. Diese hatten die Verantwortung für die lokale Auslieferung an den Handel.

Um die dezentrale Ersatzteileversorgung weiter zu optimieren und standardisieren entwickelte die MAN Nutzfahrzeuge eine zentrale gesteuerte Logistiknetzstruktur. Bei der Neukonzipierung des Logistikkonzepts stand die Servicequalität im Mittelpunkt. Hierzu gehört eine optimale Kundennähe, sodass kurze Transportwege und damit eine Belieferung der Werkstätten und Vertragspartner mit den am Vortag bestellten Ersatzteilen bis spätestens 8.00 Uhr gewährleistet sind. Ein weiteres Ziel der neuen Logistikstrategie und der Auflösung der Importeurslager war die Reduzierung der Mittelbindung auf Importeursebene sowie eine Steigerung der Teileverfügbarkeit in den als "European Logistics Center" benannten Regionallagern (ELC). Damit verbunden kann das Sortiment der in den ELCs vorhandenen Teile leichter ergänzt und verändert werden. Ziel war es mit 10 % der Artikelnummern eine regionale Verfügbarkeit von 95 % zu erzeugen (siehe Abb. 1).
 

Strukturelle Darstellung der Bestands-. und Artikelverteilung
Abb. 1: Strukturelle Darstellung der Bestands- und Artikelverteilung

 

Prof. Dr.-Ing. Markus DäubelNach Erhebung der strukturellen Kenndaten entschied sich die MAN Nutzfahrzeuge für die Einrichtung von sechs Standorten. Die Kernkompetenz der Bestandsverantwortung sowie die Festlegung der Transportnetze wurden zentral bei der MAN Nutzfahrzeuge belassen. Zwei Logistikdienstleister wurden mit der operativen Umsetzung der Logistikstandorte sowie der Steuerung der Warenströme zum Handel beauftragt.

Der Osnabrücker Logistikdienstleister Hellmann Worldwide Logistics (HWL) übernahm neben München als größtem Standort für die Region Deutschland Süd auch den Betrieb des ELC in Paris. Die neue Logistikimmobilie in München entstand im Logistikpark Neufahrn in unmittelbarer Nähe zur Autobahn und zum Münchner Flughafen (siehe Abbildung 2). Gemeinsam mit der Firma Prologis wurde dort ein Ersatzteillager mit einer Gesamtfläche von 17.500 Quadratmetern gebaut. Aus dem ELC in Neufahrn wird Deutschland Süd, Österreich, Luxemburg, Slowenien, Ungarn, Tschechien und Slowakei  versorgt. Das Lager verfügt im Endausbau insgesamt über 9.000 Palettenplätze, rund 34.000 Fachbodenplätze und ist für ein Artikelspektrum von etwa 25.000 Sachnummern ausgelegt - das gesamte Artikelspektrum der MAN Nutzfahrzeuge AG im Schnelldreherbereich. Am Standort München entstanden so rund 120 neue Arbeitsplätze.

CEVA Logistics, die frühere TNT Logistics, sorgt neben dem Betrieb der beiden ELC in Großbritannien und Italien auch für die Distribution der schnell drehenden MAN-Artikel über das ELC Deutschland Nord am Standort Wolfsburg, wo der Neubau direkt neben dem Logistikzentrum für die VW-Produktionsversorgung entstand. Zum Leistungsumfang von CEVA zählt außerdem der Transport von Ersatzteilen in den Ländern Italien, Großbritannien, Deutschland Nord, Skandinavien (exklusive Norwegen), Polen und Belgien. Die Transportdienstleistungen umfassen im Wesentlichen Übernachtanlieferungen für Sofortaufträge und Tagzustellungen für so genannte Lagerergänzungsaufträge der Werkstätten.

Artikel die vom Handel als Sofortauftrag für eine Anlieferung am nächsten Tag angefordert werden und nicht im ELC vorrätig sind, werden aus dem Zentrallagerverbund ausgeliefert. Lagervorratsbestellungen, die aus dem ELC nicht beliefert werden können, werden als Rampendreher über die ELC's in den Regionen ausgeliefert. Die besondere Herausforderung aus logistischer Sicht an die Dienstleister ist dabei die europaweite Versorgung der Endkunden mit Ersatzteilen mit einer möglichst späten Abfahrt gegen 20 Uhr sowie einer Zustellung vor acht Uhr morgens und dies flächendeckend mit nur sechs regionalen Distributionszentren.

 

MAN Nutzfahrzeuge ELC Deutschland Süd Neufahrn während der Befüllungsphase
Abb. 2: MAN Nutzfahrzeuge ELC Deutschland Süd Neufahrn während der Befüllungsphase

 

Durch die offene und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Dienstleistern konnte die Optimierung der gesamten Prozesskette weiter vorangetrieben werden. In das Transportnetz der beiden Dienstleister konnte zugleich auch ein Teil der für MAN bereits arbeitenden Spediteure eingebunden werden. Der erste Standort wurde im Mai 2007 im Norden Deutschlands eröffnet. Ihm folgten bis September 2008 weitere Standorte im Süden Deutschlands, in Frankreich, in Italien und in Großbritannien (siehe Abb. 3).

 

Logistikcenter mit regionaler Abdeckung der Teilelogistik
Abb. 3: Logistikcenter mit regionaler Abdeckung der Teilelogistik

 
Ausblick

Im Rahmen der kontinuierlichen Verbesserung erkannte die MAN Nutzfahrzeuge, dass eine regionale Verfügbarkeit mit 95 % nur mit einer erheblichen Erweiterung des Sortiments möglich ist. Denn aufgrund der hohen Teilevarianz werden in den ELC Standorten Artikel gelagert, deren Bedarf lediglich nur noch 3 Picks pro Jahr beträgt. Diese Sachnummern stellen streng genommen keine Schnelldreher mehr dar; eine Disposition gestaltet sich daher schwierig. Würden also Artikel mit einer noch geringeren Frequenz gelagert werden, so würden der Platzbedarf sowie die Kosten ansteigen.

Basierend auf dieser Grundlage entwickelt die MAN Nutzfahrzeuge derzeit eine Erweiterung des Regionallagerkonzepts in Richtung einer Sortimentierung der Regionalstandorte die sich im Wesentlichen auf Eilbedarf des Handels konzentrieren wird.

Darüber hinaus rückt auch das Bestellverhalten des Handels in den Fokus der Optimierung. Eines der Ziele hierbei ist es durch das zentrale Supply Chain Management die Anteile an Eilbestellungen im Verhältnis zu Lagervorratbestellung zu reduzieren.
 



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