IPL-Magazin 40 | Juli 2017 | Autor: Wolfgang Kloke

 

„Ergon Nomos“

Ergonomie birgt in sich das aus dem Griechischen stammende Wort „Arbeit“ bzw. „Regeln zur Gestaltung der Arbeit“ (Ergon nomos). Gemeint ist die Forschung und Lehre zu Arbeitsbedingungen. Stärker in den Fokus gerät dabei zuletzt auch die Zeit, welche der Mensch außerhalb der Arbeitswelt verbringt. Die Produktdesigner sind gefragt wie nie zuvor, um ihre Artikel an die menschlichen Gegebenheiten anzupassen.

 

Wolfgang Kloke

Auf der Suche nach optimalen Arbeitsbedingungen, zusätzlicher Produktivität und Humanisierung der Arbeitsplätze stießen die Forscher und Entwickler schon vor sehr vielen Jahren auf das große Gebiet der Ergonomie. Die Umsetzung der Erkenntnisse allerdings ging sehr zäh, war gefühlt 20 Jahre wenig existent, und beginnt in jüngster Zeit eine weitere Blütezeit.

Die sachgemäße Anwendung erfordert fachspezifisches Wissen und ein gehöriges Maß an Erfahrung. Im arbeitstechnischen Umfeld der Fabrikhallen stehen die Arbeitsplaner deshalb vor großen Herausforderungen. Sie müssen die Arbeitsplätze und die Arbeitsumfänge der MA im Betrieb genau kennen und an den ergonomischen Richtwerten spiegeln.

 


Sie müssen als Rückwirkung auf ihre für den Menschen ergonomisch designten Arbeitsplätze, u.a. folgende Positionen sicherstellen:

  • Sicherheit am Arbeitsplstz
  • Keine Über/Unterbeanspruchung
  • Vermeiden von Monotonie oder Ermüdung
  • Keine Belästigungen (Staub, Lärm, Licht, Elektromagnetismus, etc.)
  • Angemessene Belastungen
  • Keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen, Gefährdungen
  • Balance von Humanisierung und Wirtschaftlichkeit, verbunden mit einer betriebsüblich „gelebten Null-Fehler-Kultur“

 

Parallel hierzu sind natürlich weitere Ergebnisse einer optimalen Ergonomie zu nennen: Besseres Wohlbefinden der Mitarbeiter, geringere Krankheitsraten, höhere Arbeitsqualität sowie bessere Arbeitsleitungen. In jüngster Zeit kommt noch die Chronobiologie für Schicht arbeitende Menschen hinzu. Auch für unsere zunehmend ältere Belegschaft (Focus „DemogrArbeitsplätzehische Wandel“ ) müssen künftig entsprechende alter(n)sgerechte Arbeitsplätze gestaltet und bereitgestellt werden.

Zu unterscheiden sind auch individuelle Gegebenheiten wie Geschlecht, Alter, Ausbildung, Erfahrung u.v.m. Das alleine macht es schon schwer, bei der Gestaltung der Arbeitsplätze und deren Besetzung ein Optimum zu finden. Denn Positionen, zu denen es keine tabellarischen Richtwerte gibt, müssen auch betrachtet werden. Das sind z.B. die individuellen körperlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten der Mitarbeiter. Das soll heißen: Bei gleichen äußeren Bedingungen kann es durchaus zu hohen Abweichungen und Einschränkungen der Mitarbeiter durch körperlich nicht unmittelbar erkennbare Bedingungen kommen.


Derartige Bewertungen obliegen oft dem Gespür der Planer selbst. Arbeitswirtschaftlich ist von hoher Bedeutung, das Arbeitsplätze nur umbesetzt werden können (notwendig z.B. bei Mitarbeiter-Ausfall durch Krankheit), wenn auch die ergonomischen Bedingungen durch den neuen „Ersatz“-Mitarbeiter erfüllt sind. Hier kann nicht einfach ein Arbeitsplatz, an dem männliche Mitarbeiter schwere körperliche Arbeit leisten, durch eine weibliche Kraft ersetzt werden. Deshalb sind weitere Kriterien, wie z.B. Geschicklichkeit, Leistungsfähigkeit, Kräfte, zur Bewertung heranzuziehen. Nicht alle dieser Kriterien sind digital, sondern teilweise analog (wie die beiden erstgenannten Positionen) zu bewerten. Das erfordert ein hohes Maß an Erfahrung. Im Bereich einer ergonomischen Gestaltung von Arbeitsplätzen entwickeln sich weitere entscheidende Parameter.

Im Bereich einer ergonomischen Gestaltung von Arbeitsplätzen entwickeln sich weitere entscheidende Parameter. Dabei geht es um Fragen die sich in die Gesamtbewertung einfügen müssen:

Auszug aus diesen Bewertungskriterien:

  • Handhabungs- und Bewegungsablauf
  • Aufgabenumfang/-dauer/-wechsel
  • Informationsverarbeitung und –aufnahme
  • Körpereinsatz (stehen, hocken, sitzen, liegen), Haltung (gebückt, gebeugt, entspannt etc.), Bewegung (gehen, heben, tragen etc.)
  • Umgebungseinflüsse Licht, Farbe, Lärm, Erschütterungen, Schmutz, Gase Elektromagnetismus etc.
  • Gefährdungen (Mechanische), (Elektrische), (Physikalische), (Chemische), (Biologische)

 

All diese Kriterien werden noch in einzelne Unterkriterien gegliedert und bewertet.

Das hieraus zu entwickelnde Design unterliegt selbst wieder einer Menge von unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Zuverlässigkeit, Genauigkeit, leichte Erlernbarkeit, Greifbarkeit, sind nur eine kleine Auswahl aus der großen Anzahl von vielen analog zu bewertenden Merkmalen. Die Gestaltung eines Büro-Arbeitsplatzes ist hier noch vergleichbar überschaubar und relativ einfach umzusetzen. Schwerer wird es im Umfeld von Montagen, Vorfertigungen oder auch in Lagerbereichen. Entsprechend noch schwieriger sind Arbeiten für Wartung/Service zu bewerten.

Institute wie REFA, Berufsgenossenschaften, BAUA (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) oder VDI haben schon früh angefangen, Kataster zu entwickeln, an Hand deren richtlinienmäßig sich ein annähernd optimaler AP entwickeln lässt. Ausgerüstet mit diesen Hilfsmitteln sind die Planer (Industrial Engineers, u.a. auch Entwickler in der Betriebsmittelkonstruktion ) häufig im Nebenzweig ihrer eigentlichen Tätigkeit unterwegs, schnell mal ein paar Arbeitsplätze zu designen. Die Ergebnisse dabei sind sicher in großen Streubereichen zu finden. Zumal Ergonomie nicht auf allen Lehrplänen akademischer Institute angeboten wird und das „Mach mal eben“-Syndrom noch häufig anzutreffen ist. Große Unternehmen haben deshalb oft eigene nur für Ergonomie zuständige Sachbearbeiter oder suchen temporäre Unterstützung bei Beratungsgesellschaften (z.B. IPL).


Dieser Weg über Beratungsunternehmen ermöglicht es sicher auch dem eigenen Betrieb, im laufenden Prozess den Berater zu begleiten und dessen Wissen und Können in die eigene Einheit zu übertragen. Die gezielte Ausbildung im eigenen Betrieb oder der Besuch von Seminaren steigert den innerbetrieblichen Know-How-Stand aber nur dann nachhaltig, wenn das erlernte in eigener Regie weiter betrieben und gelebt wird. Dabei ist immer ein Regelkreis aufzubauen. Das heißt, die neu entstandenen (designten) Arbeitsplätze sind zu hinterfragen. Die Mitarbeiter nach der Fertigstellung sich selbst zu überlassen, dient weder dem Menschen noch dem Arbeitgeber. In Großunternehmen sind oft zentrale Dienste installiert, die sich mit der Entwicklung und Implementierung von Produktionssystemen beschäftigen. Auch hier muss Acht gegeben werden, dass im Rahmen der methodisch unterstützten Implementierung das Thema Ergonomie nicht hinten dran bleibt.

Verschwendungsfreies Arbeiten und Ergonomie müssen nicht unbedingt auf breiter Front die gleiche Ausrichtung haben. Es gibt durchaus Konfrontationsbereiche, die die Planer nicht unbedingt sofort erkennen. Neben den Fortschritten, die in der Ergonomie gemacht wurden, entwickelt sich hierauf aufbauend eine neue, digitale Möglichkeit der Arbeitsplanung. Es gilt, bei all den Einschränkungen, die diese elektronischen Werkzeuge ausweisen, diese dennoch „im Auge zu behalten“.

Sinnvoll ist es allerdings nicht, sich ausschließlich von der digitalen Welt verleiten zu lassen. Die wesentlichen Erfahrungen lassen sich möglicherweise auch durch eine Kombination aus Werkstattwelt und Digitaler Welt erarbeiten. Außerdem sollte bei neu entwickelten Arbeitsplätzen frühzeitig auch der Werksarzt und der Ergonomieplaner hinzugezogen werden. Dadurch lassen sich Probleme in der Arbeitswelt-Gestaltung schon im Vorfeld gut erkennen und auch entgegenwirken.

Die regelmäßige Begehung der Werkshallen und deren Büros durch arbeitswirtschaftlich ausgebildete Ärzte, in Begleitung der Werksplaner und des Betriebsrates, sind hier ein wichtiges Instrument, den Mitarbeitern angepasste Arbeitsplätze zu Verfügung zu stellen.

Dieses kontinuierliche Vorgehen bringt uns somit dem Ziel näher, die Produktivität und Qualität zu steigern, bei gleichzeitiger Reduzierung der Belastungen auf den Mitarbeiter.