So passen Sie Ihr Schichtmodell an!

IPL-Magazin 39 | April 2017 | Autor: Dr. Matthias Pfeffer

 

Der Druck auf die Produktion steigt

Kurze Durchlaufzeiten sowie eine kurzfristige Lieferfähigkeit müssen sichergestellt werden.

 

Dr. Matthias Pfeffer

Um Kosten zu senken, sollten teure Anlagen im Optimalfall sieben Tage die Woche, rund um die Uhr arbeiten. Eine Ausweitung der Arbeitszeit mit Hilfe von Schichtarbeit bietet eine mögliche Lösung hierfür.

Allerdings ist die Einführung oder die Veränderung eines Schichtmodells eine tiefgreifende Veränderung bei den Mitarbeitern. Dabei ist es ein behutsames Vorgehen und die Integration der Mitarbeiter in den Gestaltungsprozess von großer Bedeutung.

Auswirkungen auf den Mitarbeiter    
Die Schichtarbeit beeinflusst nahezu alle Lebensbereiche des Mitarbeiters. Die Interessen der einzelnen Mitarbeiter gehen stark auseinander und es können sowohl positive als auch negative Meinungen zur Schichtarbeit entstehen.

 


Grundsätzlich kann der Einfluss der Schichtarbeit auf den Mitarbeiter unter drei Aspekten zusammengefasst werden:               

 

  • Finanzieller Aspekt:
    Durch die Zulagen und Zuschläge bekommen die Mitarbeiter insbesondere in der Nacht-, Sonntags- und Feiertagsschicht deutlich mehr Geld. Für jüngere Menschen kann das sehr verlockend sein.  
     
  • Zeitlicher Aspekt: 
    Durch die Schichtarbeit wird die Gestaltungsfreiheit der Freizeit eingeschränkt. Spät- und Nachtschichten erschweren soziale Kontakte und das gesellschaftliche Leben.  Viele Mitarbeiter meiden insbesondere die Spätschichten, um abends ihre Zeit privat zu gestalten.            

  • Gesundheitlicher Aspekt:    
    Insbesondere das Arbeiten im Wechselschichtbetrieb stellt eine außergewöhnliche Belastung für die Gesundheit der Mitarbeiter dar. Schlafstörungen, gastrointestinale Beschwerden, kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) sowie kognitive und psychische Beeinträchtigungen sind mögliche Folgen der Wechselschichtarbeit.Um diese Risiken zu minimieren, sollten bei der Gestaltung des Schichtplans arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse und Gesetze eingehalten werden.


Unzufriedenheit und Kritik seitens Mitarbeiter über die Schichtmodelle oder –pläne ist kein seltenes Phänomen. Die Unzufriedenheit kann vor allem bei älteren Mitarbeitern in erhöhter Krankheitsquote resultieren. Zur Bewältigung solcher Konflikte sollte eine offene und direkte Diskussion mit den Mitarbeitern gesucht werden. Gemeinsam können Lösungen generiert werden, die von den Mitarbeitern als positiv empfunden werden.

 

Arbeitswissenschaftliche Empfehlungen    
Das Arbeitsgesetz schreibt vor, dass die Gestaltung der Schichtarbeit nach „arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen über die menschengerechte Gestaltung der Arbeit“ zu erfolgen hat.


Daher sollten bei der Schichtplangestaltung folgende arbeitswissenschaftliche Empfehlungen und Richtlinien berücksichtigt werden:    

  • Nicht mehr als drei Nachtschichten hintereinander: Um die gesundheitliche Belastung der Nachtarbeit auf den Mitarbeiter zu minimieren, sollten nicht mehr als drei Nachtschichten in Folge eingeplant werden. Lange Nachtschichtphasen können unter anderem zu Schlafdefiziten führen.

  • Schnelle Rotation von Früh- und Spätschichten: Während die Anhäufung von Frühschichten zu Schlafdefiziten führen kann, erschweren lange Spätschichtphasen soziale Kontakte und gesellschaftliches Leben. Deswegen ist ein Schichtwechsel alle 2-3 Tage empfohlen.

  • Ausreichende Ruhezeiten zwischen zwei Schichten: Zwischen zwei Schichten muss die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit von mind. 11 (bzw. 10 in Ausnahmefällen) Stunden eingehalten werden.

  • Vorwärtswechsel der Schichten: Der Vorwärtswechsel entspricht dem natürlichen circadianen Rhythmus des Körpers und macht den Tag länger, während der Rückwärtswechsel den Tag kürzer macht. Außerdem sind die Schichtfolgen Nacht-Früh, Nacht-Spät und Spät-Früh gesetzlich verboten, weil die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit nicht eingehalten werden kann.

  • Keine Massierung der Arbeitszeiten: Eine Massierung von Arbeitszeiten kann zur starken Ermüdung führen und stellt dadurch eine große gesundheitliche Belastung dar, die zu vermeiden ist.     

  • Möglichst lange Ruhephase nach einer Nachtschichtphase: Die Ruhephase nach einer Nachtschichtphase sollte mind. 24 Stunden, idealerweise zwei Tage betragen.

  • Geblockte Wochenendzeiten gewähren: Das Wochenende ist für die Erholung und Pflege von sozialen Kontakte viel wertvoller als einzelne freie Tage. Deswegen sollten die Mitarbeiter zwischen Freitag und Montag mindestens zwei Tage in Folge frei haben.

  • Ein freier Abend an mindestens einem Wochentag: Ein freier Abend unter der Woche ermöglicht dem Mitarbeiter die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

  • Ungünstige Schichtfolgen vermeiden: Ein ungünstige Schichtfolge ist z.B.: Nacht-Frei-Früh, da die Dauer des freien Tages durch die vorgegangene Nachtschicht und die folgende Frühschicht eingeschränkt wird. Außerdem sollten auch einzelne Arbeitstage zwischen freien Tage vermieden werden.

  • Kurzfristige Schichtplanänderungen vermeiden: Um die Planbarkeit und die Planungssicherheit der individuellen Freizeit zu erhöhen, sollten kurzfristige Schichtplanänderungen vermieden werden.

  • Flexibilität zulassen: Die Möglichkeit zum Schichttausch unter Mitarbeitern und zur individuellen Verschiebung des Schichtbeginns nach Absprache sollte gewährleistet sein, um die Motivation der Mitarbeiter zu erhöhen und die Schichtzeiten den individuellen Voraussetzungen (z.B. lange Anfahrtswege) und der unterschiedlichen Belastbarkeit der Mitarbeiter (z.B. Alter) anzupassen.

 

Vorgehensweise bei Planung oder Änderung des Schichtmodells

Schichtarbeit muss geplant werden. Nicht nur die Arbeit selbst, sondern auch wie man diese am besten im Betrieb einführt. Nur eine entsprechende Planung sorgt dafür, dass die Krankheitsquote und Ausfälle nach Einführung nicht steigt.

 

1. Phase: IST-Analyse und Festlegen der Anforderungen

In der ersten Phase soll festgelegt werden, welches Ziel durch die Schichtarbeit erreicht werden soll. Dabei ermöglicht eine IST-Analyse die Definition der Randbedingungen.                     

Einige der wichtigen Fragestellungen in der ersten Phase sind:

  • Welche Produktionsleistung soll erreicht werden?
  • Welche Qualifikationen sind in einzelnen Schichten notwendig?
  • Sind die Lieferketten davor und danach flexibel?
  • Stehen Inhouse-Dienstleistungen zu allen Schichten zur Verfügung?
  • Welche Teams/Abteilungen/Bereiche sind betroffen?

Neben den unternehmerischen Aspekten sollten auch die Wünsche und Interessen der Mitarbeiter in dieser Phase abgefragt werden.


2. Phase: Planung und Gestaltung

Sind die Ziele und Randbedingungen bekannt, kann mit der Planung und Gestaltung des Schichtmodells angefangen werden. In dieser Phase werden unterschiedliche Varianten der betrieblichen, sozialen, gesundheitlichen sowie finanziellen Aspekte gegenübergestellt. In der Feinplanung wird das Modell den physischen und organisatorischen Abläufen des Unternehmens angepasst. Nicht zuletzt sollen die Schnittstellen zwischen Gruppen mit unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen berücksichtigt werden.


Wenn ein Schichtmodell erfolgreich ausgearbeitet wurde, sollen die Mitarbeiter in einer Betriebsversammlung über das neue Modell informiert werden. Dabei werden die offenen Fragen beantwortet und Verbesserungsideen der Mitarbeiter eingesammelt. Nach einer eventuell notwendigen Anpassung ist das Schichtmodell für den Testbetrieb bereit.

 

3. Phase: Testbetrieb

In der Testphase wird das neue Schichtmodell an einer ausgewählten Gruppe oder einem Team erprobt und hinsichtlich der Auswirkungen auf den Betrieb und die Mitarbeiter genauer beobachtet. Die Testgruppe sollte von anderen Teams und Bereichen abgekoppelt sein.

Gewöhnlich dauert die Testphase zwischen drei und sechs Monaten. In diesem Zeitraum können und sollen die Mitarbeiter mit Hilfe von Fragebogen und Interviews regelmäßig Feedback über das neue Schichtmodell abgeben. Auf Basis dessen können kontinuierlich kleine Anpassungen vorgenommen werden. Am Ende der Testphase werden nach einer letzten Evaluation die notwendigen Korrekturen und Anpassungen durchgeführt, bevor das Modell für eine breite Einführung bereit ist.

 

4. Phase: Breite Einführung

In der letzten Phase steht das erprobte Modell bereit und kann im gesamten Betrieb eingesetzt werden. Eine Betriebsversammlung ist hier hilfreich, um die Mitarbeiter über den letzten Stand des Modells und die vorgenommenen Verbesserungen in der Testphase zu informieren. Damit können die Kooperationsbereitschaft und die Arbeitsmotivation der Mitarbeiter positiv beeinflusst werden.