IPL-Magazin 32 | Juli 2015 | Autor: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier


Oft sind sie der Stein des Anstoßes – Bestände. Doch ohne sie geht nichts im Unternehmen.


Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier

Unabhängig davon, ob das Bestandsniveau nun zu hoch, zu niedrig oder – im Idealfall – immer genau richtig ist, Bestände müssen verwaltet werden. Ab einer gewissen Unternehmensgröße vermag das nur noch durch Softwareeinsatz realisiert zu werden. Zu unsicher wird das Erinnerungsvermögen des Lagerpersonals, insbesondere dann, wenn mehrere Personen unabhängig voneinander Zugriff auf die Vorräte haben. Zum Einsatz kommen im Normalfall sogenannte Lagerverwaltungssysteme – oder alternativ auch Warehouse Management Systems.

Gemäß einer Definition des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) sorgt ein Lagerverwaltungssystem (LVS) für die Verwaltung von Mengen und Lagerorten und insbesondere deren Beziehung zueinander. Damit übernimmt ein LVS im klassischen Sinne also nichts anderes als die Bestandsführung in einem Unternehmen. Aktuelle Systeme bieten jedoch mehr. Sie unterstützen sämtliche Lagerprozesse von Wareneingang bis Warenausgang. Dazu zählen regelmäßig ablaufende Prozesse, wie die Kommissionierung oder die Verwaltung und Steuerung von Fördermitteln, ebenso wie unregelmäßige Prozesse.

Als Beispiel dafür sei die Inventur genannt. Welcher Funktionsumfang tatsächlich genutzt wird, entscheidet das Unternehmen im Rahmen der Implementierung. Wesentliches Argument ist dabei das zur Verfügung stehende Budget. Einmal installiert, verursacht jede spätere Veränderung der zu unterstützenden Prozesse oder des gewünschten Funktionsumfangs erhebliche Anpassungskosten. Der einfache Wechsel zu einem alternativen Softwareanbieter scheidet aus diesem Grund absolut aus.

Es stellt sich somit die Frage, ob der beschriebene Aufbau einer starren Konstellation noch zeitgemäß ist. Jedes Unternehmen muss sich heute der Forderung nach Wandlungsfähigkeit, also nach Flexibilität und Dynamik, stellen. Die Entwicklung auf den Weltmärkten geht rasant voran und zwingt laufend zur Reaktion auf neuen Kundenbedarf und verschärften Wettbewerb. Ohne eine Anpassung der innerbetrieblichen Logistikprozesse ist das jedoch unmöglich. Für die Verantwortlichen in den Unternehmen und Lösungsanbieter bedeutet dies den Zwang, die Strukturen der bestehenden LVS grundsätzlich infrage zu stellen.

Nicht eine zentrale und komplexe Software darf den Ablauf und die zum Einsatz kommenden Endgeräte vorgeben, sondern der Prozess sollte die Soft- und Hardware bestimmen. Verändert sich der Prozess, muss sich dies auch in einer einfach anzupassenden Software ausdrücken.

Wie so etwas aussehen kann, zeigt die folgende Vision eines zukünftigen Lagerverwaltungssystems mit einer flexiblen Prozess-, Software- und Hardwarelandschaft:

Software folgt dem Prozess:
Die Erstellung des Quellcodes wird nicht einmalig fest programmiert, sondern basiert auf einer Prozessbeschreibung. Diese erfolgt anhand eines modularen Aufbaus – ähnlich den Modellelementen des SCOR-Modells. Durch Aneinanderreihung der Module lassen sich beliebige Prozesse abbilden und durch Austausch der Module auch schnell abändern. Über eine Parametrierung der Module kann die erforderliche Detaillierung vorgenommen werden. Die Übersetzung in einen ausführbaren Quellcode übernimmt ein geeignetes ‚Übersetzungsprogramm‘. Innerhalb weniger Minuten kann eine Prozessführung optimiert oder angepasst werden.

Software folgt der Hardware:
Die Eignung der zum Einsatz kommenden Hardware (z.B. Scanner, Pickby-Voice, Tabletts, Visual Guided Picking oder Smart Labels) hängt maßgeblich von der Aufgabenstellung, der Qualifikation der Mitarbeiter und dem installierten Prozess ab. Also muss analog zur Software auch die Hardware einfach austauschbar sein. Dies erfordert eine ‚Plug-and-Play‘-Funktionalität ähnlich der inzwischen verbreiteten Installation eines handelsüblichen Druckers am heimischen PC.

Die Menüführung kann mit einem einfachen Zeichenprogramm entworfen werden und wird nach Abschluss von der Software erkannt. Doch nicht nur Endgeräte stellen die Hardware innerhalb eines Lagers dar. Auch Regaleinrichtungen werden umgebaut, erweitert oder still gelegt. Pickby-Light-Systeme sind anzupassen. Ladungsträger und Fördertechnik werden ausgetauscht oder abgeändert. Hier gelten dieselben Anforderungen. Aufgabe der Software ist es immer, die Veränderungen selbständig zu erkennen und zu berücksichtigen.

Software folgt dem Menschen:
Qualifikation, Nationalität und persönliche Vorlieben unterscheiden Menschen voneinander. Die Tatsache wird von heutigen Lagerverwaltungssystemen nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Die Bearbeitungsgeschwindigkeit und Fehlerfreiheit hängen jedoch maßgeblich davon ab, inwieweit die Arbeitsumgebung für den Mitarbeiter intuitiv verständlich ist. Ist diese – innerhalb eines gewissen Rahmens - anpassbar an die Mitarbeiterbedürfnisse, profitieren sowohl Mitarbeiter als auch Unternehmen davon.

Software folgt der Umgebung:
Auch die inner- und überbetriebliche Datenlandschaft ist Veränderungen unterworfen. Ist der Wandel innerhalb der Unternehmensgrenzen noch planbar, so wird es bedingt durch die steigende überbetriebliche Vernetzung immer schwieriger, einen kurzfristigen Handlungsbedarf zu vermeiden. Gerade große Kunden verpflichten ihre Lieferanten zum Datenaustausch in der von ihnen vorgegebenen Struktur und zum definierten Zeitpunkt. Eine Weigerung zum Datenabgleich kommt einem Auftragsverlust gleich. Die Input- und Outbeziehungen sind demzufolge offen zu gestalten.



Abb. 1:Moderne Lagerverwaltungssysteme sollten mit der Wandlungsfähigkeit der Produktions- und Logistiksysteme Schritt halten können. Um das zu erreichen, sind signifikante Innovationssprünge erforderlich. Was danach entsteht, hat mit den heutigen Lagerverwaltungssystemen nicht mehr viel gemeinsam.


Damit wird deutlich, die Forderung nach Wandlungsfähigkeit macht vor der betrieblichen Systemlandschaft nicht halt – vgl. Abb. 1. Die Beschreibung der vorstehen Softwarefunktionalität mag visionär klingen, doch sind sämtliche Eigenschaften in unterschiedlichen Anwendungsbereichen längst Realität. Die Einführung eines derartigen Lagerverwaltungssystems erscheint also durchaus realistisch. Basis wird jedoch eine veränderte Softwarearchitektur sein müssen, welche stärker auf dezentrale Elemente setzt.

Einen Realisierungsansatz zeigt die Visual Technologies GmbH mit der prozessgeführten Software Picking Link. Intelligente Behälter, in beliebig dimensionierbarem Umfang, verwalten ihren Standort und Lagerbestand selbständig. Während des Kommissionierens zeigen sie dem Mitarbeiter den kürzesten Weg zum nächsten Zielort. Eine Inventur ist innerhalb weniger Sekunden durchgeführt. Die Wiederbeschaffung von Material wird beim Unterschreiten von Mindestbeständen eigenständig eingeleitet. Die Behälter kommunizieren per Funk mit beliebigen Endgeräten und ermöglichen damit einen Informationsaustausch zum Mensch, zur Maschine am nächsten Arbeitsplatz oder zum übergeordneten ERP-System.

Von heutigen Lagerverwaltungssystemen bleibt damit wenig bestehen. Wird man sie später einmal vermissen?