IPL-Magazin 28 | Juli 2014 | Autor: Carsten Hirschberg


Trends und Entwicklungen

Die Bedeutung der Logistik wird bis 2030 weiter stetig wachsen und ein entscheidender Erfolgsfaktor für den Standort Deutschland sein.

Carsten Hirschberg

Welche globalen Trends beeinflussen die wichtige Branche, die seit Jahren wächst? Trends gibt es sicherlich viele, die mal größeren, mal kleineren Einfluss haben, die mal längerfristig, mal kurzfristig wirken.

Hier sind die Top 5 der wichtigsten Trends, die stark auf den Bereich Logistik einwirken werden:

Platz 5: Globalisierung und die Dynamik der Weltwirtschaft

Der seit Jahren bestehende Trend zur Globalisierung wird sich weiter fortsetzen, jedoch im weiteren Verlauf bis 2030 vermutlich etwas abschwächen. Durch die wachsende Vernetzung, getrieben durch neue Technologien und Produkte insbesondere im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie, sowie der zunehmenden Anpassung der Vorschriften im grenzüberschreitenden Transport, wird sich der Austausch von Waren und Dienstleistungen weiter vervielfachen. Für Industrienationen wie Deutschland birgt diese Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken, denn Deutschland liegt im Zentrum Europas und ist damit wichtigstes Transitland. Die Verkehrsinfrastruktur wird dadurch weiter stark belastet und bedarf früher der Reinvestition. Durch die Zunahme der internationalen Arbeitsteilung und der globalen Rohstoffnutzung wird sich die Nutzung der vorhandenen Infrastruktur für den Güterumschlag, insbesondere die der Häfen, mehr als verdoppeln. Um das hier entstehende Wachstum zu ermöglichen, sind weitere große Investitionen in den Hafenneu- und -ausbau (insbesondere für den Containerumschlag) sowie in die Infrastruktur für den Hafenhinterlandverkehr notwendig.

Platz 4: Green Logistics und nachhaltiges Wirtschaften
Als Gegentrend der Globalisierung gibt es bereits Bestrebungen zur Rückbesinnung auf die „eigene Region“, die „Re-Regionalisierung“. Grund hierfür ist das wachsende Bewusstsein über ökologische Zusammenhänge von Transport, Kohlendioxid-Emissionen und Klimawandel. So wie es im Bereich der Produktion ein starkes Bewusstsein für umweltbewusst und nachhaltig hergestellte Produkte gibt, wird sich dieses Bewusstsein erweitern auf die gesamte Transportkette. Folge ist neben der Forderung nach Green Logistics und nachhaltigem Wirtschaften, dass der Konsument verstärkt auf Produkte aus „seiner Region“ zurückgreifen wird, um lange Transportwege und –dauer zu vermeiden.

So wie es heute bereits den Trend gibt, innerstädtisch auf ein eigenes Auto zu verzichten und stattdessen auf vorhandene Car Sharing Angebote zurückzugreifen, wird sich dieses Bewusstsein auch auf den Bereich der innerstädtischen Logistik ausweiten. Neue Konzepte der innerstädtischen Belieferung durch die Installation von SubHubs und Nutzung von Elektromobilen zur Auslieferung auf der letzten Meile in Kombination mit der Bündelung verschiedener Güter für einzelne Touren, werden dem Bedarf der Bewohner nach Lärmminderung, sinkenden innerstädtischen Verkehr und sinkender Umwelt- und Gesundheitsbelastung Rechnung tragen müssen. Gerade hier kann die Logistik durch die Entwicklung neuer Konzepte und durch die Übertragung dieser auf die Metropolen der Welt neue Geschäftsfelder erschließen und wirtschaftlich nutzen.

Ein zunehmendes Problem wird das derzeitige Planungsrecht werden, das die frühzeitige Beteiligung der Bürger bei der Planung von Großprojekten nicht vorsieht. Der mündige Bürger von heute möchte nicht erst seine Bedenken äußern dürfen, wenn die übergeordnete Planung eines Vorhabens bereits abgeschlossen ist. Er möchte stattdessen über den gesellschaftlichen Nutzen, die Nachhaltigkeit und die Chancen und Risiken frühzeitig informiert und am Planungs- und Entscheidungsprozess beteiligt werden. Dies kann, wie bei Stuttgart21 geschehen, neue und dringend notwendige logistische Großprojekte wie Hafenausbau, Trassenbau für den Schienenverkehr sowie Autobahnaus- und –neubau zeitlich verzögern und stark verteuern. Die Umwelt- und Lärmbelastungen durch die Logistik werden dadurch stark steigen und den Trend zu Green Logistics weiter stärken.

Platz 3: Neue Dienstleistungsorientierung
Bis zum Jahre 2030 werden viele Unternehmen erkennen, dass nicht mehr nur das Produkt der Garant für hohe Umsätze und Erfolg ist, sondern zunehmend die Dienstleistungen dahinter. In einer teils schnelllebigen Welt der Konsumprodukte, die zum Teil sehr ressourcenaufwändig hergestellt wurden, ist es notwendig, sich auch Gedanken über die Logistik dahinter zu machen. Das Bewusstsein für die umweltfreundliche Lieferung beginnt sich bereits langsam zu entwickeln und wird in den kommenden Jahren noch wichtiger werden. Der Kunde möchte zukünftig nicht nur ein Produkt nutzen, sondern sich sicher sein, dass es umweltfreundlich hergestellt, geliefert und später auch umweltfreundlich entsorgt und recycelt wird. Neue ganzheitliche Ansätze und Angebote von Seiten der Logistik sind hier möglich und bieten neue Geschäftsfelder wie die Erstellung des „ökologischen Fußabdrucks“ und dem Nachweis der Nachhaltigkeit eines Produktes.

Platz 2: Naturereignisse, Klimawandel und die Folgen
Klimawandel und globale Erwärmung sind zwei Stichworte eines Trends, der bis 2030 immer stärker in Fokus der Logistik kommen wird. In Zeiten globaler Supply Chains wird das Risikomanagement immer wichtiger, denn Unternehmen müssen ihre Versorgung sicherstellen, da eine Produktionsunterbrechung enorme Kosten verursachen kann. Die zunehmende Zahl von Dürreperioden, Wirbelstürmen, Hochwassern und andere Folgen des Klimawandels zeigen bereits heute die Vulnerabilität der weltweiten Versorgungs und Lieferketten auf.

Kommen nun noch einmalige und unvorhersehbare Ereignisse wie Naturkatastrophen, wie Erdbeben, Flutwellen und Vulkanausbrüche, hinzu, sind logistisch gut geplante Lieferketten schnell außer Kraft gesetzt. Der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull in Island zeigte dies im Jahr 2010. Das Allianz Risk Barometer 2014 zeigt deutlich, dass sich Unternehmen dieses Geschäftsrisikos zunehmend bewusst sind und entsprechende Risikomanagementsysteme einführen bzw. einführen möchten.

Platz 1: Demografischer Wandel und verstärkte Metropolisierung

Der demografische Wandel wird auch für die Logistik ein großes Problem werden. Der bereits bestehende Fachkräftemangel wird sich weiter vergrößern, insbesondere ab voraussichtlich 2020, wenn die Zahl der ausscheidenden Arbeitnehmer die Zahl der Neuanfänger übertreffen wird. Ab etwa 2030 wird der Überhang der geburtenstarken Jahrgänge, die Baby Boomer Generation, beginnen, in den Ruhestand zu gehen, was die Problematik des Wettbewerbs um die besten Talente in allen Bereichen weiter verschärfen wird. In Deutschland wird sich darüber hinaus die Zahl der Einwohner und damit die Zahl potentieller Arbeitskräfte verringern, da die statistisch notwendige Zahl von 2,1 Kindern pro Frau bereits seit Jahrzehnten nicht mehr erreicht wird. Die Zuwanderungsgewinne durch Migration werden diesen Trend nicht ausgleichen können, was auch die Logistik vor eine große Herausforderung beim Thema Nachwuchs stellen wird.

Die verbleibenden Einwohner werden sich zudem immer stärker in den Metropolregionen ansiedeln und damit den Trend zur Verstädterung weiter fördern, was neue innerstädtische logistische Konzepte notwendig machen wird. Diesem Wachstum der Metropolregionen bis hin zu sogenannten Megacities sollte durch neue und interessante logistische Konzepte entgegen gewirkt werden, damit auch das Leben in der Peripherie wieder attraktiv wird. Wohin unkontrolliertes Wachstum von Städten in Verbindung mit fehlenden Strategien für Umweltschutz und Nachhaltigkeit führen kann, lässt sich derzeit in vielen Städten Chinas beobachten.