IPL-Magazin 17 | Oktober 2011 | Autor: Moritz Brandstetter (IPL)


Die Sicherstellung der Versorgung ist für Einkäufer und Logistiker eines der Kernarbeitsthemen. Dies gilt besonders in wirtschaftlich unsicheren Zeiten wie momentan. Deswegen beschäftigt sich der folgende Artikel mit den grundsätzlichen Möglichkeiten zur Versorgungssicherstellung.
 

Autor: Moritz Brandstetter (IPL)

Die Weltwirtschaftskrise scheint überstanden. Der deutsche Export kehrt zu alter Stärke zurück und Unternehmen bestellen wieder, um dem steigenden Bedarf der Kunden nachzukommen. Der Aktienmarkt wird im unsicheren Umfeld des Spätsommers 2011 immer mehr Spielfeld für Spekulationen. Den volkswirtschaftlichen Nutzen der Börsen hat dieser Trend geschmälert. Aktienindices eignen sich in so volatilen Zeiten wie derzeit kaum noch für seriöse Prognosen. In ruhigen Zeiten kann der Disponent z.B. einer Zulieferfirma auch an der Kursentwicklung seiner Kunden deren wirtschaftliche Situation ablesen und kann sein Bestellverhalten danach ausrichten. Das geht jetzt nicht mehr. In der momentan extrem volatilen Situation der Börsen muss der Einkäufer einen Maßstab finden, der von Spekulationen nicht beeinflussbar ist. In Frage kommt z.B. der Baltic Dry Index, der seit der Mitte des 18. Jahrhunderts die Frachtraten für bestimmte Hauptfrachtgüter auf den wichtigsten Routen indiziert. Dieser Index ist immun gegen Spekulationen, weil der Baltic Dry Index ist ein sogenannter Frühindikator, weil er direkt mit der Nachfrage nach Rohstoffen im Zusammenhang steht und somit sehr "früh" auf die Lage der Weltwirtschaft hinweist.

Im wirtschaftlichen Abschwung wurden Kapazitäten radikal abgebaut. Fast alle Unternehmen haben ihre Bestände massiv heruntergefahren und jetzt, in der konjunkturellen Erholung, kommt es "plötzlich" zu Lieferengpässen. Trotzdem scheint sich schon wieder eine neue Krise anzubahnen: Die Vereinigten Staaten haben möglicherweise die wirtschaftlich "Goldenen Jahre" vorerst hinter sich. Mehrere Euroländer können nur noch durch Finanzhilfen der EU am Leben gehalten werden.

Das Einkaufsmanagement hängt an der Weltkonjunktur und unterliegt einem beständigen Wandel. Neben der Kostenreduzierung gewinnt die Flexibilität beim Abruf von Liefermengen immer mehr an Bedeutung. Die unvorhersehbare Dynamik der Weltwirtschaft und der konjunkturellen Lage könnte in den kommenden Jahren noch zunehmen. Für Unternehmen bedeutet dies, dass eine schnelle und flexible Reaktion auf Veränderung des Marktes bei Ihren Beständen und Kapazitäten notwendig ist.

Das Hauptproblem ist, dass prognostizierte Bedarfe sich schlagartig ändern können. Unabhängig von der Abschätzung des zukünftigen Bedarfs: Für den Disponenten ist es unmöglich, alle externen Einflüsse in die Planung mit aufzunehmen und doch muss die Versorgung mit Material sichergestellt sein, damit alle sechs "r" der Logistik erfüllt werden. (Die richtige Menge, des richtigen Materials, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, in der richtigen Qualität, zu den richtigen Kosten).

 
 
Abb. 1. :  Tabelle 1: Klassifizierung der Beschaffungsartikel [3]
 
 
Aus diesem Grund besteht in der Industrie die Tendenz, sich von reinen Kostensenkungsprogrammen zu verabschieden und sich einer ganzheitlichen Optimierung der Supply Chain hinsichtlich Kosten und Leistung zu zuwenden . Um die ganzheitliche Optimierung zu erreichen, ist eine enge Verzahnung zwischen strategischem und operativem Einkauf notwendig.

Bevor über die richtige Strategie zur Versorgungssicherstellung nachgedacht wird, sollte das Einkaufportfolio analysiert werden. Um die Beschaffungsobjekte richtig einzuordnen, kann  die folgende Tabelle als Entscheidungshilfe verwendet werden. Eine Zusammenarbeit zwischen operativem und strategischem Einkauf fördert den Erfolg.

Nach der Einteilung der Beschaffungsobjekte in eine der vier Kategorien, folgt eine Einordnung, wie in der folgenden Abbildung dargestellt. Das Ergebnis ist ein erster Indikator für die Wahl der richtigen Strategie am Beschaffungsmarkt.

Nachdem die Beschaffungsobjekte eingeordnet und die Beschaffungsquellen bewertet sind, muss die richtige Strategie aus den verschiedenen Möglichkeiten zur externen Materialbereitstellung gewählt werden. Grundsätzlich gibt es drei Methoden:

1. Die Einzelbeschaffung im Bedarfsfall eignet sich besonders für die Einzelfertigung. Der Disponent bestellt nur bei Bedarf und nur in der erforderlichen Stückzahl.

2. Bei der Vorratsbeschaffung, wird unabhängig von den tatsächlichen Prognosen bestellt. Es werden bewusst Vorräte gehalten, um die Produktionsfähigkeit zu garantieren und das Unternehmen vor externen Unsicherheiten zu schützen. Geeignet ist diese Methode für Engpassmaterialen. Nachteile sind der höhere Kapital- und Flächenbedarf, weil Waren bezahlt und gelagert werden müssen. Die klassische Vorratsbestellung ohne Lieferantenkontrakt verursacht hohe Kapitalkosten  und eignet sich nicht gut für einen flexiblen Einsatz in der derzeitigen konjunkturellen Lage.

 

Abb. 2. : Strategische Bewertung der Beschaffungsobjekte und -quellen  [4]


3. Die Lieferantenpartnerschaft bietet viele Optionen und ist der ganzheitliche Ansatz. In konjunkturell unsicheren Zeiten riskiert die Firma, auf bestellter Ware "sitzen zu bleiben" - andererseits muss die Firma fürchten, Aufträge nicht annehmen zu können, weil das erforderliche Material nicht (rechtzeitig) vorhanden ist. Je nach der wirtschaftlichen Stärke der Firma und ihrer Risikofreude muss abgewogen werden, ob ein fehlgeschlagener Einkauf oder ein abgelehnter Auftrag schwerer wiegt. Der Königsweg, der aus diesem Dilemma führt, ist die Lieferantenpartnerschaft. Die hieraus entstehenden Möglichkeiten am besten eignen, um die Versorgung in volatilen Wirtschaftszeiten sicherzustellen und gleichzeitig auf unerwartete Änderungen in der Bestellmenge flexibel reagieren zu können. Für die verschiedenen Möglichkeiten der Lieferantenpartnerschaft wird eine enge Anbindung des Informationssystems des Abnehmers zum Lieferanten notwendig. Hieraus resultiert, dass die Beziehung zwischen den Partnern mittel- bis langfristig anzulegen ist. Die Informationsweitergabe (Bedarfsabschätzung) -insbesondere bei mehrstufigen Lieferantenketten- in Echtzeit ist hierbei von essentieller Bedeutung, um den "Bullwhip-Effekt" (Peitscheneffekt) zu verhindern oder zumindest abzumildern. Denn der Informationsfluss hat einen direkten Einfluss auf Produktionsmengen, Lagerbestände und auf Lieferpläne der einzelnen Partner einer Lieferkette.

Die zwei gängigsten Methoden von Lieferantenpartnerschaften sollen im Folgenden vorgestellt werden:

Beim Direktabruf erfolgt die konkrete Materialanforderung vom Lieferanten, wenn beim Abnehmer echte Kundenaufträge vorliegen. Dem Direktabruf sind zwei Planungsebenen vorgeschaltet. Es gibt drei Ebenen, die sich besonders im Planungshorizont und der Genauigkeit der Daten unterscheiden, dargestellt in Tabelle 2 .
Die zweite Methode, die gemeinsame Bestandssteuerung, vereint mehrere Vorteile. Nennenswerte Vorteile sind:

  • Die Eignung bei großer räumlicher Entfernung des Lieferanten zum Abnehmer
  • Verwendbarkeit bei ausgeprägter Typen- und Teilevielfalt
  • Ungeeignete Fertigungsstrukturen des Lieferanten für JIT-Belieferung des Abnehmers


Das Ziel der gemeinsamen Bestandssteuerung ist die unternehmensübergreifende Optimierung des Materialflusses insbesondere unter Kostengesichtspunkten sowie eine Reduzierung der Informationsschnittstellen. Grundlegend für dieses Modell ist der kooperative Ansatz zwischen Lieferant und Abnehmer . Damit dieses Modell Erfolg hat müssen - wie in Abbildung 2 dargestellt - folgende Informationen für beide Seiten zugänglich sein.
 

Abb. 3. :  Tabelle 2: Ebenen des Direktabrufs



Die gemeinsame Informationsverwaltung, besonders die Verwaltung der aktuellen Bestände und der geplanten Kapazitäten bzw. der erwarteten Aufträge, reduziert das Risiko von Überraschungen auf beiden Seiten. Die kontinuierliche Pflege der Daten führt zu geringen Beständen und somit zu einer sicheren Bestandssteuerung. Sobald Informationen zwischen Lieferant und Abnehmer strukturiert ausgetauscht werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Materialfluss nicht zum Erliegen kommt. Der daraus resultierende Mehraufwand, (EDV-System, Audits, usw.) führt jedoch zu höheren Kosten und wird deshalb nicht für alle Materialen gewählt werden. Der strategische Einkauf sollte deswegen alle Materialen kategorisieren und sich dann, wie vorher dargestellt, eine grundsätzliche Versorgungsstrategie überlegen. Hier muss die Praxis die Theorie befruchten - wie so oft, wenn es eng wird.

Die Literatur bietet jedoch nur bedingt innovative Lösungsvorschläge, d.h.: Neben den hier dargestellten grundsätzlichen Strategien gibt es keine wirklich neuen Ansätze. Die Praxis hingegen hat die Theorie längst überholt. Die Philosophie zur Versorgungssicherstellung sieht von Unternehmen zu Unternehmen anders aus.

 

Abb. 4. :  Notwendige Informationen für die gemeinsame Bestandssteuerung



 


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Quellen:        
[1] Hesse, Martin, in: Süddeutscher Zeitung vom 16.09.2011, S. 23 "Börsen-Lotterie"       
[2] Strub, M. (1998): Das große Handbuch Einkaufs- und Beschaffungsmanagement, Verlag Moderne Industrie, München S. 439 ff.
[3] In Anlehnung an Kraljic, P. From Purchasing to Supply Management, Harvard Manager, 1985
[4] Weissenberger-Eibl M. (2002): Beschaffungsmanagement, in Vorlesungsskript "Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre für Ingenieure im Grundstudium", hrsg. Wildemann, H. (TU München), 2002, S.7
[5] Schulte, C. (2009), Logistik, Wege zur Optimierung der Supply Chain, 5. Auflage, Vahlen Verlag, München, 2009, S. 295 ff.
[6] Lee, H. (2004): Information Distortion in a Supply Chain: The Bullwhip Effect, Management Science, S. 1875- 1886
[7] Wildemann, H.: Produktionssynchrone Beschaffung. Zürich, München, 1988
[8] Schulte, C. (2009), Logistik, Wege zur Optimierung der Supply Chain, 5. Auflage, Vahlen Verlag, München, 2009, S. 306f