IPL-Magazin 12 | Juli 2010 | Autor: Prof. Dr. Andreas Rieger, Hochschule München

 

Anbieter von Enterprise Resource Planning (ERP)-Systemen waren 2009 mit deutlich sinkenden IT-Budgets bei den Anwender-Unternehmen konfrontiert. Aber nicht nur die Wirtschaftskrise zeigt ihre Wirkungen. Vor allem technologische Entwicklungen prägen den Markt.


Enterprise Resourse Planning (ERP)-Systeme stehen in einem dynamischen Umfeld. Dieses entwickelt sich mit den Veränderungen der Marktanforderungen, der Paradigmen in der Unternehmensführung und vor allem der Software- und Hardwaretechnologie laufend weiter.

Auch die aktuelle Wirtschaftskrise hat deutliche Spuren am Markt für ERP-Systeme hinterlassen. Vor allem größere Unternehmen stellen ihre IT-Investitionen zurück - das gilt besonders für den Maschinenbau und die Automobilindustrie. Doch mit der Krise ergeben sich auch neue Chancen.

So überdenken in wirtschaftlich schwierigen Zeiten viele Unternehmen ihre Geschäftsprozesse und versuchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch neue, leistungsfähige IT-Lösungen zu steigern. Auch der Fokus der IT-Nutzung ändert sich bei manchem Kunden: Vor allem viele Unternehmen im Mittelstand stellen das Thema Liquiditätsmanagement deutlich stärker in der Vordergrund. Welche weiteren Entwicklungstendenzen sich aktuell auf dem ERP-Markt ergeben, soll in diesem Artikel kurz angerissen werden.
 

Trend 1: ERP für den Mittelstand

Durch die sinkenden IT-Budgets in den Großunternehmen ist die Lage für die Anbieter im oberen Segment des ERP-Marktes aktuell schwierig. Marktanteile sind nur über Verdrängung zu gewinnen. Wachstum scheint derzeit nur im Mittelstand möglich. Bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) wird oft noch ohne integrierte Business-Software gearbeitet.

Dabei sind die qualitativen Anforderungen im Vergleich zu Großunternehmen ähnlich hoch. Kleine Betriebe sind ebenfalls in komplexe Lieferketten eingebunden und fertigen anspruchsvolle Produkte.
Doch Kleinunternehmen benötigen keine teuren Megalösungen, sondern schlanke, auf ihre Bedürfnisse abgestimmte ERP-Systeme. Sie benötigen eine einfache Bedienung, hohe Qualität und ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Diese Erwartungshaltung führt uns zu Trend 2 - Individualisierung und Branchenlösungen sowie zu Trend 3 - ERP as a Service.


Trend 2: Individualisierung und Branchenlösungen von ERP

ERP-Systeme, die als "Standardsoftware" vertrieben werden, unterliegen meist einem erheblichen Anpassungsbedarf. Da die Unternehmen im Mittelstand nicht "standardisiert" sind, passt auch die Standardlösung eines Softwareherstellers in der Regel nicht 1:1 auf die spezifischen Verhältnisse des individuellen Unternehmens. Was benötigt wird, sind leistungsstarke,

branchenspezifische Lösungen. Diese sollen dazu beitragen, den Aufwand für individuelle Programmierungen aufgrund von betriebsspezifischen Anforderungen so gering wie möglich zu halten. Damit können dann überproportional hohe Kosten und Unternehmensrisiken vermieden werden, was besonders im Mittelstand mit seinen knapp bemessenen Budgets ausschlaggebend ist. Letztlich werden die Software-Anbieter das Rennen machen, die eine ausgeprägte Branchenexpertise aufweisen und diese am besten im Sinne von Prozess-Optimierungen beim Kunden einsetzen können.


Trend 3: ERP as a Service

Der steigende Kostendruck in vielen Unternehmen führt dazu, dass Investitionsentscheidungen zum Teil verworfen werden und die Höhe existierender Abteilungsbudgets zunehmend in Frage gestellt wird. Das trifft auch oder sogar in besonderem Maße auf IT-Abteilungen zu, denen es von Hause aus schwerfällt, ihren Beitrag zum Customer Value des Unternehmens darzustellen.

Dementsprechend sind neue, kreative Lösungen gefragt. SAP kommt in diesen Tagen mit ihrer neuen Version der Mietsoftware Business ByDesign heraus. Solche On-Demand-Lösungen haben grundsätzlich das Potential, traditionelle Geschäftsmodelle zu ersetzen.

Auch wenn Business ByDesign in seiner bisherigen Version noch keinen durchschlagenden Erfolg hatte, so bietet das sog. "Cloud Computing" für ERP-Systeme die Möglichkeit, die Größe der eigenen IT-Abteilung zu reduzieren, teure Investitionen in die IT-Infrastruktur zu vermeiden und trotzdem mit der Software immer auf dem neuesten Stand zu sein. Trotz der neuen Chancen, ist "ERP as a Service" für einen großen Teil der Unternehmen noch kein Thema.

Der Grund: Viele Unternehmen können sich nur schwer damit anfreunden, ihre sensiblen Daten auf entfernten, unternehmensexternen Servern zu speichern. Deshalb ist mit einem schrittweisen Prozess zu rechnen. Zunächst wird die Applikationsunterstützung geschäftsunkritischer Prozesse in die "Wolke" ausgelagert werden, während weiterhin vor Ort installierte Systeme die definierten Kernkompetenzen und -prozesse der Unternehmen abdecken. Eine solche Lösung wird auch als Hybridmodell verstanden und stellt die Überleitung zum nächsten Trend dar.


Trend 4: Serviceorientierte Architekturen (SOA)

Auf der Grundlage von Web Services werden neue Architekturen für Informationssysteme entwickelt, die als Service-orientierte Architekturen bezeichnet werden. Im Falle von ERP-Systemen versteht man darunter eine Architektur, bei der die Systemkomponenten (Module) nicht in einem starren Gefüge stehen, sondern als "Dienste" bzw. "Services" über ein Netzwerk flexibel eingebunden werden können. Im Idealfall werden einzelne Services zu standardisierten Geschäftsprozessketten zusammengefügt und ermöglichen so, Applikationen und Prozesse von Geschäftspartnern zu nutzen bzw. mit einzubinden. Die Technologie spielt daher vor allem in vertikalen Lieferketten eine Rolle und kann eine schnelle und kostengünstige Implementierung ermöglichen. Entscheidend ist freilich, dass die unterschiedlichen Anwendungen miteinander kommunizieren. Dann können SOA-Umgebungen zukünftig die klassischen Software-Pakete ablösen. Anstelle des Programmfensters rückt dann zunehmend der Webbrowser.


Trend 5: Marktplätze und Kollaborationsplattformen

Während der traditionelle Handel mehr oder weniger stagniert, sind bei den elektronischen Formen der Geschäftstätigkeit (E-Commerce) trotz Wirtschaftskrise zweistellige Wachstumsraten zu verzeichnen. Dieser Zuwachs rührt daher, dass zunehmend auch kleine Unternehmen dem Web-Geschäft große Bedeutung für ihre Geschäftstätigkeit einräumen. Sie eröffnen Webshops oder erscheinen auf virtuellen Marktplätzen. Damit werden geschäftliche Informationen, Dienste und Funktionen für die Allgemeinheit, vor allem aber für Geschäftspartner zur Verfügung gestellt.

Je mehr Geschäftsprozesse regelmäßig über Unternehmensportale oder Marktplätze abgewickelt werden, desto eher würde man auch von Kollaborationsplattformen sprechen. Solche Systeme sind bereits seit längerer Zeit in der Automotive-Branche bekannt.

Durch die Vorreiterrolle dieser Industrie, aber auch durch die Marktmacht von großen Kunden in anderen Branchen, werden immer mehr kleine und mittlere Unternehmen (KMU) auf solche Kollaborationsplattformen gedrängt. Das hat  Auswirkungen auf ERP-Systeme: Produkt- und Verfügbarkeitsdaten aus der ERP-Datenbank müssen schnell und unkompliziert aufbereitet, dargestellt und über verschiedenste elektronische Plattformen vermarktet werden können. Das Thema Konvektivität und Extraktionsfähigkeit von Daten wird für ERP-Systeme immer wichtiger.

Zusammenfassend prägen vor allem technische Trends den aktuellen ERP-Markt. Kleinere ERP-Software-Anbieter werden sich schwer tun, den rasant steigenden Anforderungen gerecht zu werden. Betrachtet man zusätzlich die Notwendigkeit zur Internationalisierung und den schrittweisen Übergang zu mobilen Lösungen, so ist mit einer Konsolidierung der ERP-Anbieter zu rechnen.

 


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