IPL-Magazin 06 | Januar 2009 | Autor: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier (IPL)






Getrieben von einem dramatischen Rückgang im Auftragseingang und der nun rigiden Haltung vieler Institute bei der Kreditvergabe stuft der Durchschnitt der deutschen Industrie die Erwartungen für das kommende Jahr als entsprechend negativ ein (s. Abb. 1).

Als historisch kann dabei die Geschwindigkeit des Einbruchs bezeichnet werden. Noch im Januar 2008 hatte die Mehrzahl der Unternehmen eine stark positive Erwartungshaltung. Im September sprach der BDI-Präsident Jürgen Thumann zwar von einem Abschwung, „(…) von einer Wirtschaftskrise oder einer Rezession kann jedoch keine Rede sein“ (Quelle: VDI-nachrichten, 26.09.08). Der aktuelle Stand lässt nun jedoch zum ersten Mal seit 2002 wieder eine Rezession befürchten und dies mit einem dramatischeren Verlauf als zum damaligen Zeitpunkt. Dieses Ausmaß ist umso erstaunlicher, da gleichzeitig die Arbeitslosenzahl im November 2008 mit weniger als 3,2 Millionen Personen (Quelle: Bundesagentur für Arbeit) den niedrigsten Stand seit Langem aufweist.

Ein Einbruch des privaten Konsums ist damit eigentlich nicht zu erwarten. Dies belegen auch Stimmen vieler Angestellter, die bislang noch keine Auswirkungen des konjunkturellen Verlaufs auf ihre persönliche Situation absehen. Maßgeblich dafür dürfte auch sein, dass die Unternehmen noch keine nennenswerten Entlassungen vorgenommen haben, sondern die Anpassung der Beschäftigten überwiegend durch die Reduzierung der Zeitarbeitskräfte realisiert haben. Wie lange dies so bleibt, erscheint jedoch fragwürdig.

Aber auch wenn Abb. 1 die Meinung des Durchschnitts der deutschen Industrieunternehmen wider gibt, so macht es dennoch Sinn, die Situation differenziert zu betrachten. Die in den Medien vielzitierte Automobilindustrie wird die Produktion von Kraftfahrzeugen schon in 2008 senken. Gegenüber einer Produktion von 6,2 Millionen Fahrzeugen in Deutschland im Jahr 2007 werden es 2008 nur noch 5,5 Millionen Fahrzeuge sein – mit weiter fallender Tendenz für 2009 (s. Bild 2, Quelle: vdi-nachrichten, 21.11.08). Dies trifft nicht nur die OEM, sondern auch deren Zulieferindustrie.  



Abb. 1

 

In der Logistiksparte ist man vergleichsweise optimistisch. Die KEP-Branche erwartet zwar ebenfalls einen deutlichen Rückgang bei der Geschäftstätigkeit, doch wird dies noch zu einem Wachstum in 2008 von 2 bis 3% und in 2009 von 1 bis 2% führen. „Wir gehen auch für die Zukunft davon aus, dass unser Wachstum über dem des Inlandsproduktes liegt“, sagte Gunnar Uldall, Präsident des Bundesverbands Internationaler Express- und Kurierdienste (BIEK) am 12. November 2008 in Berlin (Quelle: Deutsche Logistik-Zeitung, 17.11.08).

Gemäß einer Studie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bundesvereinigung für Logistik (BVL), welche diesem Beitrag als pdf-Datei beiliegt, geht die Geschäftserwartung aller Logistikdienstleister bezüglich der nächsten 12 Monate um 22% gegenüber dem Prognosewert des Vorquartals zurück. Doch liegt der Indexwert damit nur 6 Punkte unter dem Normalwert von 100. Die weiterhin gute Auftragslage wird durch den aktuell leicht rückläufigen Auftragseingang kaum geschmälert. Das Logistikklima in Industrie und Handel liegt sogar auf einem deutlich höheren Niveau als auf der Anbieterseite des Logistikmarktes. Die DIW/BVL-Studie zeigt für diese Sparte nur eine moderate Abschwächung gegenüber dem Vorquartal.

„Die zunehmende Kapazitätsverfügbarkeit bestätigt die von den Anbietern gemeldeten Abschwächungstendenzen, allerdings zeigt sich die Nachfrage nach Logistikleistungen und die Auslastung der eigenen Logistikkapazitäten auf einem robusten Niveau. Zwar wird für die eigene Geschäftstätigkeit in den nächsten 12 Monaten mit einer Abschwächung gerechnet, hiervon werden die zukünftigen Logistikbedarfe aber kaum berührt.“ (Quelle:  www.bvl.de/6792_1 vom 08.12.08) 

Zusammenfassend lässt sich damit feststellen: Die Finanzmarktkrise zeigt deutliche Auswirkungen auf die Konjunktur in Deutschland. Stark betroffen sind insbesondere Vorhaben und Unternehmen, die auf Fremdkapital angewiesen sind. Hier kann es in Wechselwirkung mit der nachlassenden Nachfrage zu einer existenzgefährdenden Liquiditätsverknappung in Unternehmen kommen. Gefordert sind Maßnahmen des Managements, welche die Liquidität verbessern. Die Logistikbranche wird voraussichtlich auch weiterhin zu den vergleichsweise stabilen Wirtschaftsbetrieben zählen. Der Grad der Auswirkungen der Finanzkrise ist damit abhängig von der Branche sowie der Eigenkapitalquote.
 

 

Abb. 2