IPL-Magazin 02 | Januar 2008 | Autor: Tobias Kaiser (IPL)


Tobias Kaiser (IPL)Die Transportbranche ist weiter im Aufwind. Allein im ersten Halbjahr 2007 wuchs das Transportvolumen im Straßen- Eisenbahn- und Binnenschiffsgüterverkehr deutschlandweit um 8,0 % auf 1,71 Milliarden Tonnen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum [1]. Eigentlich müssten die Transportunternehmen aufgrund der derzeitigen Entwicklungen überglücklich sein, doch die Kostenspirale beim Gütertransport auf der Straße reißt nicht ab. So soll die im Jahr 2005 eingeführte LKW Maut bereits dieses Jahr um weitere 0,6 bis 6,2 Cent pro Kilometer erhöht werden [2]. Auch die Energiemärkte spielen verrückt. Im Dezember 2007 war der Dieselkraftstoff teilweise teurer als Normal- oder Superbenzin! Der Preis für einen Liter Dieselbenzin lag in den ersten elf Monaten 2007 im Durchschnitt um 4,1 Cent über dem Wert von 2006 [3].  
 


Zusätzlich machen sich die Kosten durch die Harmonisierung der europaweiten Bestimmungen für die LKW-Fahrer bemerkbar. Seit April 2007 haben sich mehrere EU-Richtlinien geändert. Nachfolgend sind die wichtigsten Veränderungen zusammen gefasst [4]:
 

Die wöchentliche Lenkzeit darf maximal 56 Stunden betragen. Die 45 Minuten Pause während der ersten 4,5 Stunden Lenkzeit muss einmal 15 Minuten und einmal 30 Minuten umfassen.

Die wöchentliche Arbeitszeit für LKW-Fahrer wurde von 56,5 Stunden auf 48 Stunden gesenkt. Dabei gilt ein Durchrechnungszeitraum von bis zu 17 Wochen.

Seit Mai 2006 müssen alle Neufahrzeuge über 3,5 t und Busse mit mehr als 8 Sitzen mit einem digitalen Tacho ausgestattet werden. Die Daten der letzten 28 Tage müssen gespeichert werden. Alle Fahrzeuge ohne digitalen Tacho müssen alle Tachoscheiben der jeweiligen Woche plus die Tachoscheiben der letzten 15 Tage mit sich führen.
 

Durch den digitalen Tacho können die Daten wesentlich einfacher erfasst und ausgewertet werden. Deshalb sollen die jährlichen Straßenkontrollen bis 2010 auf mindestens 3 % Prozent angehoben werden. 

Auch die Haftungsbestimmungen ändern sich. Bei Nichteinhaltung der Lenk- oder Arbeitszeiten kann das Unternehmen, bei dem der Fahrer angestellt ist, mit einem Bußgeld von bis zu 15.000 Euro belegt werden. Gegen den Fahrer kann bei einer Ordnungswidrigkeit ein Bußgeld von bis zu 5.000 Euro verhängt werden.

Die veränderten Lenkzeiten stellen kein Problem dar, da die gesetzlichen Vorschriften noch genügend Spielraum lassen. Anders sieht es bei der Änderung des Arbeitszeitgesetzes aus. Durch die gesetzlichen Neuregelungen kann das jetzige Transportvolumen nur mit der Erhöhung der Personalkapazitäten gestemmt werden.
 

Eine Studie des Bundesverbandes Güterkraftverkehr (BGL) prognostiziert eine Kostensteigerung durch den zusätzlichen Personalbedarf für das Transportgewerbe von bis zu 6 %[5]! Weit höher liegt die Kostensteigerung bei einer Studie, die vom Deutschen Speditions- und Logistikverband (DSLV) in Auftrag gegeben wurde.
 

Das Fraunhoferinstitut in Nürnberg errechnete dabei eine durchschnittliche Kostensteigerung um 4,7 Milliarden Euro oder 9,4 % [6]!

Die prognostizierten Kostensteigerungen der einzelnen Transportsegmente durch die gesetzlichen Veränderungen sind im nachfolgenden Graphen dargestellt.

 

Abb. Prognostizierte Kostensteigerungen der einzelnen Transportsegmente
 


Über die absoluten Werte der prognostizierten Kostensteigerungen lässt sich sicherlich streiten, aber aus dem Graphen lässt sich ablesen, dass sich die größten Kostensteigerungen im Nahverkehr ergeben werden. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da im Nahverkehr meist mehrere Endempfänger angefahren werden. Durch die zahlreichen Be- und Entladevorgänge spielt die Arbeitszeit der LKW-Fahrer eine entscheidende Rolle. Dies ist umso interessanter, da 77 % der Gütermenge im Straßengüterverkehr im Nah- und Regionalverkehr (Radius bis 150 km) transportiert wird [1].
 

Wie geht man nun mit den gestiegenen Kosten durch die neue Arbeitszeitregelung um? Schon jetzt sind die Gewinnmargen im Transportgewerbe sehr klein. Besonders im Nahverkehr gibt es viele kleine und mittlere Transportunternehmen, die die zusätzlichen Personalkosten unmöglich stemmen können. Aber auch die Verlader werden höhere Einstandspreise der Transportunternehmer nicht so einfach hinnehmen. Deshalb gilt es unternehmensinterne Prozesse zu verbessern. Vor allem bei der Optimierung der Be- und Entladung der Fahrzeuge ist meist noch ein erhebliches Einsparungspotential bei den jeweiligen Arbeitszeiten vorhanden.
 

Ein weiteres Problem besteht in der Schwierigkeit, qualifiziertes und zuverlässiges Fahrpersonal zu gewinnen. Bereits 2006 kam es in einigen Segmenten des Transportwesens zu Engpässen bei LKW-Fahrern. Diese Tatsache beruht vor allem auf dem sich seit längerem abzeichnenden Altersstrukturproblem und dem Wandel des Berufsbildes hin zu einer computergestützten Technisierung mit qualitativ höheren Anforderungsprofilen. [7]
 

Gibt es eine alternative zum Gütertransport auf der Straße? Heute werden 82 % der Güter auf der Straße transportiert. Als einzige Alternative ist der Eisenbahngüterverkehr zu sehen, der aber nur im Fernverkehr sinnvoll einsetzbar ist und den Straßenverkehr niemals vollständig ersetzen kann. Denn obwohl auch der Schienengüterverkehr im 1. Halbjahr 2007 ein Zuwachs von 6,1 % im Güterverkehr vermelden konnte, sind die kapazitiven Möglichkeiten bereits jetzt schon fast vollständig ausgeschöpft. Vor allem bei Lokomotiven, Spezialwaggons, Lokführern und Wagenmeistern kommt es zu Engpässen.  Nicht nur seit dem Bahnstreik im letzten Jahr konnte man sehen, wie sensibel die deutschen Produktionsunternehmen auf Zugausfälle oder –verspätungen reagieren. In absehbarer Zukunft wird es keine Alternative zum Gütertransport auf der Straße geben. [1]
 

Unter der Rubrik IPL-Projekt in der dieser Ausgabe des IPL-Magazins findet man ein Interview mit dem Geschäftsführer der Spedition Andreas Schmid AG, das sich mit dem Thema der Optimierung der unternehmensinternen Prozesse beschäftigt.
 

Quellen:
[1] Marktbeobachtung Güterverkehr Herbst 2007 (Bundesamt für Güterverkehr)
[2] Logistik Inside Ausgabe 12/2007
[3]
www.welt.de/wirtschaft/article1427536/Preis-Chaos_bei_Benzin_und_Diesel.html
[4] EG-Richtlinien 561/2006; 2002/15/EG und 2006/22
[5]
www.bgl-ev.de/web/service/gesamtkostensteigerung.htm
[6]
www.atl.fraunhofer.de/fileadmin/data/presse_und_medien/2007-08-29_Exec_Sum_FPR.pdf
[7] Sonderbericht zur Fahrpersonalsituation im deutschen Güterkraftverkehrsgewerbe, Mai 2007 (Bundesamt für Güterverkehr)