Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier

IPL-Magazin 42 | Januar 2018 | Autor: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier


Die Entwicklung in der Wirtschaft scheinen sich immer weiter zu beschleunigen. Ein Haupttreiber ist die Digitalisierung. Aber auch weitere Einflüsse zeichnen sich ab. Das IPL-Magazin hat aus diesem Grund Verantwortliche deutscher Unternehmen befragt, was die größten Herausforderungen in der Produktion in den kommenden Jahren sein werden.

Hier sind die Einschätzungen: 

 

Dr. Bernd Völker, Vorstand Technik, MSA AG – Karlstadt:

Herausforderung Nr. 1 ist in unseren Augen der Fachkräftemangel. Im Bereich der CNC-Zerspanung und im Bereich der Schweißteilefertigung ist es bereits heute sehr schwierig, ausreichend qualifiziertes Fachpersonal zu bekommen. Deshalb setzen wir, wie viele andere Unternehmen, auf die Ausbildung. Einerseits sorgt jedoch der technologische Wandel in den Produktionsprozessen dafür, dass die Anforderungen an die Auszubildenden ständig steigen, andererseits ist seit Jahren zu beobachten, dass immer mehr Jugendliche zum Abitur und anschließenden Studium tendieren anstatt eine Ausbildung zu beginnen. Hier würde ich mir eine gesellschaftliche Diskussion wünschen über die Wertigkeit der handwerklich geprägten Berufe im Vergleich zu den Akademikern. Die

Herausforderung Nr. 2 sehen wir im digitalen Wandel. Die heute 45-50-jährigen haben in ihrer Ausbildung noch mit Hilfe von Zeichenschablonen und Tuschefüllern konstruiert, in der Fertigung war die Programmierung mit Lochstreifen noch weit verbreitet. Heute sprechen wir von durchgängigem digitalen Daten- und Wertstrom, von CAD/CAM-Kopplung, von 3D-Druck, von augmented und virtual reality. Das ist ein riesiger Spagat, auf den die 45-50-jährigen, die noch ca. 20 Jahre im Berufsleben stehen, adäquat mitgenommen werden müssen.

 

Stephan Tutass, Leiter Supply Chain Management, Schreiner Group GmbH & Co. KG – Oberschleissheim:

Eine der großen Herausforderungen speziell in den produzierenden Unternehmen ist die Beherrschung der Komplexität. Die stetige Zunahme der drei Dimensionen Vielfalt, Vernetzung und Veränderung erfordert es, dass sich die Unternehmen strategisch mit dem Komplexitätsmanagement beschäftigen. Dies gelingt aus meiner Sicht nur unter Ausnutzung der neuen Technologien im Kontext Industrie 4.0. Dabei ist die Technik jedoch kein Selbstzweck, sondern die Prozesse stehen nach wie vor im Vordergrund, die nach Lean Management Prinzipien kontinuierlich verbessert werden müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass insbesondere wir im Mittelstand aktuell unter einem großen Facharbeitermangel leiden. Diese Situation hat unmittelbaren Einfluss auf die Leistungsfähigkeit und ist ein Risiko für weitere Wachstumsmöglichkeiten.

 

Helmut Helisch, Leiter Logistik, RUAG Aerospace Services GmbH, Wessling:

Fachkräftemangel: Bereits seit längerem besteht ein absoluter Bewerbermarkt. Stellenangebote gibt es sehr viele und namhafte Unternehmen mit innovativen Arbeitsplätzen. Jene Firmen, die zusätzliche Anreize wie Betriebsrente, Zuschüsse zu Firmenwagen etc. bieten können, haben bessere Chancen Fachkräfte abzuwerben. Da hilft es auch nur bedingt, wenn sich KMU´s ihr Fachpersonal selbst ausbilden. Spezialwissen ist selten, insbesondere, wenn dieses nach der Ausbildung weiter teuer und aufwändig über Jahre erworben werden muss. Wenn es dennoch über Headhunter geklappt hat, geht es meist nur über den Preis, der dann selten ins bereits bestehende Gehaltsgefüge passt. Hier können die KMU´s oft nur mit einem umfassenderen Aufgabengebiet und mit mehr Verantwortung punkten. Was die üblichen Handwerksberufe wie z.B. Mechaniker, Spengler, Kunststofffachmann, Elektroniker etc. betrifft, ist ein ähnlicher Trend zu erkennen. Immer weniger Personen interessieren sich für eine Ausbildung in diesen Berufen.

Zulieferindustrie / Bürokratisierung: Seitdem das Wirtschaftswachstum in vielen Branchen europa-, sogar weltweit ansteigend ist, sind Einzel- und Kleinaufträge, die zusätzlich einen hohen rechtlichen Standard erfüllen müssen, nicht mehr so gefragt und wirken eher störend in den automatisierten Produktionsabläufen der Zulieferindustrie. Hinzu kommt der damit verbundene Prozess,- Zulassungs,- Nachweis- und Auditaufwand, dessen Kosten zwangsläufig auf die Herstellkosten umgelegt werden muss. Bei weiter steigendem Wirtschaftswachstum wird es in der Zukunft für Branchen wie unsere nicht einfacher werden, sich gegen zahlreiche Konkurrenten aus den östlichen EU-Staaten, Asien und USA zu behaupten. Hier sehe ich als Vorteil den überwiegend persönlichen Kontakt zum Kunden und einen spezifischen Service zusammen professioneller Qualität. Leider rücken diese Attribute in letzter Zeit immer mehr in den Hintergrund und nur noch der Preis ist ausschlaggebend.

Die größte Herausforderung ist die Digitalisierung: Persönlich denke ich allerdings, dass unsere größte Herausforderung in der Zukunft die Digitalisierung und Industrialisierung 4.0 und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen sein werden. Die Digitalisierung verändert bereits heute zunehmend unseren Arbeitsmarkt. Wie aber werden die Folgen für Menschen, Unternehmen und unseren Sozialstaat aussehen, wenn der digitale Strukturwandel in Deutschland erst einmal richtig Fahrt aufnimmt? Wenn betriebliche Strukturen aus dem Maschinenbau und der Automobilherstellung drastisch auf Robotertechnik und Digitalisierung umgestellt werden, was passiert dann, wenn das Prozess-Know-how nicht mehr benötigt wird? Welche Arten von Arbeit und Beschäftigung wird es in naher Zukunft noch geben? Wie wird Arbeit organisiert sein und was sollen all diejenigen tun, die bis heute mit und in dem bestehenden System ihre Aufgabe, Erfüllung, Selbstwertgefühl und ihr Auskommen für ihre Familien haben? Die Politik ist sicher gut beraten, wenn sie sich auf den technologischen Wandel in Deutschland zwischen diesen Extremen mit einer Reihe möglicher Szenarien auseinandersetzt, um richtig reagieren zu können.

 

Steffen Krippendorf, Director Manufacturing Garching, Voith Turbo GmbH & Co. KG:

Die Herausforderungen für unser Produktionswerk am Standort Garching sind einmal die kundenwunschgerechte Belieferung der immer schneller fordernden Märkte. Wenn noch vor drei Jahren unser Lieferplangeschäft für eines unserer Hauptprodukte, das DIWA Getriebe, 75% des Gesamtgeschäftes war, so sind es heute nur noch 50%. Damit bedienen wir nun mit einem klassischen Serienprodukt 50% Projektkunden. Extrem kurze Lieferzeiten von 10 Arbeitstagen, gemessen vom Bestelleingang bis zur Lieferung an das Produktionsband beim Kunden, fordern uns erheblich. Das verlangt von uns, die Plandurchlaufzeiten zu halbieren und eine flexible Mitarbeiterkapazität von bis zu 35% darzustellen. Das ist nur ein Beispiel für Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.

Eine weitere Herausforderung ist es für uns, in ausreichendem Maße Fachkräfte zu gewinnen. Somit sind wir kontinuierlich am Suchen und Entwickeln eigener Spezialisten und Potentialträger. Des Weiteren besteht die Notwendigkeit, die Werksmannschaft in Richtung Problemlösungsfähigkeit und Resilienz zu stärken. Dies stellt über den Generationenwechsel hinweg, im Bewusstsein des demografischen Wandels, ein Top Thema für uns dar. Die sinnvolle Nutzung der Digitalisierung im Bereich der Industrie 4.0 eröffnet uns vielversprechende neue Möglichkeiten. Die Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette unter Einbeziehung der Lieferanten und Kunden sowie die gewinnbringende Nutzung von Prozessdaten zur Qualitätsverbesserung ist nur der erste Schritt. Weitere Schritte sind die konsequente Automatisierung und der Einsatz von Robotern nicht nur in der Fertigung, sondern auch in der Montage. Aber auch Dinge wie papierlose Produktion und unsere gemeinsam entwickelte Smart Interface App treiben uns vorwärts.