Ergonomie hilft Berufskrankheiten vorzubeugen

IPL-Magazin 40 | Juli 2017 | Autor: Berkin Dincer

Der Wandel der Arbeit

Nichts ist so beständig wie der Wandel! Ob technischer Fortschritt, Altersverteilung im Betrieb, höhere Flexibilität oder der immer steigende Kostendruck sind nur einige Punkte, die dem ständigen Wandel unterliegen. Wie diese Punkte auf die Ergonomie Einfluss nehmen, lesen Sie im folgenden Abschnitt.

 

Berkin Dincer

DEMOGRAFISCHER WANDEL

Das durchschnittliche Alter in der deutschen Gesellschaft hat in den letzten Jahren zugenommen und Prognosen zeigen, dass diese Tendenz weiterhin bestehen bleibt. Dieser Zustand resultiert automatisch darin, dass die Menschen länger arbeiten müssen, Männer aktuell bis 67 und Frauen bis 65. Dabei tragen die Unternehmen eine große Verantwortung, da sie ihren Mitarbeitern vor allem im höheren Alter altersgerechte Arbeitsplätze anbieten müssen. Die Lösung dazu bietet die Ergonomie. Bei der ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung wird das Alter des Mitarbeiters und die sinkende Leistung berücksichtigt und mit einkalkuliert. Damit bleiben die Arbeitsaufgaben selbst im hohen Alter für alle Mitarbeiter ausführbar und erträglich. Erleichterung der körperlichen Arbeit

Der technische Fortschritt und neue Technologien haben insbesondere in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass sich die Arbeitsbedingungen vor allem bei körperlicher Arbeit zugunsten des Mitarbeiters verändert haben. Körperliche Belastungen haben abgenommen, da die Maschinen die für Mitarbeiter schwer ausführbaren und unerträglichen Aufgaben übernommen haben. Damit steht die Gesundheit des Mitarbeiters aus Sicht der Ergonomie an erster Stelle.

KOSTENDRUCK

Der unter anderem durch die Globalisierung steigende Wettbewerb und Kostendruck für die Unternehmen macht sich auch auf die Mitarbeiter bemerkbar. In vielen Branchen, wie Logistik und der Automobilindustrie, müssen die Mitarbeiter unter Zeitdruck und Erfolgsstress arbeiten, was sich zusammen mit ausufernden Arbeitszeiten negativ auf ihre Gesundheit auswirkt. Laut einer Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin empfinden im Durchschnitt ca. 36% der Befragten den steigenden Termin- und Leistungsdruck als belastend. Neben physischen Erkrankungen wie Erschöpfung sind auch psychische Erkrankungen häufig Konsequenzen des Kostendrucks.


ARBEITSBEDINGTE ERKRANKUNGEN

Folgende Krankheiten sind einige der häufig auftretenden Berufskrankheiten und verursachen zusammen über 50% aller Fehltage:


Muskel- und Skeletterkrankungen

Muskel- und Skeletterkrankungen sind die häufigsten Krankheiten und verursachen ca. jeden fünften Fehltag. Trotz der Erleichterung der körperlichen Arbeit durch technischen Fortschritt treten diese Erkrankungen vor allem bei Bürotätigkeiten sehr häufig auf. In den meisten Fällen sind sie auf abwechslungsarme Tätigkeitsprofile und die alternde Gesellschaft zurückzuführen. Neben organisatorischen Maßnahmen ist eine ergonomische Optimierung des Arbeitsplatzes zur Vorbeugung dieser Erkrankungen notwendig. Eine verbreitete Form der Skelett- und Muskelerkrankungen im Büro ist das sogenannte RSI-Syndrom. RSI steht für „Repetitive Strain Injury“, was als „Verletzung durch sich wiederholende Belastungen“ übersetzt werden kann. Diese Krankheit wird auch „Mausarm“ genannt. Die Ursachen sind die ständige Wiederholung ungünstiger Bewegungen, eine unbewegliche Körperhaltung, ungünstige Bewegungsmuster und Stress. Eine Heilung dieser Krankheit ist zwar möglich, aber sehr langwierig. Deswegen ist eine Vorbeugung dieser Krankheit von großer Bedeutung.


ATEMWEGSERKRANKUNGEN

Laut DAK-Gesundheit werden 17% der Fehltage durch Atemwegserkrankungen verursacht. Trockene Luft, starke Luftzüge (beispielsweise durch Klimaanlagen) und Staub bzw. Tonerstaub sind einige der Ursachen von Atemwegserkrankungen. Die Luftqualität und Klimabedingungen am Arbeitsplatz gehören zu den wichtigen Themen von Ergonomie. Die häufig und langfristig nicht optimale Luftqualität und Klimabedingungen ausgesetzten Menschen haben vor allem im hohen Alter ein erhöhtes Risiko für Atemwegserkrankungen. Diese Erkrankungen zählen zu den wichtigsten Ursachen von Arbeitsunfähigkeit.

 

HERZ-/KREISLAUFERKRANKUNGEN

Zwar nicht nur, aber insbesondere Büromitarbeiter haben ein erhöhtes Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen. Übermäßiges Sitzen, mangelnde Bewegung und Stress zählen zu den Ursachen von diesen Erkrankungen. Stehtische oder höhenverstellbare Tische, die auch als Stehtisch benutzt werden können, bieten eine Abwechslung zu übermäßigem Sitzen und fördern gleichzeitig das aktive und effektive Arbeiten. Die vom Arbeitgeber geförderten Pausen mit aktiver Bewegung und Sportveranstaltungen außerhalb der Arbeitszeiten helfen den Alltagsstress abzubauen und Herz- und Kreislauferkrankungen vorzubeugen.


KOSTEN DER ARBEITSBEDINGTEN ERKRANKUNGEN

Die durch arbeitsbedingte Erkrankungen verursachten Fehlzeiten der Mitarbeiter sind mit direkten Kosten für die Unternehmen verbunden. Im Fall von Krankheit hat der Mitarbeiter für bis zu sechs Wochen (42 Kalendertage) einen gesetzlichen Anspruch auf Entgeltfortzahlung. Der weiterzuzahlende Betrag entspricht hierbei dem Bruttogehalt inklusive der Sachbezüge. Indirekte Kosten werden unter anderem durch fehlende Ressourcen und Produktionsausfall verursacht. Laut einer Studie des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen aus dem Jahr 2008 werden die jährlichen Kosten der arbeitsbedingten Krankheiten auf 15,7 Mrd. Euro geschätzt. Insbesondere diese direkten und indirekten Kosten begründen für Unternehmen die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Vermeidung von arbeitsbedingten Erkrankungen systematisch zu implementieren.