Mitarbeiter 4.0

IPL-Magazin 37 | Oktober 2016 | Autor: Dr. Matthias Pfeffer

Die Ausnahme wird zum Standard

Keine Sorge, im Zeitalter der 4. Industriellen Revolution werden wir nicht nur noch IT-Freaks in den Unternehmen haben, die Schnittstellen zwischen Menschen, Produkten und Maschinen programmieren und physische Systeme konfigurieren. Die Eierlegendewollmilchsau sieht anders aus!

 

Dr. Matthias PfefferNicht desto trotz hängt das Gelingen und die Umsetzung im Betrieb der 4. Industriellen Revolution maßgeblich davon ab, ob die Mitarbeiter mitziehen können. Der Zusammenhang wird leider häufig unterschätzt. Es gibt nur wenige Personalverantwortliche, die eine Vorstellung davon haben, welche Fähigkeiten die Mitarbeiter für die neuen Herausforderungen haben müssen.

Der digitale Wandel wird in den wenigsten Betrieben innerhalb kürzester Zeit erfolgen. Es wird ein Prozess sein, der sich über Jahre, wenn nicht über Jahrzehnte hinziehen wird. Die derzeitige Vernetzung der unterschiedlichen Systeme, die Kommunikationsschnittstellen und Zusammenarbeit der Ressourcen sind nur der Anfang. Wer die Gewinner und die Verlierer sind, ist derzeit nur schwer einzuschätzen. Klar ist jedoch, dass bestimmte Berufszweige wegfallen, während andere die Ausbildungsinhalte erweitern werden. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Durch die Erfindung und Nutzung des Computers wurde der Mensch im Unternehmen nicht ersetzt. Die Aufgaben haben sich jedoch gewandelt. Mitarbeiter können heute z.B. mehr Aufträge erfassen und komplexer planen, zusätzliche Stellen wurden in der IT-Abteilung geschaffen, allerdings gibt es niemanden mehr, der täglich mehrere Lochbänder wechseln muss, um die Unternehmensdaten zu sichern.

Ähnlich wird es sich im Rahmen der 4. Industriellen Revolution verhalten. Aufgabenbereiche von qualifizierten Mitarbeitern werden wachsen. Personen, die in der Programmierung und Anpassung von Schnittstellen arbeiten sind genauso gefragt, wie qualifizierte Mitarbeiter, die ganze Lieferketten, vom Einzelarbeitsplatz bis hin zum internationalen Lieferanten, planen und steuern können. Alles auf Knopfdruck!

Wegfallen hingegen werden mehr und mehr repetitive Tätigkeiten, Sachbearbeitungen sowie einfache, standardisierte Arbeiten in Produktion und Logistik. Hier werden die Systeme so intelligent werden, dass diese alleine agieren und mit ihrer Umwelt kommunizieren können. Aber auch bei individuellen Produkten und steigender Variantenanzahl werden die Systeme immer mehr helfen und den Mitarbeitern die Arbeiten zu erleichtern. Die Vielfalt von Artikeln wird zunehmen, da die Planungsaufwendungen pro Teil sinken werden. Hier unterstützen moderne Industrie 4.0-Systeme den Mitarbeiter. Auch das ist in der Vergangenheit bereits passiert: Zum Beispiel durch die Einführung von ERP- und PPS-Systeme sind komplexe Produkte in dieser Vielfalt für die Unternehmen überhaupt erst beherrschbar geworden. Ohne solch eine Software wären die meisten Unternehmen heute hoffnungslos verloren. Industrie 4.0 wird hier weiterhin unterstützen, damit die immer komplexer werdenden Produkte besser in Planung und Steuerung ausgeführt werden können.


Der Dirigent der Wertschöpfungskette
Im Zeitalter der Industrie 4.0 erweitert sich der Zuständigkeitsbereich der Mitarbeiter. Sie werden nicht mehr nur für einen bestimmten Fertigungsabschnitt oder eine bestimmte Maschine verantwortlich sein, sondern für den gesamten Produktionsprozess bis hin zu Kunden und Zulieferern. Hierfür müssen die Beschäftigten allerdings befähigt werden. Sie benötigen mehr Wissen, vor allem aber auch mehr Kompetenzen als bisher. Dies wird nur gelingen, wenn die Unternehmen sowohl ihre Organisationsstrukturen als auch ihre hierarchischen Strukturen anpassen.

Für die Organisation der Arbeit bedeutet das, neue Chancen, zum Beispiel Flexibilisierung oder neue Arbeitszeitregelungen. Die Beschäftigten werden stärker gefragt, Abläufe zu koordinieren, die Kommunikation zu steuern und eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen.

Durch das Zusammenwachsen von Informationstechnologien, Automatisierungstechniken und Software werden die Tätigkeiten sowohl in technologischer als auch in organisatorischer Perspektive anspruchsvoller.

Bereits heute denken moderne Produktionsbetriebe nicht mehr in singulären Abläufen und einzelnen Abteilungen, sondern der Prozessgedanke im Sinne des Kundennutzen steht im Vordergrund. Die Zeit (oder Durchlaufzeit) eines Auftrages wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Mitarbeiter müssen dieses Prozessdenken verinnerlichen, in Wertschöpfungsketten denken, über die eignen Abteilungsgrenzen hinweg die Abläufe verstehen und die Beeinflussungen kennen. Die bereits installierten Produktionssysteme nach Lean Gesichtspunkten helfen hier und sind ein Grundbaustein für Industrie 4.0. Denn nur dort wo die Abläufe bereits heute verschwendungsfrei durchgeführt werden, machen unterstützende Systeme Sinn.


Die Ausnahme wird zum Standard
IT-Fachwissen ist weiterhin sehr wichtig, genügt aber nicht allein, um die geforderten Kompetenzen abzudecken. Nicht zu vernachlässigen sind Soft Skills, wie eine hohe Flexibilität und gute Teamfähigkeit. Industrie 4.0 bedeutet also für den einzelnen Mitarbeiter weniger manuelle Routineaufgaben im Produktionsprozess, dafür umso mehr die Notwendigkeit Entscheidungen zu treffen und entsprechend zu handeln. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass mehr und mehr Entscheidungen in der Basis (auf Teamleiterebene und / oder Mitarbeiterebene) getroffen werden. Durchgängige und vernetzte Systeme helfen hier bei der Analyse der Daten und Vorbereitung der Entscheidung.


Bisher war die Ausnahme im Produktionsprozess der Sonderfall, mit viel Aufwand verbunden und oftmals unplanbar. In Zukunft wird die Ausnahme zum Regelfall für die Mitarbeiter werden. Immer dann wenn die Computer und Maschinen die Aufgabe nicht selbständig lösen können, wird der Eingriff des Menschen notwendig werden.


Um dies zu realisieren wird es notwendig sein, dass die Unternehmen die Arbeitsfelder der Mitarbeiter neu gestalten. Der Arbeiter greift dann durch seine Entscheidungen in den Produktionsprozess einer langen Kette ein. Dieses Bewusstsein ist neu. So kann der Mitarbeiter in Hamburg den Produktionsprozess in China direkt beeinflussen. Daher wird es notwendig sein, die Abläufe im Produktionsprozess noch transparenter, verständlicher und einfacher zu gestalten. Dies setzt eine durchgängige Verfügbarkeit von Echtzeitdaten voraus.


Die Eierlegendewollmilchsau wollen die Unternehmen heute schon. Neben ganzheitlichen Prozessverantwortlichen und IT-Experten werden Datenverantwortliche die Manager der zukünftigen Informationen werden. Sie sorgen dafür, dass die reale Welt ausreichend versorgt wird, um im Sonderfall eingreifen zu können. Prozessverständnis, interkulturelle Zusammenarbeit, Wissen aus Technik und Wirtschaft sowie wissen rund um die Informationstechnologien, gepaart mit vielen Softskills, prägen die Mitarbeiter in der 4. Industriellen Revolution.