IPL-Magazin 36 | Juni 2016 | Autor: Yassine Sellami

Lagerbestände zu reduzieren, klingt einfacher, als es tatsächlich ist!

Es gibt doch so viele Gründe, warum Bestände überhaupt angelegt werden. 

 

 

Yassine Sellami

„Das Bestandsmanagement befasst sich mit der Reduzierung der Lagerbestände bei gleichzeitiger Erhaltung oder Erhöhung des Lieferservices und der damit einhergehenden Kundenzufriedenheit im Unternehmen.“ (Quelle: Wikipedia)

Lagerbestände zu reduzieren, klingt einfacher, als es tatsächlich ist! Es gibt doch so viele Gründe, warum Bestände überhaupt angelegt werden. Grundsätzlich gilt, dass Vorräte anzulegen ein wichtiger Teil der menschlichen Natur ist, weshalb Bestandsmanagement eine ständige Herausforderung ist. Wenn ein Blick in den eigenen Küchen- bzw. Kühlschrank geworfen wird, erkennen wir die Bedeutung und die Folgen der gerade genannten Aussage. Wer bereits umgezogen ist, insbesondere von einer kleinen Wohnung in eine größere und dann wieder in eine kleinere Wohnung, wird den Wahrheitsgehalt dieser Aussage ebenfalls bestätigen können. Nicht umsonst gibt es einen (inoffiziellen) ersten Hauptsatz der Logistik, der da lautet: Vorhandener Platz wird immer vollgestellt!“

In Unternehmen ist der vorhandene Platz, mit denen ein Lager gefüllt werden kann, um ein Vielfaches größer und die Güter um ein Vielfaches teurer, als im eigenen Küchenschrank. Millionen von Euro schlummern in den Lagern der Unternehmen, egal ob Handels- oder Produktionsbetrieb, was wiederum eine hohe Kapitalbindung und damit zum Teil enorme Betriebskosten bedeutet.  Doch was sind die Gründe, dass Lagerhaltung teilweise ausufert und gegebenenfalls finanzielle Probleme verursacht?

Grund: Menschliches Sicherheitsbedürfnis

 

Das menschliche Sicherheitsbedürfnis ist in jeder Generation unterschiedlich stark ausgeprägt und die Wirkung damit unterschiedlich zu bewerten. Die Generation der „Kriegskinder“, also jener, die den 2. Weltkrieg und die anschließenden Jahre des Wiederaufbaus miterlebt haben, sehen Vorräte als extrem wichtig an. Schließlich können „harte Zeiten“ ja jederzeit wiederkommen. Die nachfolgenden Generationen der 70er und 80er Jahre kennen noch Zeiten, in denen nicht alle Produkte ganzjährig verfügbar waren, Stichworte sind hier „Kartoffelkeller“ und „Erdbeeren“ nur im Sommer.

Die Generation der 90er Jahre und danach kennen eigentlich nur Überfluss und die jederzeitige Verfügbarkeit von Gütern dank u.a. der Globalisierung und der Supply Chains. Je nachdem, wie stark das Sicherheitsbedürfnis ausgeprägt ist, ist es durch psychologische Aspekte („Nein Oma, es gibt keinen Krieg wieder…“) sowie Methoden- und Managementkompetenz beeinflussbar.

Grund: Hoher Bestand wird gleichgesetzt mit hoher Lieferfähigkeit

 

Viele Mitarbeiter in Unternehmen sind der festen Überzeugung, dass eine hohe Lieferfähigkeit, idealerweise von 100%, angestrebt werden sollte.  Um diese zu erreichen, bedarf es ihrer Meinung nach eines gewissen Bestands, um alle eingehenden Aufträge sofort und zügig zu bedienen. Folge sind zum Teil riesige Überbestände, die Kapital binden und ggf. später entsorgt werden müssen. Dies gilt insbesondere, wenn diese mit einem Mindesthaltbarkeits- oder einem Verwendungsdatum versehen sind.

Im eigenen Leben bedarf es auch hierfür zur Bestätigung der Aussage nur eines Blicks in den eigenen Kühlschrank, lagern dort doch im Regelfall genug Produkte, mit denen die eigenen Gelüste (=Aufträge) bedient werden. Zu einem späteren Zeitpunkt werden dann einige dieser Produkte direkt entsorgt, da das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. In der heutigen Gesellschaft ist es mittlerweile ein anerkanntes Problem. Im Unternehmen kann diese Überzeugung sehr gut mit einer Verbesserung der Methoden- als auch der Managementkompetenz aufgelöst werden.

Grund: Unbekannter bzw. schwankender Auftragseingang

 

Mit dem vorgenannten Grund korreliert auch dieser Grund. Bei Massenfertigung ohne Kundenkontakt ist es sehr schwierig vorherzusehen, wie sich die Absatz- und die Auftragslage entwickeln wird. Über geeignete Mittel, wie z. B. Werbung, kann auf den Absatz im gewissen Rahmen Einfluss genommen werden, aber Erfolgsgarantien gibt es natürlich keine. Werden also viele Produkte gelagert, weil es ein Trendprodukt ist, wird dies zu einem Problem bei einem Ende des Trends bzw. einem neuen Trend.

Beispiele wie Tamagotschis oder JoJos sollen hier stellvertretend genannt werden. Bei langlaufenden Produkten, wie Papiertaschentüchern, ist das Bestandsmanagement sicherlich einfacher zu realisieren, liegen doch mehr Daten zur Analyse vor. Ein unbekannter Auftragseingang ist nur schwer zu beeinflussen, aber schwankende Auftragseingänge sind durch eine verbesserte Management- und Methodenkompetenz steuerbar.

Im Produktionsmanagement gibt es hierfür Forecasts und passende Dispositionssysteme, die vorhandene Daten kontinuierlich analysieren.

Grund: Zielvereinbarungen mit bestandverantwortlichen Mitarbeitern

 

Die im Rahmen des „Management by Objectives“  in Unternehmen oft anzutreffenden Zielvereinbarungen mit Mitarbeitern sind unternehmensweit häufig nur wenig abgestimmt. Bestandsverantwortliche Mitarbeiter, wie z. B. die Einkäufer in Unternehmen, erhalten meist eine Prämie auf die Senkung der Einkaufskosten. Dies kann zur Folge haben, dass größere Mengen beschafft werden, als derzeitig benötigt werden, da ja bei größeren Abnahmemengen auch entsprechende Preisnachlässe gewährt werden. Im täglichen Leben kommt dieses regelmäßig vor, wenn ein Produkt benötigt wird und später im Rahmen einer Aktion „3 zum Preis von 2“ tatsächlich 3 Produkte den Weg in den bereits genannten Küchenschrank finden.
Der Beschaffer freut sich, dass es ein „gutes Geschäft“ war, schließlich hat er ja Geld eingespart und bekommt seine Prämie im Rahmen seiner Zielvereinbarung. Dass er damit neben Kapitalbindung und Lagerkosten auch für eine Preissenkung verantwortlich ist, erkennt er nicht. Auch hier kann eine Verbesserung der Methodenkompetenz helfen, insbesondere wenn sie mit einer Optimierung der Managementkompetenz einhergeht, die für abgestimmte Zielvereinbarungen für Beschaffung, Logistik, Produktion und Vertrieb zuständig ist. Eine richtige Kalkulation der Bestandkosten ist ebenfalls wichtig, was durch eine Verbesserung der Methodenkompetenz erreicht wird.

Grund: Unsichere Versorgung durch den Lieferanten

 

Die bereits genannten Gründe sind schon schwerwiegend und machen das Bestandsmanagement schwierig und teilweise auch sehr komplex. Ist die Versorgung durch den Lieferanten jedoch zusätzlich unsicher, dann potenzieren sich die vorherigen Gründe noch. In der heutigen Produktions- und Handelswelt ist die Versorgung des Unternehmens mit Gütern das höchste Ziel, gilt es doch, einen Produktionsstopp bzw. im Handel die OoS-Situation (=Out of Stock bzw. leere Regale) zu vermeiden. Also werden bei unsicherer Versorgung Bestände hochgefahren und damit zusätzlich Kapital gebunden. Dieser Grund für überhöhte Bestände ist in Unternehmen sicherlich nur schwer handzuhaben. Aber auch hier kann eine Verbesserung der Methodenkompetenz helfen, gerade in Bezug auf Alternativbeschaffung und Supplier Relationship Management.

Grund: Ausmaß der Wechselwirkung aller Parameter auf die optimale Bestandhöhe

 

Es wäre natürlich sehr schön für ein Unternehmen, wenn es seine (überhöhten) Bestände auf nur einen Grund zurückführen könnte. Doch in der Realität kommen viele Gründe zusammen, weshalb das Bestandmanagement so schwierig ist. Die Wechselwirkung alleine nur der hier genannten Gründe auf die „optimale“ Bestandhöhe ist bereits schwer zu quantifizieren und zu bewerten.  Den Zusammenhang zwischen den relevanten Einflussparametern herzustellen, setzt voraus, die relevanten Einflüsse überhaupt zu erkennen und gezielt durch eine Verbesserung von Methoden- und Managementkompetenz zu bearbeiten.

 

Abb.1: Gründe für Bestände in Unternehmen
Abb.1: Gründe für Bestände in Unternehmen

 

 

Fazit
Gründe für Bestände sind in Unternehmen mannigfaltig, zahlreich und individuell wie die Unternehmen selbst. Sie alle zu erkennen und zu ändern, gleicht einer Sisyphus-Arbeit, weshalb die wichtigsten relevanten Einflussparameter auf die Bestandhöhe identifiziert und bearbeitet werden sollten.

Und hier greift dann Weiterbildung in mehreren Punkten ein: Einerseits sollen Weiterbildungsmaßnahmen die Methodenkompetenz so erweitern, dass die relevanten Gründe für überhöhte Bestände eindeutig identifiziert werden können. Andererseits bedarf es passender Angebote, die Methoden- und  die Managementkompetenz so verbessern, dass diese Gründe und Einflussparameter auch sinnvoll bearbeitet werden. Die IPL Beratung GmbH sowie die  Weiterbildungsangebote des Instituts für Produktionsmanagement und Logistik (IPL GmbH) in München berücksichtigen genau diese Aspekte, gilt es doch, Probleme rechtzeitig zu identifizieren und für diese passende Lösungen anzubieten.