IPL-Magazin 35 | April 2016 | Autor: Andy Helming 

Effizienz! Effizienz! Effizienz! Die Produktion muss effizienter arbeiten!

Nur dann gibt es eine Chance für den Vertrieb die Produkte auch im Markt anbieten zu können und konkurrenzfähige Artikel verkaufen zu können. 

Andy Helming

Was ist effizient und wie wird es gemessen? Banal ausgedrückt bedeutet effizient „Die Dinge richtig tun!“ Es stellt sich also nicht die Frage, ob wir die richtigen Produkte haben und die richtigen Technologie zu Erstellung dieser nutzen. Dass, was getan wird, gilt per se als richtig. Es stellt sich die Frage nach dem „höher, schneller, weiter“ im bestehenden System.  

Effizient ist: weniger Zeit und gleicher Output oder höherer Output bei gleicher Zeit, oder noch besser; weniger Zeit und höherer Output!

Der Maschinenpark ist vorhanden und kostet Geld. Egal, ob der Maschinenpark genutzt wird oder nicht. Die maximale Nutzungszeit beträgt 24 Stunden an 7 Tagen der Woche. Klammert man die Personalfrage aus, so bedeutet das: Längere Laufzeiten ermöglichen größere Lose, größere Lose bedeuten weniger Rüstvorgänge, weniger Rüstvorgänge bedeuten höhere Auslastung, höhere Auslastung heißt höhere Effizienz. Also: mehr Output bei gegebenem Einsatz.


Die Konsequenz ist klar. Wird die Produktionsleitung gemessen anhand der Stückzahlen, wird sie alles dafür tun, um die Auslastung an den Rand des technisch Machbaren zu manövrieren. Die Geschäftsleitung erhält den Return on Invest für den Maschinenpark.

Die Konsequenzen dieser Vorgehensweise fallen auf die anderen Bereiche im Unternehmen zurück. Denn verantwortlich für die Bestände ist nicht die Produktion. Einkauf, Vertrieb und innerbetriebliche Logistik teilen sich häufig die Verantwortung und müssen die resultierenden Kosten für die Lagerhaltung begründen. Damit sind auch sie es, die Konzepte vorzulegen haben, wie sich die hohen Bestandskosten senken lassen. Auch die verschlechterte Termintreue durch längere Durchlaufzeit sind nur mittelbar ein Problem der Produktion. Leittragende Bereiche sind in erster Linie die Fertigungssteuerung und der Vertrieb. Unter dem Postulat der Effizienz werden die (nur vermeintlich) minimalen Kosten über alle andere Ziele gestellt. Die Produktion hat ihren Job gemacht, mit höchster Effizienz!

War das Streben nach maximaler Effizienz zu Zeiten der Massenfertigung noch nachvollziehbar, so gilt es spätestens seit Globalisierung und Internet auch die anderen Kriterien zu beachten. Denn wer kann heute noch von sich behaupten, einfache Produkte für einen einfachen Massenmarkt zu fertigen?!

Der Vertrieb braucht mindestens 10 Farben (zwei weitere sind bereits in Planung), vier weitere Varianten müssen mit in den Verkaufskatalog und da sind auch noch die drei ganz neuen Produkte, die die Kunden jetzt brauchen und das Gesamtsortiment erst so richtig rund machen! Die Produktionsleitung bekommt unruhige Nächte.

Umdenken ist gefordert! Und damit auch ein Umdenken im Controlling der Produktion. Die reine Fokussierung auf den Effizienzgedanken, führt in heute häufig vorzufindenden Marktumfeld zu den suboptimalen Maßnahmen zur Steuerung der Produktion. Wer kann sich den Materialeinsatz für die Fertigwarenlager noch leisten?

Aber Lieferfähigkeit? Ja, unbedingt! Stellen Sie Produktionsplanung und -steuerung auf Variantenvielfalt und Flexibilisierung um. Eine Maßnahme ist, das Ziel der 100% Auslastung zu verlassen. Die Betriebskennlinie verrät, warum die 100% Auslastung äußerst ungesund sein kann. Stellen Sie um auf kleinere Lose, Stellen Sie sich ein auf häufigere Rüsteinsätze. Lassen Sie die Durchlaufzeit als den entscheidenden Faktor in der Leistungsmessung in der Produktion zu. Time is money! Kürzere Durchlaufzeiten verringern die Bestände, lassen das eingesetzte Kapital schneller ins Unternehmen zurückfließen und stärken somit die Optionen, weitere Maßnahmen einer tiefgreifenden Flexibilisierung voranzutreiben. Um die starren Konstrukte der manifestierten Effizienzsteigerung aufzubrechen, werden flankierende Maßnahmen benötigt: Rüstworkshops, Technologieüberprüfungen, Organisationsstrukturen.  
 

Die Zeit zur Entscheidung ist gekommen: Effizienz und Auslastung – oder Durchlaufzeit. Einen Kompromiss gibt es nicht, zwischen den Stühlen geht schief!