IPL-Magazin 34 | Januar 2016 | Autor: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier 

 
IPL-Benchmarking-Studie gibt Aufschluss
 

Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier Internet und Globalisierung tragen dazu bei. Kunden bekommen jeden Wunsch erfüllt in immer kürzerer Lieferzeit. Die Konsequenzen tragen die Unternehmen. Die Produktlebensdauer sinkt während die Variantenvielfalt kontinuierlich steigt. Logistiker beobachten u.a. deshalb einen steigenden Bestand im Unternehmen. Im Zeitraum von 2008 bis 2013 verzeichneten Unternehmen  des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus einen durchschnittlichen Anstieg von ca. 35%. Das Bestandsniveau lag Ende 2013 damit bei einer Umschlaghäufigkeit von gerade 4,6 mal pro Jahr. Dies ist umso bemerkenswerter, da mit dem Jahr 2009 eine Konjunkturkrise in dem Betrachtungszeitraum liegt, welche allgemein zu einem drastischen Bestandsabbau entlang der Supply Chain geführt hat – aber anscheinend nur für kurze Zeit. Die Positionen Forderungen und Verbindlichkeiten haben sich im gleichen Zeitraum nur marginal verändert. Die Gründe für den deutlichen Bestandsaufbau sind vielfältig.

So ist in dem Fünfjahreszeitraum auch der Umsatz gewachsen – gemäß der vorliegenden Auswertung allerdings im Schnitt nur um 17%. Dies deckt sich auch mit den Auswertungen des Statistischen Bundesamtes für das gesamte verarbeitende Gewerbe in der Bundesrepublik Deutschland. Damit kann das Umsatzwachstum längst nicht alleine als Grund für den Bestandsanstieg gewertet werden. Auch Preissteigerungen scheiden als Erklärung aus, da sich die Einkaufspreise für Unternehmen gegenüber 2008 zumeist kaum verändert haben. Zuletzt haben fallende Energiekosten sogar zu einem Rückgang der Preise geführt. Damit deutet vieles auf einen komplexitätsbedingten Anstieg der Bestände hin. Zahlreiche Interviews mit den Verantwortlichen von Unternehmen untermauern diese Annahme.

Abb. 1: Vermögensanteil im Logisitkkreislauf

Welche Bedeutung die Bestandswerte für Unternehmen haben, zeigt sich bei Betrachtung der Grafik in Abbildung 1.

Durchschnittlich 46% des Bilanzvermögens war im Jahr 2013 gebunden in Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen, unfertigen Erzeugnissen, Fertigerzeugnissen sowie noch unbezahlten Lieferungen und Leistungen. Damit wurde ein großer Anteil des Vermögens für das Umlaufvermögen aufgebracht. Dieser hohe Kapitalbedarf erweist sich als schädlich für die Rendite.

So lag die Umsatzrendite der VDMA-Unternehmen im Schnitt bei lediglich 5%.Gelingt es, die durchschnittliche Umschlaghäufigkeit von 4,6 auf 7 anzuheben, so verbessert sich die Rendite auf Werte von 6 bis 7% - bei unverändertem Umsatz und identischen Beschaffungskosten.

Eine Umschlaghäufigkeit von 7 mal pro Jahr erfüllt dabei noch längst nicht den Anspruch eines  Best-of-Class-Unternehmens, sondern entspricht dem Wert des ersten Quartils. D.h., 25% aller Unternehmen sind bereits heute schon besser aufgestellt – vgl. Abbildung 2.Sollte das nicht ausreichend Ansporn für Unternehmen sein, sich zu verbessern?

Abb. 2: Umschlaghäufigkeit der Vorräte

Der Weg zu reduzierten Beständen führt ausschließlich über eine Anpassung der Geschäftsprozesse im gesamten Unternehmen. Die zeitliche Lücke zwischen der internen Durchlaufzeit (abgedeckt durch Vorräte und Forderungen) und dem Zahlungsziel für Verbindlichkeiten ergibt die Finanzierungslücke.

Man bezeichnet dieses Zusammenspiel als Cash Conversion Cycle. Je kürzer die interne Durchlaufzeit ist, desto geringer fällt auch die Kapitalbindung aus (vgl. Abbildung 3).

Abb.3: Kurze Durchlaufzeiten schließen die Finanzierungslücke im Cash Conversion Cycle
Diese Erkenntnis ist nicht neu. Dennoch schrecken viele Verantwortliche vor der konsequenten Optimierung zurück.

Häufig werden die anfallenden Umstrukturierungskosten als Gegenargument angeführt. Die Erhöhung der Umschlaghäufigkeit von 4,6 auf 7 wird jedoch mit einer einmaligen Kapitalfreisetzung von ca. 5‘0 Mio € belohnt – berechnet für ein durchschnittliches deutsches VDMA-Unternehmen.

Ein Return on Invest (ROI) innerhalb eines Kalenderjahres sollte damit mehr als problemlos sichergestellt sein. Eine Bestandsreduzierung erweist sich also nicht nur als ein logistisches, sondern gleichermaßen auch als ein aus kaufmännischer Sicht absolut lohnendes Ziel.

Und, dies gilt auch in Zeiten niedriger Zinsen.