IPL-Magazin 32 | Juli 2015 | Autor: Carsten Hirschberg

 

Optimale Qualifikation für die Logistik im Wandel der Zeit
 

Carsten Hirschberg Die Personalentwicklung ist eine der zentralen Managementaufgaben – auch in der Logistikwirtschaft. Angesichts alternder Belegschaften, eines schrumpfenden Arbeitskräftereservoirs und einer steigende Konkurrenz um die klugen Köpfe erhält die Gewinnung, die Aus- und Fortbildung sowie das Halten des Personals hohe Bedeutung. Im Berufsfeld „Lager, Spedition und Logistik“ wird in den kommenden Jahren ein weiterer hoher Beschäftigungszuwachs erwartet. Das verschärft die Situation und es bleibt die Frage: Wie entwickelt man sein Personal am besten?

Die Anforderungen an Mitarbeiter/-innen im Lager und in der Logistik sind in den letzten Jahren zweifellos gestiegen. Der Umgang mit moderner Umschlagtechnik, das Arbeiten mit modernen Informationstechnologien und die Möglichkeit des flexiblen Einsatzes in den verschiedenen Bereichen eines Lagers sind selbstverständlicher geworden.

Und auch die Wirtschaft und die Politik tragen diesem Trend Rechnung, indem sie eine große Menge ganz unterschiedlicher Qualifikationsmöglichkeiten zugelassen haben, die entweder als Berufsausbildung oder in Form von Weiterbildungsangeboten durchgeführt werden können. So gibt es heute u. a. den Geprüften Logistikmeister/in, weiterentwickelt aus dem Meister für Lagerwirtschaft, den Geprüften Fachwirt für Güterverkehr und Logistik, die Fachkraft für Lagerlogistik und seit 2015 den Geprüften Fachwirt/-in für Einkauf sowie den Geprüften Fachkaufmann/-frau für Logistiksysteme, beide hervorgegangen aus dem Fachkaufmann/-frau Einkauf und Logistik. An diesem soll nun die Entwicklung von Qualifikationsprofilen im Zeitablauf dargestellt werden.

In den 1950er bis Ende der 1960er Jahre war der Einkäufer in Unternehmen lediglich der Erfüllungsgehilfe der Produktion und des Vertriebs. Ihre Hauptaufgabe war es, die von der Produktion benötigten Güter zu bestellen und die Preise für diese zu verhandeln. Ihre Tätigkeiten waren zumeist operativ und gingen selten über Bestellung, Bestell-, Liefer- und Rechnungsprüfung sowie der Pflege von Stamm- und Bewegungsdaten hinaus. Die Leistung des Einkaufs wurde unterschätzt und sie bekamen das Image des unbeliebten Kostenverursachers und damit nur eine geringe interne Wertschätzung.

Nur wenige Einkäufer interessierten sich für die Struktur und die Abläufe innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette. Interne Unternehmensprozesse wurde komplexer und führten zu zum Teil enormen Aufwendungen und Kosten. Moderne Technologie wurden eingesetzt, um diese komplexen Strukturen und Abläufe zu bewältigen und Unternehmen begannen, die Bedeutung des Einkaufs und der Logistik als Werttreiber zu erkennen. Mit Beginn der 1970er Jahre reagierte der Staat und schaffte als eine der ersten Weiterbildungen den Fachkaufmann für Einkauf und Materialwirtschaft. Mit dieser Weiterbildung sollte der Einkauf fortentwickelt werden.

Der Wandel vom Verkäufer- zum Käufermarkt bedeutete für Unternehmen und deren betriebliche Funktionen neue Herausforderungen und Probleme, die es zu lösen galt. Das neue Berufsbild der Fachkaufleute für Einkauf und Materialwirtschaft war vielfältig und sehr verantwortungsvoll, da diese in Unternehmen aller Branchen arbeiteten. Sie sorgten für eine reibungslose Materialbeschaffung und für die Weiterleitung der Erzeugnisse bzw. Waren an die einzelnen Stationen innerhalb des Produktionsprozesses oder an den Vertrieb für den Weiterverkauf. Sie trugen Verantwortung für Planung, Disposition, Durchführung, Steuerung und Kontrolle des Einkaufs. Ihr Zuständigkeitsbereich umfasste das Ermitteln von potentiellen Geschäftspartnern und natürlich die Kommunikation und Verhandlung mit Zulieferfirmen und Lieferanten über Preise und Lieferbedingungen.

Das Führen von Vertragsverhandlungen, die Organisation des Beschaffungs-und Bestellwesens, das Auswerten betriebswirtschaftlicher Unterlagen und die Mitarbeiterführung gehörten ebenfalls zu ihren Aufgaben. Auch oblag ihnen die Kontrolle der georderten Waren nach Transportschäden und Qualität, damit das Material dann für die sachgerechte Einlagerung oder Weitergabe an die Produktion freigegeben werden konnte. Fachkaufleute für Einkauf und Materialwirtschaft betrieben Marktforschung und bezogen dabei auch konjunkturelle Entwicklungen und deren Auswirkungen auf den Einkaufsbereich in ihre strategischen Überlegungen ein und stimmten die notwendigen Aktivitäten mit der Geschäftsleitung ab. Sie kontrollierten die Wirtschaftlichkeit der Lagerprozesse anhand von Lagerkennzahlen und gewährleisteten den reibungslosen Warenfluss vom Lager zu unterschiedlichen Unternehmensbereichen wie Produktion, Vertrieb und Service.

Zu den Aufgaben gehörten zusammengefasst die Beschaffung und Verwaltung von benötigten Materialien, aber auch die Ermittlung des Bedarfes und die Sorge, dass das notwendige Material zum erforderlichen Zeitpunkt am richtigen Ort zur Verfügung stand.

Nach rund 30 Jahren wurde dieses Berufsbild aktualisiert und seit 2001 gibt es den Fachkaufmann/-frau für Einkauf und Logistik. Die bisherige Weiterbildungsmaßnahme „Fachkaufmann/-frau Einkauf/Materialwirtschaft“ zielte

auf die unternehmerische Strategie der Integrierten Materialwirtschaft, also die Zusammenführung von Einkauf und Logistik in einem ganzheitlichen Versorgungssystem der Unternehmenshierarchie. Die Einkäufer oder Logistiker sollten auf ihre Tätigkeit als operative Funktionsspezialisten vorbereitet werden. Die Tätigkeitsfelder hatten sich jedoch in den folgenden Jahren gewandelt. DV-Systeme führten im Laufe der Jahre bei vielen Unternehmen zu abgeflachten Unternehmenshierarchien (Lean Management), zur Veränderung der Führung (z.B. Change Management), zur Verlängerung oder Verlagerung unternehmerischer Prozesse im überbetrieblichen Bereich bis hin zur Virtualisierung von Unternehmen und zur Forderung nach einer ständigen Verbesserung der Wertschöpfungskette (Performance Improvement bezüglich der Aufgaben, Prozesse und der Organisation). Als Konsequenz verringerten sich für viele Einkäufer und Logistiker die operativen Routinetätigkeiten. Gleichzeitig stieg die Verantwortung im Rahmen der Anbahnung, Betreuung und Kontrolle der Wertschöpfungspartner (einschließlich besonderer Vertragsgestaltung).

Diese Aufgabenstellungen erforderten zunehmend eigenverantwortlich handelnde Fachkaufleute, die entsprechende Kenntnisse, Team- und Projektfähigkeiten sowie ausgeprägte soziale und verantwortungsbewusste Kompetenzen mitbringen. Mit dem Fachkaufmann/-frau Einkauf und Logistik sollte dieser neuen Aufgabenstellung Rechnung getragen werden. Fachkaufleute für Einkauf und Logistik übernehmen qualifizierte und verantwortungsvolle Aufgaben bei der Bedarfsermittlung des jeweiligen Betriebes.

Sie sorgen für die Beschaffung der benötigten Materialien, verwalten sie und stellen sie rechtzeitig der jeweiligen Abteilung bereit. Sie gewährleisten den reibungslosen Warenfluss innerhalb des Betriebes vom Lager zu den unterschiedlichen Unternehmensbereichen für die weitere Verarbeitung oder den Vertrieb. Sie ermitteln z.B. den Bedarf für die jeweilige Produktion, beschaffen das benötigte Material und sorgen dafür, dass es rechtzeitig zur Verfügung steht. Dazu gehört es auch, Material und Lager effizient zu verwalten. Sie planen, steuern und kontrollieren Einkauf, Liefertermine und Wirtschaftlichkeit der Lagerprozesse. Im Bereich Einkaufscontrolling ermitteln und analysieren sie zudem Einkaufskennzahlen, erkennen Einsparpotenziale und optimieren Abläufe im Einkauf.

Sie pflegen Kontakte zu Lieferanten und Zulieferfirmen bzw. bauen sie auf, führen Verhandlungen mit Geschäftspartnern über Preise und Lieferbedingungen und schließen Verträge ab. Daneben kontrollieren sie die Qualität der Waren und die Termintreue der Lieferanten.

Das Rollenverständnis des Einkaufs hat sich bereits weiter entwickelt, weg vom „Erfüllungsgehilfen für die Produktion“ hin zu einer zentralen Koordinationsfunktion zwischen Produktentwicklung, Produktion und Lieferanten. Die folgende Grafik verdeutlicht dieses:

Abbildung 1: Traditionelle Beschaffung - Zukunftsfähige Beschaffung

Ende 2014 wurde der Fachkaufmann/-frau Einkauf und Logistik erneut überarbeitet und in zwei separate Fortbildungen geteilt: dem Geprüften Fachwirt/-in für Einkauf und dem Geprüften Fachkaufmann/-frau für Logistiksysteme. Der Fachkaufmann/-frau Einkauf und Logistik läuft damit Ende 2018 aus. Wie exemplarisch am Beispiel des Fachkaufmann/-frau für Einkauf und Logistik dargestellt, unterliegt praktisch jedes Qualifikationsprofil Änderungen und Anpassungen im Laufe der Zeit, da sich Berufsbilder stetig weiterentwickeln und verändern. Ob der Gesetzgeber jeweils mit dieser Veränderungen Schritt halten kann und ob die Anpassungen sinnvoll sind, muss für jeden Einzelfall kritisch und differenziert hinterfragt werden.

In Zeiten der zunehmenden Studiengänge im Bereich Einkauf und der vielen bereits vorhandenen und sehr differenzierten Studiengänge im Bereich Logistik erscheint die Trennung des bisherigen Fachkaufmann/-frau nur wenig sinnvoll.

Nachdem nun der Wandel in der Wahrnehmung des Einkäufer als Supply-Manager für systematische Materialkostenoptimierung, der somit Kenntnisse der beiden Bereiche Einkauf und Logistik benötigt, geschafft wurde, ist dies ein Schritt, der nur schwer nachvollziehbar ist. Anstatt beide zu trennen, erscheint es sinnvoller, beides unter einem neuen Überbau namens „Wertschöpfungsmanager“ zu belassen mit der Möglichkeit, sich im Rahmen der Fortbildung weiter zu spezialisieren.

Die folgende Abbildung verdeutlicht diese Sichtweise auf das zukünftige Berufsbild des Einkäufers sehr anschaulich:


Abbildung 2: Sichtweise auf das zukünftige Berufsbild des Einkäufers