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IPL-Magazin 29 | Oktober 2014 | Autor: Carsten Hirschberg

 

Der Stein der Weisen für die globale SC?
 

Carsten Hirschberg Große Unternehmen stellen ihre Produkte nicht nur in Deutschland oder Europa her, sondern in der ganzen Welt. Seit der deutschstämmige Professor Theodore Levitt 1983 den Begriff "Globalisierung" mit einem aufsehener-regenden Aufsatz in der "Harvard Business Review" in die Umgangssprache einführte, wollen viele Unternehmen weltweit produzieren.

Vor allem in den sogenannten BRIC-Staaten, also in Brasilien, Russland, Indien und China, produzieren sie vermehrt Waren. Viele, auch deutsche Unternehmen haben dort neue Werke gegründet und oftmals neue Märkte erschlossen.

Die Abkürzung "BRIC" hat Jim O'Neill, Vorsitzender von Goldman Sachs Asset Management, 2001 im Aufsatz "Building Better Economic BRICs" geprägt. Dieser beschreibt wachsende Märkte (in Brasilien, Russland, Indien und China) an der Schwelle zu globaler Bedeutung. Mitunter wird auch Südafrika dazu gezählt und man spricht zunehmend von den "BRICS-Staaten".

In den vier BRIC-Staaten leben etwa 40% der Weltbevölkerung, während ihr Anteil am globalen BIP etwa 15% beträgt. Diese fünf Staaten, öfter auch als Schwellenländer oder "emerging economies" bezeichnet, befinden sich alle im Spannungsfeld zwischen rasantem wirtschaftlichen Wachstum und steigenden sozialen Spannungen.
Die BRICS-Staaten zählen zu den aktuell dynamischsten Wirtschaftsregionen, da sie aufgrund ihrer jeweiligen Industriestruktur als Produktionsstandort und Investitionsziel für Unternehmen besonders interessant sind.

Die im Jahr 2013 erhobene Studie der Bundesvereinigung Logistik (BVL) zu den Trends und Strategien in Logistik und Supply Chain Management nennt im Wesentlichen drei Herausforderungen, die sich insbesondere im interna-tionalen und damit BRICS-Kontext stellen und beim Aufbau von Lieferketten generell zu beachten sind:
 


Jedes der BRICS-Länder zeigt darüber hinaus spezifische Herausforderungen auf, die in fünf kurzen Länderprofilen kurz vorgestellt werden sollen:

BRASILIEN ist mit 200 Millionen Einwohnern das fünftbevölkerungsreichste Land der Erde. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von fast zwei Billionen US$ übertrumpft es alle anderen Länder Südamerikas und gehört weltweit zu den zehn Ländern mit der höchsten Wirtschaftskraft. Während die Agrarwirtschaft durch eine fortgeschrittene Industrialisierung relativ an Bedeutung verloren hat, liegt der wirtschaftliche Schwerpunkt mittlerweile bei Bergbau und Metallurgie, Kraftfahrzeug- und Maschinenbau sowie Chemie-, Textil-und Holzindustrie. Trotz der daraus resultierenden starken Wirtschaftskraft leben fast ein Drittel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze und der Wohlstand ist in keinem anderen Land so ungleich verteilt wie in Brasilien.
Brasilien ist darüber hinaus Heimat von schätzungsweise 10 - 20% aller Tierarten der Welt, die zum großen Teil in den tropischen Wäldern leben. Das Land beherbergt ein Drittel der weltweit noch existierenden tropischen Regenwälder, daher haben Umweltschutz, nachhaltige Forstwirtschaft und die Erhaltung der Biodiversität eine herausragende Bedeutung für Lieferkettenmanagement in Brasilien. Eine weitere große Herausforderung ist die Vermeidung von Kinder- und Zwangsarbeit.

RUSSLAND ist einer der bedeutendsten Rohstoffexporteure der Welt und wirtschaftlich vor allem aufgrund seiner geografischen Nähe und der großen Vorräte an Öl und Erdgas für die europäische Wirtschaft interessant. Die russische Wirtschaft ist in den letzten zehn Jahren jährlich mit bis zu sieben Prozent gewachsen. Da dieses Wachstum in erster Linie einer kleinen ökonomischen Elite zu Gute kam, ist das Land weiterhin von großen sozialen Unterschieden geprägt, die sich vor allem im Verhältnis zwischen urbanen und ländlichen Gebieten widerspiegeln. Die russische Regierung hat sich seit längerem zum Ziel gesetzt, die Abhängigkeit der russischen Wirtschaft von Rohstoffexporten zu verringern und für mehr Rechtssicherheit und Transparenz für ausländische Investoren zu sorgen.
Offizieller Schwerpunkt der russischen Regierungspolitik soll dabei vor allem der Kampf gegen die weit verbreitete Korruption sein, insbesondere in den quasi-staatlichen Großkonzernen.
Die Bekämpfung von Korruption in der Zulieferkette ist daher neben Umweltfragen eines der Schwerpunkthemen, mit denen sich Unternehmen, die in Russland produzieren oder Produkte importieren, auseinandersetzen müssen. Da die rechtsstaatlichen Strukturen mitunter nicht in der Lage sind, Korruption in einem ausreichenden Maße zu bekämpfen, ist die Eigeninitiative der Unternehmen notwendig, um transparente und nachhaltige Strukturen in der Lieferkette zu etablieren.

INDIEN ist zum einen als riesiger Absatzmarkt zum anderen als Produktionsmarkt mit vergleichsweise günstigen, gut ausgebildeten Arbeitskräften interessant. Das Land ist Vorreiter im Bereich Softwareproduktion und der größte Generika-Hersteller der Welt. Weitere wichtige Industriesektoren sind Nahrungsmittel- und Textilherstellung sowie Maschinenbau. Gleichzeitig ist Indien von großen regionalen Unterschieden gekennzeichnet und sozialen Spannungen zwischen einer sich herausbildenden Mittelschicht und tendenziell armen Landbevölkerung ausgesetzt. Zwar sind Gesetze im Bereich Arbeitsrecht und Umwelt vorhanden, diese sind jedoch teilweise stark veraltet oder werden aufgrund von Korruption und mangelnder Überwachung nur unzureichend umgesetzt. Kinderarbeit, mangelnde Versammlungs- und Gewerkschaftsfreiheit und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und sozialer Zugehörigkeit gehören zu den größten Herausforderungen im Bereich Arbeitsnormen.
Um die strikten Gesetze im International Labour Act zu umgehen, die es indischen Unternehmen schwer machen, in Zeiten wirtschaftlichen Abschwungs Leute zu entlassen, greifen viele Unternehmen auf Leiharbeitskräfte zurück. Gleichzeitig nutzen indische Unternehmen Heimarbeiter, um Schwankungen in den Bestellvolumina auszugleichen. Diese sind meist nicht von den Vorzügen des Arbeitsrechts, gewerkschaftlicher Vereinbarungen und freiwilliger Selbstverpflichtungen von Unternehmen abgedeckt.

In diesem Schlupfloch sind Verletzungen von Menschenrechten und Umweltstandards besonders häufig. Zu den schwerwiegendsten Umweltproblemen in Indien gehören Wasserknappheit, Luftverschmutzung und die Abnahme von Biodiversität.
Das indische CSR-Verständnis ist stark von Philanthropie geprägt, die Verbreitung von CSR-Prinzipien und effektivem Monitoring in indischen Zulieferbetrieben noch nicht weit entwickelt.

Die Komplexität und Verteilung der Marktmacht in der Lieferkette, die Kurzfristigkeit der Handelsbeziehungen sowie Unsicherheit über finanzielle Vorteile einer verbesserten CSR-Politik vor allem bei KMU verhindern hier wei-tere Fortschritte. Die Verantwortung für die Lieferkette wird überwiegend mit Bezug zu grundlegenden Arbeitsnormen, wie der Verhinderung von Kinderarbeit, verstanden.

CHINAs Wirtschaft ist in den letzten 30 Jahren stetig gewachsen und das Land gilt mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von acht Prozent als eine der weltweit vielversprechendsten Wirtschaftsregionen. Die Größe des Landes, der Reichtum an Ressourcen und Arbeitskraft wird China in wenigen Jahren an die Spitze der Weltwirtschaft bringen. China ist vor allem für die Konsumgüterindustrie, wie die Teilproduktion von Automobilen, für die Elektronik- und Textilindustrie von großer Bedeutung - Bereiche, die besonders von Supply Chain Risiken betroffen sind. Das Land ist gleichzeitig geprägt von einer Spaltung zwischen boomenden urbanen Regionen im Osten und ländlichen, verarmten Regionen im Westen.
Neben Umweltfragen und Korruption ergeben sich besondere Probleme für Unternehmen mit chinesischen Zulieferfirmen im Bereich Arbeits- und Sozialstandards. Verstöße gegen Kernarbeitsrechte, prekäre Arbeitsbedin-gungen für Wanderarbeiter, niedrige Löhne, Kinderarbeit, der oftmals fehlende Arbeitsschutz, Diskriminierung und Ausgrenzung sowie Verbote, sich gewerkschaftlich zu organisieren, stellen Unternehmen, deren Zulieferer in China ansässig sind, vor große Herausforderungen.
In chinesischen Unternehmen sind jedoch freiwillige Zertifizierungen wie die ISO-Standards weit verbreitet. So ist China mit mehr als 200.000 Zertifizierungen für ISO 9001 und 30.000 für ISO 14000 weltweit die Wirtschaftsregion mit den absolut betrachtet meisten Zertifikaten. Allerdings bedeutet die Zertifizierung noch nicht die Einhaltung von Kernarbeits- und Umweltstandards, sondern bildet nur eine Momentaufnahme des jeweiligen Betriebes ab.

SÜDAFRIKA
erlebte 2009 durch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise die erste Rezession seit 17 Jahren, nachdem das Land ein stetiges Wachstum mit bis zu fünf Prozent des BIP verzeichnen konnte, von der sich das Land nur langsam erholt hat.
Wichtige Wirtschaftssektoren sind neben dem Bergbau (vor allem Gold, Platin und Chrom), die Automobilindustrie, die Metallverarbeitung, der Maschinenbau sowie der Textilsektor.

Neben den spezifischen Risiken in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Umweltverschmutzung, die mit diesen Sektoren verbunden sind, müssen Unternehmen, die Teile ihrer Zulieferkette in Südafrika haben, vor allem mit zwei generellen Herausforderungen umgehen: der Rassendiskriminierung und der damit verbundenen Regulierung des Staates sowie der HIV/AIDS-Problematik.
Neben der Rassendiskriminierung spielt auch die Diskriminierung von HIV-Infizierten und AIDS-Erkrankten eine große Rolle. In Südafrika ist jeder Fünfte HIV-infiziert, die meisten davon sind im für die Wirtschaft wichtigen Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Der Verlust an Wirtschaftskraft durch die direkten Folgen der Krankheit und der gesellschaftlichen Stigmatisierung ist gigantisch. Unternehmen mit Zulieferern in Südafrika müssen sich diesen Herausforderungen stellen.
Insbesondere größere Unternehmen engagieren sich hier oft frühzeitig, während viele KMU in der Zulieferkette das Thema aus Ressourcenmangel oder Unkenntnis oft solange vernachlässigen, bis es sich bereits deutlich auf die operative Leistung des Unternehmens auswirkt.

FAZIT ist, dass die BRICS-Staaten sicherlich nicht der Stein der Weisen für eine globale Supply Chain sind, da diese jeweils genug Probleme zu lösen haben. Allerdings empfiehlt es sich, diese Staaten im Auge zu behalten und zu prüfen, wie die Probleme zukünftig gelöst werden.

Darüber hinaus gilt es, die Anforderungen an die eigene Supply Chain genau zu definieren und eigene Hilfen zur Lösung der dargestellten Probleme und Risiken vor Ort anzubieten. In jedem der BRICS-Länder gibt eigene Initiati-ven, die es lohnt zu unterstützen, um ein nachhaltiges Lieferkettenmanagement für die Zukunft zu etablieren, das Ungerechtigkeit und Benachteiligung verhindert bzw. beseitigt.

 



Quellenangaben:
(basierend auf: Deutsches Global Compact Netzwerk, Sustainability in the Supply Chain, 2010)