IPL-Magazin 28 | Juli 2014 | Autoren: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier und Dr. Roland Scherb

 

Ein Trend sucht seinen Weg
 

Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier Mega Cities – ein Trend, der sich zur Mega-Herausforderung für die Logistik entwickelt.

Auch wenn die Bevölkerungszahl in Deutschland insgesamt voraussichtlich sinkt, so werden für einzelne deutsche Städte immer noch Wachstumsprognosen vorgelegt. Und, was hierzulande gilt, gilt im internationalen Umfang in jedem Fall. Das globale Bevölkerungswachstum wird sich insbesondere in Städten abspielen. Es entstehen immer mehr sogenannte Mega Cities mit Einwohnerzahlen von weit über zehn Millionen.

Doch selbst wenn es nur in deutschen Maßstäben abläuft, zeichnen sich die zu erwartenden Probleme schon heute insbesondere in den Sommermonaten ab. Belastungen durch Feinstaub- und NOx-Konzentrationen überschreiten sogar deutlich die gesetzlichen Grenzwerte und fordern ein Eingreifen der Behörden. Angesichts der Notwendigkeit zur Versorgung der Stadtbevölkerung, der Infrastruktur sowie der Betriebe mit Gütern aller Art und auch der Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung der Personenmobilität lässt sich das Problem nicht einfach abschalten. 80% der weltweiten Wirtschaftsleistung wird derzeit in Großstädten erbracht – mit steigender Tendenz.(1) Ein Ausfall – wenn auch nur für einen Tag - hätte also katastrophale Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Dabei produzieren Menschen in Städten pro Kopf sogar weniger Treibhausgase als die Landbevölkerung. Doch die Konzentration auf engstem Raum verschärft die Problemstellung gewaltig. Megastaus verursachen jeden Tag einen volkswirtschaftlichen Schaden, der in die Milliarden gehen dürfte.

Es wundert also nicht, wenn Verkehr und Logistik in vielen Fällen ca. 50% des Energieverbrauchs in Städten ausmachen. (1) Der industrielle Energieverbrauch folgt mit ca. 30% erst an zweiter Stelle. Selbst ein privater bundesdeutscher Haushalt setzt ca. 25% der von ihm produzierten Treibhausgase durch den Verkehr frei. (2) Die genannten Beispiele zeigen, welche Bedeutung Verkehr und Logistik in Zukunft insbesondere in Mega Cities einnehmen werden.

Welche Lösungen sind prinzipiell denkbar?

• Die Globalisierung der Wertschöpfung hat die Transportwege extrem verlängert. Die triviale Lösung zur Vermeidung von Verkehr und Logistik wäre jedoch, alles am Ort des Verbrauchs zu produzieren. Dies klingt utopisch und doch sind punktuelle Konzepte durchaus realistisch. So kann beispielsweise durch verstärkte Nutzung des Homeoffice die Verkehrsbelastung deutlich verringert werden. Steigen die Kosten für Transporte an, so mag es vergleichsweise auch günstiger werden, in Innenstädten zu produzieren.

• Breitere Straßen, mehr Innenstadttunnels und weniger Ampeln sowie verbesserte öffentliche Transportmedien sind in der Lage, den Verkehrsfluss zu beschleunigen. Ohne eine strukturelle Anpassung der Verkehrsmedien kann das zu erwartende Verkehrswachstum jedoch kaum realisiert werden. Die historisch gewachsenen, baulichen Gegebenheiten lassen einen Ausbau zumeist nur mit hohen Investitionen zu.

• Insbesondere in Nachtzeiten sind Straßen, aber auch die öffentlichen Transportmedien, nur gering ausgelastet. Es bietet sich damit das Potenzial, zur teilweisen Glättung von Belastungsspitzen während der Stoßzeiten, einen Teil der Transporte auf diese Tageszeiten zu verlagern. Insbesondere im Bereich des B2B-Geschäfts sollten sich derartige Konzepte leicht umsetzen lassen.

• Die klassische Bündelung von Transporten stellt das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs dar. Durch ein verbessertes Angebot lassen sich mehr Pendler von der Nutzung der Busse und Bahnen überzeugen. Die Nutzung von Autos durch Alleinfahrer verstärkt hingegen die Verkehrsbelastung. Aber private Wagen könnten auf ihrer Strecke nicht nur weitere Insassen transportieren, sondern auch Güter. Letzteres gilt im Umkehrschluss nicht nur für Privatfahrzeuge, sondern auch für die öffentlichen Transportmedien. Die Überbrückung längerer städtischer Wegstrecken im Sammeltransport bis zu einem Innenstadthub bietet weitere Ansätze. Erste erfolgreiche Realisierungen dieses Konzeptes gibt es bereits.

• Neben den klassischen Transportmedien tauchen in der öffentlichen Diskussion immer öfter Vorschläge zu alternativen Transportmedien mit alternativen Antriebskonzepten auf. Diese reichen von Drohnen bis hin zum Einsatz von Lastenfahrrädern. Bis zur flächendeckenden Einführung derartiger Konzepte sind noch Vorarbeiten zu leisten. Doch könnten diese in Zukunft ernsthafte Alternativen bieten und das Bild in Städten entscheidend verändern.

Keiner der skizzierten Lösungsansätze wird die steigende Belastung durch Verkehr und Logistik in Städten alleine und kurzfristig bewältigen. Nur durch einen Mix aller Maßnahmen wird es wahrscheinlich gelingen, den Herausforderungen zu begegnen. Dabei ist es jedoch falsch, nur auf die Weichenstellungen der öffentlichen Verwaltung und der Politik zu warten. Es sollte auch im Interesse von den Unternehmen liegen, den Aufwand für die Beschaffungs- und Distributionslogistik deutlich zu verringern. Große Potenziale könnten heute bereits gehoben werden. Auch entstehen mit der zunehmen den Bedeutung der Innenstadtlogistik Ansätze für völlig neue Geschäftsideen, welche zum Wohle unserer Umwelt nur darauf warten, realisiert zu werden.



Dr. Roland Scherb, MBAMega Cities – Heute die Weichen für Morgen stellen, oder kennen Sie Växjö? (3)

Am 25. Mai war Europawahl. Bo Frank ist Bürgermeister der Stadt Växjö. Växjö liegt 220 km nordöstlich von Malmö, im Herzen von Småland, und hat in etwa 80 000 Einwohner. Seit über 23 Jahren ist Bo Frank Bürgermeister und entscheidender Treiber der zukunftsfähigen Strategie dieser Stadt.

Växjö wurde zur „grünsten Stadt Europas“ entwickelt und ist inzwischen ein Modell für die Stadtentwicklung der Welt. Ein Ziel ist, bis 2030 komplett ohne fossile Brennstoffe auszukommen. Dieser Ansatz klingt für viele andere Stadtplaner sehr ambitioniert. Die gesamte, benötigte Energie soll aus erneuerbaren Quellen gewonnen werden. Weiterhin will die Kommune bis 2020 den CO2-Emissions-Austoß von Unternehmen und Haushalten um ca. 70 Prozent reduzieren. Fakt ist derzeit, dass der Kohlendioxidausstoß seit 1993 um 50 Prozent gesenkt werden konnte.

Wie kam es soweit? In den späten 80er Jahren waren die Umweltverschmutzungen in Schweden enorm und es wurde angenommen, dass in naher Zukunft den Einwohnern nur noch verschmutztes Wasser und verpestete Luft zur Verfügung stehen würde, sowie bei steigendem Meeresspiegel im Brackwasser der Ostsee die Landschaft verschwindet.

Hierdurch hat sich in der gesamten Bevölkerung ein nachhaltiges Umweltmanagement bzw. der Gedanke darin, etabliert. Weiterhin hat Schweden eine dezentrale Kommunalverwaltung und kann somit frei und zielgebunden mit den zur Verfügung stehenden Mitteln umgehen, welches am Beispiel von Växjo sinnvoll gelungen ist.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurden alle Haushalte an Biomassekraftwerke angeschlossen, die mit Holzhackschnitzel befeuert werden. Der Baumbestand ist dort in mehr als ausreichendem Maße vorhanden und inzwischen wird weniger Holz geerntet, als nachwächst. Heute hat Schweden mehr Holz als noch vor 100 Jahren!

So können die Bewohner im kalten Winter umweltfreundlich Wärme und Heißwasser beziehen. Wasser, Windkraft und Solarzellen sorgen zusätzlich für Strom. Außerdem fördert die Stadt mit neuen Passivhauswohnungen die Grundlage, dass der Bedarf an viel Strom erst gar nicht entsteht. Ein weiterer Meilenstein ist die Biogasanlage der Stadt. In dieser Anlage wird all der Hausmüll gesammelt, der übrig bleibt, da er nicht recycelt werden kann - vor allem Essensreste. Das Biogas treibt fast die gesamte Busflotte der Stadt an und es verbrennt klimaneutral zu Wasser. Die Schlacke ist so sauber und rein, dass diese als Dünger für die Felder verwendet werden kann. 3000 Tonnen Essensreste wurden im letzten Jahr gesammelt und daraus 1,3 Millionen Kubikmeter Gas produziert. Dieser Wert soll noch verdoppelt werden, denn es sind noch nicht alle Haushalte angeschlossen.

Der Nahverkehr soll ebenso ausgebaut werden, da dieser das größte Problem darstellt. Jeder zweite Einwohner hat ein Benzinauto, die Vertreter der Stadt benützen inzwischen Elektroautos. Um die Erfahrungen aus dieser Kleinstadt zu nutzen, sollen die gewonnen Erkenntnisse auch auf Großstädte übertragen werden. Stockholm hat sich analoge Ziele gesetzt. Wenn dieses Experiment funktioniert, kann ein solches Konzept ebenso von einer Großstadt auf eine Mega City Stadt übertragen werden.

Stockholm will bis 2050 komplett auf fossile Brennstoffe verzichten. Die Vorteile für Mensch, Natur und Umwelt lägen auf der Hand. Einen Schritt zur Lösung dieser Problematik liefert das IPL durch seine derzeitige Studie zur Vermeidung der logistischen Auswirkungen der Klimaveränderung.

 



Quellenangaben:
(1) N.N. (2012), in: LUX 01/2012, hrsg. v. Süddeutscher Verlag onpact GmbH, S. 10ff und 18ff
(2) Umweltbundesamt, Die CO2-Bilanz des Bürgers, 2007
(3) Städte von morgen, Herausforderungen, Visionen, Wege nach vorn – Oktober 2011 Europäische Kommission.