IPL-Magazin 27 | April 2014 | Autor: Dr. Roland Scherb

 

Das Lernen beginnt vor der Geburt: Stimmen und Melodien hören können Ruhe und Aktivitäten auslösen, sowie Stress.
 

Dr. Roland Scherb, MBA Mediziner nennen in diesem Zusammenhang die Begriffe: limbisches System, Hippocampus und Cortex (ab der 14. Woche) etc.. Interessant ist, dass die Zahl der Nervenkontakte bis zum 6. Lebensjahr größer sind als je wieder im Leben. Weiterhin bleiben Verbindungen, die durch individuelle Erfahrungen genutzt werden, erhalten.

„Lernen ist also –anders als ‚Erziehung’ – ein wertneutraler Begriff. Es geht um die Kennzeichnung von Änderungen (nicht wie beim Erziehungsbegriff um Verbesserungen) menschlicher Verhaltensdispositionen, die durch Verarbeitung von Erfahrungen erklärt werden können“ (Gudjons2006, S. 210). Kinder lernen durch Spielen: Spielen hat für Babys und Kinder eine ganz andere Bedeutung als für Erwachsene. Spielen ist für die Kleinen keine Entspannung, sondern Weltentdeckung, Training für alle Sinne und optimale Entwicklungsförderung.

Begeisterung ist ein wichtiger Faktor beim Lernen. Ein großes Interesse am Lerninhalt führt zur Festigung und Stabilisierung von neuronalen Verknüpfungen. Lernen und Gefühle sind miteinander verbunden. Kinder lernen vieles dadurch, dass sie imitieren und nachahmen. Eine weitere vielgenutzte Art des Lernens ist das explorative Lernen. Hier ist das Kind der Experimentator, der getrieben durch Neugier ohne irgendeinen Lehrplan die Welt erkundet und dabei viel lernt. Gerade bei dieser Form des Lernens kommt den Eltern eine Aufgabe als Motivator zu! Besonders in diesem Fall muss neues Wissen auf bereits vorhandenem Wissen aufbauen.
Zu Zeiten der noch herkömmlichen Glühbirnen leuchteten diese mit ca. 20W. 20W sind jedoch auch der durchschnittliche Energieverbrauch eines normalen Gehirns. Mit dieser geringen Leistung ist unser Gehirn in der Lage, komplexe Aufgaben parallel zu bearbeiten.

Kann ein Gehirn noch mehr leisten?
Nach Aristoteles verwenden wir unser Gehirn überhaupt nicht. Aristoteles war der Ansicht, dass unser Gehirn eine Art Kühlung darstellt, um überschüssige Wärme abzuleiten. Die heutige Wissenschaft hat die Erkenntnis gewonnen, dass wir in jedem Augenblick unser gesamtes Gehirn verwenden. Beachtlich ist, dass das Gehirn im Verhältnis zum Gesamtgewicht des Menschen ca. 2% ausmacht bzw. wiegt, jedoch fast ¼ der zur Verfügung stehenden Energie verbraucht. In jedem Moment feuern in unserem Gehirn 100 Milliarden Nervenzellen. Die Signale laufen über 180.000 km elektrischer Verbindungen. Insgesamt sind die Länge der Nervenverbindungen in einem Gehirn ausreichend, vier mal um die Erde gewickelt zu werden.

Abbildung 1: In Mikrofluidik- Kammern können Neuronen kultiviert und molekulare Vorgänge in ihrem Innern mit Fluoreszenz sichtbar gemacht werden (Foto: Max-Planck- Institut für Kognitionsund Neurowissenschaften, Leipzig / Alfred Anwander).

Selbst bei einer so einfachen Aufgabe wie Kaffee trinken und einschenken entwickelt sich ein Gewitter an Nervenentladungen in unserem Gehirn. Die erste Aufgabe ist die Fragestellung: Ist das überhaupt Kaffee? Der Hippocampus gräbt dafür in alten Erinnerungen vom Kaffee trinken. Dann wird durch den visuellen Kortex die Erkennung und das Aussehen der Tasse gestartet, bevor der motorische Kortex die Tasse an den Mund führt. Dann wird getrunken.

Während nun der eine Teil der Nervenzellen die Pause genießt, arbeiten andere Zellen im Gehirn weiter. Insgesamt sind dies über 1.000 Milliarden Zellen, deutlich mehr als unsere Galaxis Sterne hat.

Wieviel Gehirn ist nötig?

Es gibt eine einfache Methode um herauszufinden, welche Teile des Gehirns für welche Aufgaben zuständig sind. Nach einer misslungenen Gehirnoperation im Jahr 1953 konnte ein Patient sich nichts mehr merken. So wurde der Hippocampus entdeckt. Der Hippocampus ist eine Art Verwalter der menschlichen Erinnerungen. Die bizarre Geschichte von Phineas Gage kann dies noch übertreffen. In den USA im Jahre 1848 arbeitet der Vorarbeiter Phineas Gage für die Eisenbahn bei der Trassenverlegung. Dabei stopft er mit einer Eisenstange Sprengstoff in ein Loch. Eines Tages passiert es, dass eine Ladung explodiert und die Stange durch seinen Kopf schießt. Nach 30 Metern landet die Stange auf dem Boden und hat den Stirnlappen von Mr. Gage mitgerissen. Entfernt wurden dadurch auch seine Hemmungen. Erstaunlicherweise hat Mr. Gage überlebt, aber mit dramatischen Folgen. Von einem sehr zurückhaltenden und freundlichen Gentlemen wurde er zu einem unausstehlichen und schimpfenden „Kotzbrocken“. Dieser Vorfall bewies durch die dramatische Veränderung seiner Persönlichkeit, dass das Gehirn bestimmt, wer man ist.

Inzwischen kann die Wissenschaft verschiedene Bereiche der Gehirnregionen zuordnen. Somit konnte festgestellt werden, dass beispielsweise der zuständige Gehirnbereich für Armbewegungen sehr klein ist, andererseits komplexe Bereiche wie das Fühlen und Tasten an den Fingern wesentlich größer sind. Das Gehirn ist jedoch nicht fix aufgebaut, Gehirnregionen können auch flexibel andere Bereiche / Aufgaben übernehmen. Es gibt Menschen, die seit Geburt blind sind und diese Funktion über Ihre Ohren ausgleichen. Sie können mit den Ohren sehen, indem Sie für uns unwichtige und nichtbeachtete Geräusche wesentlich deutlicher und intensiver wahrnehmen. Diese Leistung kann das Gehirn mit Unterstützung einer technologischen Hilfe, einer sog. Hörbrille, leisten. Die Funktionsweise ist simpel und kompliziert zugleich. In der Brille ist eine Kamera integriert, die das aufgenommene Bild an einen Rechner weitersendet. Der Rechner erkennt das Bild und wandelt dieses in Töne um, welche an einen Ohrlautsprecher gesendet werden. Hierdurch kann die Umwelt durch den Menschen „erhört“ werden und somit visuell – im Gehirn- deutlich gemacht werden.

Kann das Gehirn trainiert werden?

Bei Musikern konnte festgestellt werden, dass die beiden Gehirnhälften besser vernetzt sind. Ihr Kleinhirn ist größer und die Musiker haben bis zu 130% mehr „graue Zellen“. Der Ursache liegt in der hohen Konzentration und feinen Koordination der Muskeln beim Spielen eines Musikinstrumentes. Musik spielen fordert das Gehirn sehr. Es konnte festgestellt werden, wer ein Musikinstrument spielt kann hierdurch die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigern.

Das Gehirn ist - ähnlich wie Knete - sehr formbar und passt sich den Anforderungen an. Problematisch ist, dass das Gehirn diese Eigenschaft mit zunehmendem Alter verliert. Londoner Taxifahrer lernen 25.000 Straßen auswendig. Es konnte festgestellt werden, dass bei den Taxifahrern ein vergrößertes Gedächtnisareal vorhanden war. Der Hippocampus der Taxifahrer ist gewachsen, um den kompletten Stadtplan abzuspeichern. Dies lässt keinen Rückschluss auf andere gesteigerte Fähigkeiten zu, wie beispielsweise die korrekte Herausgabe des Wechselgeldes.

Auf der anderen Seite sortiert das Gehirn alle nicht relevanten Informationen aus. Wir können uns nicht alle Informationen, die wir sehen oder hören, merken. Der erste Filter ist das Kurzzeitgedächtnis. Das Kurzzeitgedächtnis wird ständig neu geschrieben, weil es nur ca. sieben Dinge behalten kann. Wichtige Informationen kommen in das Langzeitgedächtnis, dem Hippocampus. Das Problem beim Lernen ist, dass diese Regeln keiner Logik folgen und deshalb manche Dinge schwer zu behalten sind. Nur durch ständiges Wiederholen kann man sich neue Dinge merken. Das Merken ist leider nur der eine Teil. Die nächste Herausforderung ist, die gespeicherten Informationen im Gehirn wiederzufinden. Bildlich gesprochen kann das Gehirn in manchen Bereichen wie eine unaufgeräumte Studentenbude aussehen und das Auffinden sehr erschweren bis unmöglich machen.

Ein Lösungsansatz ist, neue Eindrücke mit bereits bestehenden Gedächtniseindrücken zu verbinden. Wenn Sie sich z.B. den Namen Anne merken wollen, können Sie an eine Kanne denken, mit der Sie Ihre Badewanne füllen. Mit dieser Geschichte bauen die Nervenzellen mehr Verknüpfungen auf und das Wiederauffinden wird leichter. Erinnerungen können auch manipuliert werden. Bei einem Test wurden Kindheitseindrücke, z.B. die Urlaubsreise durch authentische Urlaubsbilder aufgefrischt. Zusätzlich wurden einige Bilder am Computer verändert und der Teilnehmer in eine Situation eingefügt, die er nicht erlebte – so zum Beispiel das Reiten auf einem Kamel. Die Probanden waren nicht in der Lage, diese Bilder zu erkennen, sondern waren der Ansicht, auch diese falschen Bilder sind Teil Ihrer Erinnerung.

Eine weitere Funktion des Gehirns ist, alles zu tun, daß der Mensch am Leben bleibt. Dies äußert sich ab und zu in der Schutzfunktion, dass es uns „schlecht“ wird und wir den Mageninhalt erbrechen. In diesem Zusammenhang kann die Frage gestellt werden, warum es manchen Menschen im Auto schlecht wird?

Viele Reaktionen sind im Gehirn standardmäßig gespeichert, beispielsweise wird verdorbenes Essen erbrochen. Eine holprige Straße kann den gleichen Effekt bewirken. Manchmal irrt sich das Gehirn dabei, wie im Beispiel der holprigen Straße, doch warum?
Verborgen im Innenohr sitzt ein Bewegungsmelder, das menschliche Gleichgewichtsorgan. Es besteht aus drei Kammern, die mit Flüssigkeit gefüllt sind. An den Wänden befinden sich feine Härchen. Wenn wir uns bewegen, schwappt die Flüssigkeit hin und her und verbiegt die Härchen. Diese Härchen senden eine Info an das Gehirn, woraus eine Bewegungsfolge und Richtung berechnet wird.

Sind wir im Auto, lassen die Bewegungen die Flüssigkeit hin und her schwappen. Die optischen Eindrücke liefern jedoch eine andere Statusmeldung an das Gehirn. Sie sehen den Innenraum des Autos und melden: Hier wackelt nichts. Das Problem besteht darin, dass das Gehirn die widersprüchlichen Meldungen von Auge und Innenohr nicht zur Deckung bringen kann. Das Gehirn folgert, Vergiftungsgefahr und signalisiert dem Magen, sich zusammenzuziehen -> Erbrechen, um das Gift aus dem Körper zu transportieren.

Der Schlüssel ist folgender: Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf einen Aspekt der Welt lenken, haben Sie für die anderen Dinge nur noch eine begrenzte Aufnahmefähigkeit. Wir nehmen nur die Dinge wahr, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten. Das Problem ist, dass wir gelegentlich Dinge herausfiltern, die wir besser bemerken sollten, oder verbinden diese falsch wie beim Autofahren.

Zum Abschluss ein YouTube Video, an dem Sie selbst einen Test -zu dieser Thematik- durchführen können.

Zählen Sie die Pässe der weiß gekleideten Spieler:

http://www.youtube.com/watch?v=f94o3B3csYI