IPL-Magazin 22 | Januar 2013 | Autor: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier (IPL)


Wie hoch sind die erforderlichen Investitionen für das Kommissionieren?
 

Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier (IPL)Welches Unternehmen hat nicht so begonnen: ein überschaubares Lager, bestehend aus drei Regalzeilen und gedruckten Warenentnahmescheinen.
In dieser Phase liegt das komplette Know-How im Kopf eines lagerverantwortlichen Mitarbeiters. Er weiß, wo sich welcher Artikel befindet und wie viele Stück im Lagerfach noch anzutreffen sind. Hat das Unternehmen jedoch Erfolg, so wächst nicht nur der Umsatz, sondern im Normalfall auch das Lager: mehr Artikel, mehr Bestand und irgendwann auch mehr Mitarbeiter.

Schnell ist der Zeitpunkt erreicht, an dem Schwächen im Lagerprozess zu längeren Suchzeiten und ggf. auch falschen Bestandszahlen führen. Damit die Mitarbeiter auch jetzt noch in den Urlaub gehen oder krank werden ‚dürfen‘, muss spätestens nun eine Lagerverwaltung das gesammelte Wissen aufnehmen und allgemein verfügbar machen. Zusätzlich stellt sich die Frage, ob die Prozesse durch Scanner oder neuerdings durch Tablets unterstützt werden sollen. Diese Frage wird sich für viele Unternehmen zu einem späteren Zeitpunkt in ähnlicher Weise noch mehrmals wiederholen. Dann geht es jedoch um die mögliche Einführung einer Pick-by-Voice- oder eventuell sogar einer Pick-by-Light-Anlage.

Unabhängig von dem Zeitpunkt haben alle diese Situationen eines gemeinsam. Das Angebot auf dem Markt für Kommissioniertechniken ist nicht transparent. Die Entscheidung ist erschwert und wird deswegen zumeist unter unvollständiger Markttransparenz getroffen. Hintergrund ist, die Einführung einer neuen Kommissioniertechnologie setzt sich stets aus zwei Komponenten zusammen:

  • Die Hard- und Software des Technologieanbieters
  • Der erforderliche Programmieraufwand zur Anbindung der Geräte an die bestehende Infrastruktur im Unternehmen


Insbesondere der Aufwand zur Anbindung der Technologie im Unternehmen variiert in großem Umfang. Abhängig von der zum Einsatz kommenden Lagerverwaltung und damit den zur Verfügung stehenden Schnittstellen ergeben sich schnell größere Schwankungsbreiten im Bezug auf den Installationsaufwand.

Aufgrund des erst nach einer Analyse abschätzbaren Aufwands sind auch die Technologieanbieter verständlicherweise sehr zögerlich bei der Abgabe eines Gesamtangebots. Doch selbst wenn das Angebot vorliegt, ist die Kalkulation von Vergleichswerten schwierig, da die Grenzen der einzelnen Positionen verschwimmen und Regiestunden im geringeren oder größeren Umfang die echten Investitionen überlagern.

Was kostet die Technologie wirklich?
Basierend auf einer Marktuntersuchung haben sich für die Bereitstellung einer Kommissioniertechnologie folgende Richtpreise ergeben:

 


 

 

 

Die angegebenen Preise beziehen sich auf die Einführung jeweils eines Systems. Die anzutreffenden Marktpreise weichen im Einzelfall natürlich von den Angaben ab. Dies ist auf die jeweilige Geräteausführung, den Funktionsumfang sowie mögliche Quersubventionen (s.o.) zurückzuführen. Betrachtet man beispielsweise marktübliche Scanner, so gibt es Ausführungen ohne Akku oder auch ohne Gehäuseschutz, welche deutlich unter dem genannten Preis zu haben sind. Sind erweiterte Funktionalitäten gewünscht, wie zum Beispiel das parallele Lesen von RFID-Tags, so sind auch Preise von 2.000€ und mehr je Scanner aufzubringen.

Der Investitionsaufwand für die Integration der jeweiligen Technologie im Unternehmen ist in den angeführten Preisen nicht enthalten. Unabhängig davon, um welche Technologie es sich handelt, liegt der erforderliche Aufwand bei mindestens zehn- bis zwanzigtausend Euro. Mit steigender Komplexität und Lagergröße wächst dieser Betrag schnell an und übersteigt häufig deutlich die Investition für die eigentliche Technologie.

Naturgemäß ist also die Verwendung einer einfachen Druckliste die preisgünstigste Lösung. Die Vorteile der weiteren Kommissioniertechnologien ergeben sich bei einem höheren Durchsatz, geringerer Pickfehlerrate sowie u.a. einer verbesserten Bestandsführung. Reduziert man die Investitionsentscheidung auf die Zielgrößen ‚geforderte Leistung‘ und ‚Lagerausdehnung‘, so resultiert das nachstehend dargestellt qualitative Portfolio:


Abb. 1: Die Leistung und die Lagergröße bieten sich als die Führungsgrößen bei der Auswahl der geeigneten Kommissioniertechnologie an.
 


Als Grundlage für die Zuordnung der Technologien zu den Sektoren diente eine Abschätzung der jeweiligen Kostenkennlinie. Die Abbildungen 2 und 3 zeigen die zu erwartenden Kosten je Pick für den Fall zweier Lager mit unterschiedlicher räumlicher Ausdehnung.



 

 Abb. 2 und 3 (siehe Seite 25): Qualitativer Kostenvergleich der unterschiedlichen Kommissioniertechnologien.


Abb. 3
 


Für Anwendungen in räumlich begrenzten Bereichen gelingt es also mithilfe von Pick-by-Light-Systemen, die Kosten für große Leistungszahlen unter die Kosten je Pick einer Druckliste zu senken. Sowohl die Druckliste also auch der Scanner schaffen es nur minimal, Skaleneffekte aufgrund steigender Stückzahlen zu erzielen. Wächst gleichzeitig die Lagergröße, so spielt die neue Technologie ‚Visual Guided Picking‘ ihre Vorteile gegenüber den konventionellen Technologien aus.

Welche Empfehlung lässt sich ableiten?

Unternehmen, die heute vor dem nächsten Entwicklungsschritt stehen, sollten bereits an die Zukunft denken. Denn der nächste Schritt wird nicht der letzte sein. Weiteres Wachstum und Schwankungen im Auftragseingang werden auch in einigen Jahren eine andere Kommissioniertechnologie attraktiv erscheinen lassen. Will man nicht denselben Aufwand zur Anbindung noch einmal investieren, so sollte man auf standardisierte Schnittstellen achten, welche die Kopplung der Lagerverwaltung per ‚Plug and Play‘ mit allen heute vorhandenen und in Zukunft noch entstehenden Technologien zulässt.

Ein Beispiel dafür ist die Middleware ‚Picking Link‘. Sie unterstützt neben den althergebrachten Technologien auch bereits das Visual Guided Picking (VGP). Und die nächsten und hoch innovativen Kommissioniertechnologien befinden sich bereits in der Schublade der Entwicklung. Durch Trennung der Investition in Technologie und Anbindung kommen die Unternehmen dann erstmals in die komfortable Situation, wirklich vergleichbare Angebote für die Hard- und Software einer Kommissioniertechnologie je Anbieter gegenüberstellen zu können.