IPL-Magazin 17 | Oktober 2011 | Autor: Markus Ehmann (IPL)

"Neben hohen Kosten durch die Kapitalbindung und Lagerhaltung fließt die Höhe der Bestände auch unmittelbar mit ein in die Durchlaufzeit einer Produktion. Wenn dazu noch ein stark schwankendes Abrufverhalten des Kunden kommt, wird es schwierig einen optimalen Kompromiss zwischen Kosten und Lieferfähigkeit zu finden. Welche Maßnahmen es dennoch gibt, um bei hoher Lieferperfomance und schwer kalkulierbarem Absatz die Bestände nicht explodieren zu lassen, soll im Folgenden beleuchtet werden.“

 
Dipl. Wirtschaftsing. Markus EhmannDie Auswirkungen der Kundenbestellungen auf den Lagerbestand

Grundlegend bestimmt wird die erforderliche Lagerbestandshöhe durch die lieferantenseitige Wiederbeschaffungszeit, die gewünschte Lieferfähigkeit gegenüber dem Kunden sowie der vom Kunden geforderten Lieferzeit und Absatzmenge. Im direkten Zugriff hat ein Unternehmen jedoch nur eine Größe: die Lieferfähigkeit. Sie stellt eine Kenngröße dar, wie serviceorientiert ein Unternehmen gegenüber seinen Kunden agieren möchte. Prinzipiell gilt dabei, je höher die gewünschte Lieferfähigkeit, desto höher der erforderliche Lagerbestand.

Dabei gibt es nur eine Ausnahme: ist die Wiederbeschaffungszeit kleiner ist als die vom Kunden akzeptierte Lieferzeit, so ist kein Lagerbestand erforderlich. Leider stellt dies zumeist die Ausnahme dar.

Die Kosten der Lieferfähigkeit sind deswegen häufig gleichzusetzten mit Bestandskosten. Unter Umständen ist die Kapitalbindung jedoch schlicht zu kostspielig, um durch Bevorratung eine hundertprozentige Verfügbarkeit zu gewährleisten.


Abb.1: Auswirkung der XYZ-Charakteristik auf den Zielbestand für eine beispielhafte Sachnummer

Dies gilt insbesondere dann, wenn die Wiederbeschaffungszeit, die gewünschte Lieferzeit sowie Absatzmenge zeitlichen Schwankungen unterworfen sind. Die Bestimmung des optimalen Zielbestands wird für den verantwortlichen Disponenten zum Lotteriespiel.
Das Abnahmeverhalten wird klassischerweise in einer XYZ-Verteilung charakterisiert. Wobei X für einen stetigen, Y für einen trendmäßigen oder saisonalen und Z für ein sprunghaftes Abrufverhalten stehen. Dabei ist die Einteilung nach X, Y oder Z sowohl auf Menge als auch auf die Häufigkeit der Bestellungen bezogen. Um die unterschiedliche Auswirkung dieser Verteilung auf den Zielbestand deutlich zu machen, wurde ein beispielhaftes Artikelspektrum mit den drei unterschiedlichen Ausprägungen in einer Lagerstrukturanalyse simuliert und ausgewertet. Dabei blieb die gesamte Absatzmenge im Betrachtungszeitraum unverändert, lediglich die Verteilung der Absatzmengen pro Zeiteinheit wurde variiert. Das Ergebnis ist in der folgenden Abbildung dargestellt.

Wie zu erwarten, wächst bei einer sehr stetigen und relativ konstanten Entnahme (X-Charakteristik) der Zielbestand kaum mit steigender (Ziel-)Lieferfähigkeit. Immerhin gibt es kaum Ausreißer bei den Bestellungen, für die ein Sicherheitsbestand vorgehalten werden müsste.

Bei einem saisonalen Verlauf des Abrufs (Y) ist sowohl der Bestand bei einer Lieferfähigkeit von 90 Prozent höher als auch der Anstieg der Kurve steiler. Erklärbar ist dies durch die gestiegenen Absatzmengen in der Hochsaison, die zum entsprechenden Zeitpunkt bevorratet werden müssen. Als Konsequenz ergibt sich nahezu eine Verdoppelung des Zielbestands gegenüber dem gleichmäßigen Nachfrageprofil (X). Dies bedingt auch die zweifache Menge an gebundenem Kapital und die doppelten Kosten für die Lagerhaltung.

Der sporadische Abruf (Z) benötigt bei einer angestrebten Lieferfähigkeit von 100% sehr große Sicherheitsbestände. Während bei niedrigerem Servicelevel (und damit dem Verzicht auf die ungünstigsten Kundenbestellungen) die größten Ausreißer aus der Betrachtung herausgenommen werden können. Die Steigerung des Zielbestands in Abhängigkeit von der Lieferfähigkeit ist allerdings so stark exponentiell geprägt, dass allein bei der Abwägung zwischen einer 99- oder 100-prozentigen Lieferperformance eine Verdopplung des Bestands fällig wird!

Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse nun für die Disposition von Sachnummern im Tagesgeschäft?

Bei gleichmäßigem Nachfrageverhalten kann eine Lieferfähigkeit von 100% ohne einen großen Anstieg der Zielbestände realisiert werden. Insbesondere bei Z-Artikeln wirkt sich die dem Kunden zugesagte hohe Lieferfähigkeit extrem kostensteigernd aus. Zugesicherte Lieferzeiten und sogenannte Service Level Agreements (SLA) - also Vereinbarung zwischen Kunde und Lieferant bezüglich der zu erfüllenden Logistikleistung - sollten sich deshalb stark am Abnahmeverhalten orientieren und unbedingt Abstufungen vorsehen.

Abb. 2. :  Entscheidet sich ein Unternehmen gegen eine Bestandserhöhung und aber für eine bessere Lieferfähigkeit, so kann dies nur durch eine verlängerte Lieferzeit gegenüber dem Kunden realisiert werden. Auch in diesem Fall fordert die Z-Charakteristik einer Sachnummer die höchste Steigung.

Wie sich diese Abstufungen auswirken, zeigt das Bild 2. Es gibt an, welche Lieferzeit dem Kunden zugesichert werden kann, wenn der Zielbestand jeweils unverändert beibehalten werden soll, aber eine höhere Lieferfähigkeit angestrebt wird. So kann für die Z-Charakteristik mit demselben Zielbestand eine Lieferzeit von 4,5 Wochen bei 95% Lieferfähigkeit erreicht werden. Für 100% Lieferfähigkeit muss hingegen die Lieferzeit um nahezu 50% -also auf 6,2 Wochen - erhöht werden.

Die exakte Quantifizierung des Zusammenhangs muss für jeden Fall spezifisch durchgeführt werden. Die in den vorstehenden Abbildungen dargestellten Verläufe gelten deswegen nur exemplarisch. Sie wurden mittels eines speziellen Simulationsprogramms am IPL berechnet. Die eingangs erwähnten Größen lieferantenseitige Wiederbeschaffungszeit sowie die vom Kunden geforderten Lieferzeit und Absatzmenge wurden dabei konstant belassen.

Über entsprechende Maßnahmen gelingt es Unternehmen mittelbar, auch diese Größen zu verändern und damit den Anstieg des Zielbestands bei hoher Lieferfähigkeit zu beeinflussen. Dies wurde in dem vorliegenden Beitrag nicht untersucht.