IPL-Magazin 12 | Juli 2010 | Autor: Tobias Kaiser (IPL)

Aufgrund technologischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen sind Unternehmen gezwungen, in regelmäßigen Abständen ihre ERP-Anwendungen zu erneuern. Dabei stehen sie der Herausforderung gegenüber, aus einem unübersichtlichen Markt an ERP-Systemen die optimalste Lösung objektiv auszuwählen.


Dipl. Wirtschaftsing. Tobias KaiserSpätestens nach acht bis zwölf Jahren ergibt sich für Unternehmen die Fragestellung, was sie mit ihren bestehenden ERP-Anwendungen machen sollen [1]. Dieser Lebenszyklus hat zum einen technologische Gründe.

Meistens wurden die bestehenden ERP-Systeme in einem Unternehmen während der Laufzeit stark modifiziert und können deshalb nicht mehr durch ein Upgrade auf die nächste Version der Standard-Software aktualisiert werden. Dadurch kann das Unternehmen nicht mehr an wichtigen Weiterentwicklungen partizipieren.
Zum anderen stellen die zunehmende Internationalisierung und Vernetzung der Unternehmen ganz andere Anforderungen an ERP-Systeme in Bezug auf Funktionalität und Standardisierung. [2]

Wenn man sich für die Anschaffung einer neuen ERP-Anwendung entscheidet, stellt sich zuerst immer die Frage, soll man eine eigene Softwarelösung entwickeln oder auf Standardlösungen von Software-Anbietern zurückgreifen?

 

Abb. 1: Verbreitung von ERP-Systemen bzw. Eigenentwicklung vs. Standardprodukt

Abb. 1: Verbreitung von ERP-Systemen bzw. Eigenentwicklung vs. Standardprodukt
 

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, denn für beide Wege gibt es genügend stichhaltige Pros und Kontras. Einer Umfrage zufolge, die unter Berücksichtigung aller wichtigen deutschen Leitbranchen und Unternehmensgrößen durchgeführt wurde, geht der Trend aber klar zur Verwendung von Standardprodukten. Die Ergebnisse sind in Abb. 1 dargestellt. [3]

Summiert man die einzelnen Kriterien in Bild 1, erhält man ein Ergebnis, das größer ist als 100 Prozent. Dieser Sachverhalt ergibt sich aufgrund der Tatsache, dass im Mittel in den Betrieben 1,9 ERP-Systeme eingesetzt werden, wobei es sich um Eigenentwicklungen und/oder Standardlösungen handeln kann. Dies erschwert natürlich zusätzlich den Auswahl- und Entscheidungsprozess.

In Deutschland nimmt bei den Standard ERP-Lösungen SAP immer noch eine dominierende Marktstellung ein. Die Marktanteile der wichtigsten Anbieter für Standard ERP-Software, auf Grundlage der Lizenz- und Wartungsumsätze, sind in Abb. 2 dargestellt.

Neben SAP konnte sich bis jetzt kein wirklicher Herausforderer in Deutschland etablieren. Bis jetzt verdankt SAP seine Vormachtstellung vor allem den Branchenriesen. Jedoch sind die dort installierten Lizenzen für die IT Systeme allmählich auf dem neuesten Stand und es lässt sich in dieser Sparte bald kein Geld mehr verdienen. Deshalb versucht nicht nur SAP durch neue Geschäftsmodelle vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) als neue Kunden zu gewinnen. Denn bei diesen Unternehmen besteht noch ein großer Nachholbedarf bei den ERP-Systemen. Bei den etablierten Anbietern von ERP-Software haben sich drei neue Trends herauskristallisiert, wie neue Marktanteile gewonnen werden sollen: [2]

 

Abb. 2: Marktanteile Anbieter ERP-Software 2008 [4]

Abb. 2: Marktanteile Anbieter ERP-Software 2008 [4]

 

Die Branchenspezialisierung und somit die Fokussierung auf spezifische Unternehmensprozesse soll durch die Zusammenarbeit mit lokal oder regional aufgestellten Systemhäusern erreicht werden. Aufgrund von zusätzlich Tools soll es möglich sein, dass verschiedene Module unterschiedlicher Softwarehersteller miteinander kommunizieren können. Dadurch steht der Verknüpfung oder Erweiterung bestehender ERP-Systeme nichts mehr im Wege. In diesem Zusammenhang spricht man auch von einer Ergänzungsstrategie.

Über internetbasierte Plattformen können sich Unternehmen die benötigten Softwarefunktionen mieten ("Software on Demand"). Die Abrechnung erfolgt dann auf Basis der Benutzungsdauer oder -häufigkeit.

Doch dieses Geschäft ist nicht ganz einfach, denn bei den KMUs steht vor allem der Kostenfaktor im Vordergrund. Der Kunde ist nur bereit für Leistungen zu zahlen, die er auch wirklich benötigt. Um diesen Umstand zu berücksichtigen, spezialisieren sich viele ERP-Anbieter auf bestimmte Branchenlösungen. Damit ist auch zu erklären, warum nach wie vor kleinere Softwarefirmen mit einem gesamten Marktanteil von 31 Prozent (vgl. Bild 2) auf dem deutschen Markt bestehen können.

Aufgrund des hohen Kostendrucks bei den KMUs ist wohl auch zu erklären, warum bei den Unternehmen zunehmend auf Standardlösungen zurückgegriffen wird (vgl. Bild 1). Denn als ein Nachteil der Eigenentwicklung sind die hohen Entwicklungs- und Wartungskosten anzusehen.

Am deutschen Markt für ERP-Software gibt es heute ca. 20 Anbieter mit mehr als 30 Produkten. Laut einer Studie sind die Unternehmen bei der Einführung und dem Betrieb von ERP-Anwendungen am zufriedensten mit kleinen, lokalen Softwareanbietern. Dabei gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Modernität des Systems und der Zufriedenheit der Anwender. Vielmehr spielen projektorganisatorische sowie vertragliche Rahmenbedingungen eine immer wichtigere Rolle. [1]

Aufgrund des zersplitterten Marktes für ERP-Systeme und hinsichtlich der zunehmenden Komplexität bei der Systemintegration und Funktionalität sollte man bei der Auswahl von ERP-Anwendungen auf unabhängige, externe Berater zurückgreifen um eine objektive Entscheidung herbeizuführen.



Quellen:
[1] Fachzeitschrift Computerwoche Nr. 20 vom 17.05.2010
[2] VDI Nachrichten NR. 21 vom 28.05.2010
[3] Konradin ERP-Studie 2009
[4] www.computerwoche.de/1227784