IPL-Magazin 10 | Januar 2010 | Autor: Tobias Kaiser (IPL) & Bruno Behrendt (IPL)

Um der Fragestellung nachzugehen, wodurch sich die Unterschiede bei den Pickleistungen der jeweiligen Kommissionierverfahren ergeben, wurden im Logistiklabor der HS München verschiedene Versuchs-reihen durchgeführt. Folgende Pickverfahren werden miteinander verglichen: Pick-by-Light, Pick-by-Voice, Pick-by-Scan, Pickliste, und Visual Guided Picking.

Die Versuche ergaben vielfach überraschende Ergebnisse!


Dipl. Wirtschaftsing. Tobias Kaiser„Mit Pick-by-Light Anlagen sind bis zu 1.200 Picks/Stunde möglich", "Durch Pick-by-Scan kann die Pickleistung gegenüber der Pickliste wesentlich gesteigert werden". Diese und andere Aussagen findet man vielfach, wenn man sich eingehender mit dem Thema "Kommissionerverfahren" beschäftigt. Doch wodurch entstehen diese Kommissionierverfahren abhängigen Unterschiede in den Pickzeiten?

Um dieser Fragestellung nachzugehen, wurden im Logistiklabor der HS München, anhand zahlreicher Versuchsreihen, die Pickzeiten unter Zuhilfenahme verschiedener Pickverfahren ermittelt.

Folgende Pickverfahren wurden gegenübergestellt: Pickliste, Pick-by-Scan, Pick-by-Voice, Pick-by-Light und Visual Guided Picking. Damit eine Vergleichbarkeit zwischen den Kommissionierverfahren hergestellt werden konnte, wurde im Vorfeld der Versuchsablauf- und aufbau genau festgelegt. Für jedes Pickverfahren mussten mindestens eine Stunde lang zufällig generierte Aufträge realitätsnah abgearbeitet werden. Dadurch konnte auch der zeitabhängige Leistungsfaktor mitberücksichtigt werden. Der räumliche Versuchsaufbau entsprach der nachfolgenden Graphik.
 

Abb. 1: Räumlicher Aufbau für die Versuchsdurchführung

Abb. 1: Räumlicher Aufbau für die Versuchsdurchführung
 

Bei jedem Kommissionierauftrag sind die Einzelzeiten für vorher definierte Messpunkte nach dem REFA-Prinzip aufgenommen worden. Die einzelnen Zeitanteile wurden zu den Zeitblöcken Basiszeit, Wegzeit, Totzeit und Greifzeit zusammengefasst. Zu den einzelnen Zeitblöcken gehören folgende Tätigkeiten:       
 

Basiszeit:
Aufnahme des Kommissioniergerätes, neuen Auftrag starten, etc.

Wegzeit :
Zurücklegen des Weges zwischen den anzulaufenden Positionen/Orten

Greifzeit:

Entnahme des Artikels aus jeweiligem Lagerfach

Totzeit:

Alle vor- und nachbearbeitende Arbeitsschritte zur Entnahme, z. B. Orientierung in der Regalzeile, Abzählen von Artikeln, Quittierung der Entnahme, etc.


Aufgrund des Versuchsaufbaus kann davon ausgegangen werden, dass die Greifzeit für alle Aufträge annähernd identisch ist. Die Wegzeit ist wegen der unterschiedlichen Weglängen bei der Bearbeitung der Kommissionieraufträge für den Vergleich der Pickverfahren nicht repräsentativ. Hierfür wurde vielmehr die Geschwindigkeit ermittelt, die bei allen Pickverfahren vergleichbare Werte lieferte.

Die signifikanten zeitlichen Unterschiede bei den Kommissionierverfahren liegen bei dem vorhandenen Lagerlayout und der Auftragsstruktur somit nur in der Basis- und Totzeit. In Abb. 2 und Abb. 3 sind die relativen Zeitanteile für die Basis- und Totzeit der jeweiligen Pickverfahren dargestellt.

 

Abb. 2: Vergleich der Basiszeiten

Abb. 2: Vergleich der Basiszeiten

 

Abb. 3: Vergleich der Totzeiten

Abb. 3: Vergleich der Totzeiten

 

Dass das Verfahren Pick-by-Light die kleinsten Zeitanteile aufweist, ist wenig verwunderlich. An der Basis werden keine Hilfsmittel benötigt, die Orientierung in der Regalzeile entfällt und die Quittierung mittels Knopfdruck nimmt nur wenig Zeit in Anspruch.

Auch die vorher ermittelten Einsparpotenziale bei der Pickzeit für das Visual Guided Picking konnte in den Versuchsreihen bestätigt werden. Verwunderlich ist bei den Auswertungen nur, dass die Kommissionierverfahren "Pick-by-Scan" und "Pick-by-Voice" gegenüber der Pickliste längere Zeitanteile aufweisen, aber dazu später mehr. Die Entscheidung für oder gegen ein Kommissionierverfahren nur auf Grundlage der im Labor ermittelten Zeitanteile, bzw. der Pickleistung zu treffen, macht natürlich wenig Sinn. Vielmehr ist eine genaue Analyse der unternehmensspezifischen Kommissionierauftragsstruktur notwendig, um das Pickverfahren mit dem optimalen Kosten-Nutzen-Verhältnis zu ermitteln.

Bevor jedoch Überlegungen hinsichtlich der Einführung eines neuen Pickverfahrens getroffen werden, sollte vorab erst einmal überprüft werden, welche Optimierungsmöglichkeiten der bestehenden Lagerprozesse vorhanden sind. Dafür müssen als Erstes für repräsentative Kommissionieraufträge die jeweiligen IST-Zeitanteile ermittelt werden (Abb. 4).

Anhand der Auswertungen wird sichtbar, bei welchen Zeitanteilen die größten Optimierungspotenziale vorhanden sind. So hat sich zum Beispiel bei den Versuchsreihen gezeigt, dass für die vorhandene Auftragsstruktur und Lagerorganisation bei den Verfahren Pick-by-Scan und Pick-by-Voice der eingestellte Auftragsabruf- und Quittierungsprozess nicht passend war. Deshalb ergaben sich auch wesentlich höhere Basis- und Totzeitanteile als bei der Pickliste. Eine Anpassung der Prozesse würde die Zeitanteile sicherlich entscheidend verändern. Aus der Betrachtung der Zeitanteile je Kommissionierauftrag kann noch ein weiterer Zusammenhang abgeleitet werden. Je größer der Zeitanteil für den zurückzulegenden Weg während eines Kommissionieraufttrags ist, desto geringer wird der Einfluss der Totzeit und des damit verbundenen Kommissionierverfahrens. Somit werden zum Beispiel Pick-by-Light Anlagen bei länger werdenden Wegen zwischen den Auftragspositionen zunehmend unlukrativer.

Der Laborversuch hat gezeigt, dass sich durch Visual Guided Picking die Basis- und Totzeit gegenüber den vergleichbaren Pickverfahren signifikant reduzieren lässt. Eine sinnvolle Auswahl bzw. Optimierung des Kommissionierverfahrens kann jedoch nur auf Grundlage der Auftragsstruktur und den unternehmensspezifischen Randbedingungen erfolgen.
 

Abb. 4 siehe unten: Beispiele der Zeitanteile bei unternehmensspezifischen Kommissionieraufträgen und Pickverfahren

Abb. 4: Beispiele der Zeitanteile bei unternehmensspezifischen Kommissionieraufträgen und Pickverfahren 

Abb. 4: Beispiele der Zeitanteile bei unternehmensspezifischen Kommissionieraufträgen und Pickverfahren