IPL-Magazin 09 | Oktober 2009 | Autor: Tobias Kaiser (IPL)

 

Hat die deutsche Wirtschaft die Krise überstanden?


Zu Beginn dieses Jahres dachte man oftmals, man ist Teil eines Katastrophenfilms und das tragische Ende ist nur noch eine Frage der Zeit. Jede Woche veröffentlichten Banken und Wirtschaftsforschungsinstitute neue Zahlen, die 2009 ein Schrumpfen der deutschen Wirtschaft in noch nie dagewesener Weise voraussagten. Oftmals wurden sogar Parallelen zur Wirtschaftsdepression in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gezogen. Die blanken Zahlen der Realwirtschaft im ersten Quartal 2009 unterstützten die Szenarien noch zusätzlich. Man hatte fast den Eindruck, die deutsche Wirtschaft ist nach den vielen negativen Nachrichten wie gelähmt.

Ein dreiviertel Jahr später stellt sich die Situation schon wieder ganz anders dar. Der Tiefflug der deutschen Wirtschaft scheint gestoppt und die Wirtschaft erholt sich wesentlich schneller als prognostiziert. Die Prognose für das Wirtschaftswachstum 2010 wurde deshalb auch von 0,5 auf 1,25 Prozentpunkte erhöht [1]. Diesen Sachverhalt verdeutlichen auch die nachfolgenden Abbildungen.
 


 

Abb. 1: Bruttoinlandsprodukt Deutschland

 

 

Abb. 2: Auftragseingang verarbeitendes Gewerbe

Abb. 2: Auftragseingang verarbeitendes Gewerbe 

 

 

Abb. 3: Ausfuhr Deutschland

Abb. 3: Ausfuhr Deutschland

 

In den nächsten Monaten wird es sicher noch zu einigen Rückschläge kommen, denn staatliche Konjunkturmaßnahmen haben nötige Kapazitätsanpassungen zeitlich nach hinten verschoben. Auch in der Finanzbranche können noch einige unkalkulierbare Altlasten schlummern und für böse Überraschungen sorgen. Von den meisten Experten wird deshalb erwartet, dass die weltweite Wirtschaft mittelfristig nur noch langsam wächst (L-Verlauf) [1]. Somit wird das Wirtschaftsniveau unmittelbar vor der Finanzkrise wohl erst wieder in 3-5 Jahren erreicht.

Als Grund für die schnelle positive Trendwende beim Konjunkturverlauf ist vor allem der gestiegene Bedarf aus den USA und den asiatischen Schwellenländern zu nennen, was nicht zuletzt auf milliardenschwere Konjunkturpakete in den jeweiligen Ländern zurückzuführen ist. Dieser Zusammenhang dokumentiert die besondere Abhängigkeit eines Exportlandes wie Deutschland von der weltweiten Konjunktur.

 

Das weltweite Zusammenwachsen der Weltmärkte bringt augenscheinlich auch einige gravierende Veränderungen mit sich. Früher gab es nur den Global Player Amerika, der maßgeblich die weltweite Wirtschaft beeinflusste. Heute spielen zusätzlich die asiatischen Länder, allen voran China mit der zweitgrößten Volkswirtschaft, eine zentrale Rolle im wirtschaftlichen Geschehen und der Riese Russland ist noch gar nicht erwacht. Durch die zunehmende Komplexität der Wirtschaftsverflechtungen wird es immer schwieriger die konjunkturellen Entwicklungen vorherzusehen. Entsprechend dem Bullwhipeffekt werden zukünftig die Ausschläge der Konjunkturverläufe heftiger ausfallen und sich die Zeiträume zwischen den Auf- und Abschwüngen verkleinern. Der Bullwhipeffekt charakterisiert das Verhalten von dynamischen Logistikprozessketten. Je länger eine Prozessekette ist und je geringer der Informationsaustausch zwischen den Prozessstufen ist, desto größer sind die Ausschläge am Anfang der Kette [2].

 

Konjunkturelle Schwankungen gibt es schon seit der Einführung der Marktwirtschaft. Die zentrale Fragestellung für Unternehmen muss lauten, wie gut ist mein Unternehmen auf konjunkturelle Veränderungen (positiv wie negativ) vorbereitet? Denn aufgrund der zunehmenden Unplanbarkeit der wirtschaftlichen Entwicklung ist eine flexible Unternehmensorganisation und entsprechende angepasste Prozesse ein zentraler Baustein um langfristig erfolgreich zu sein.

 

Vor allem in Krisenzeiten sollten Unternehmer wieder mehr auf ihre Intuition und Erfahrung vertrauen und sich nicht durch irgendwelche Prognosen verunsichern lassen. Denn bekanntlich beginnt jede Krise im Kopf.

 


Quellen:

[1] Bundesverband deutscher Banken e. V. - Konjunkturbericht (August 2009)
[2] Schulte C., Logistik (2005)