IPL-Magazin 01 | Oktober 2007 | Autor: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier (IPL)

Zur Zielsetzung jedes Logistikers gehört es, die Lieferfähigkeit des Unternehmens mit minimalem Bestand zu gewährleisten. In der betrieblichen Praxis stellt sich jedoch sehr schnell die Frage, was unter dem Begriff ‚minimal’ zu verstehen ist. Nicht selten werden Disponenten mit dieser Entscheidung alleine gelassen und übernehmen so ungewollt eine weitreichende unternehmerische Verantwortung. Denn die Bestandshöhe bindet nicht nur wesentliche Teile des betrieblichen Vermögens und beeinflusst damit wesentlich die Zahlungsfähigkeit. Die Bestandshöhe ist auch der entscheidende Faktor bezüglich des erzielbaren Lieferservices. Entgegen der weitverbreiteten Meinung verbessert sich der Lieferservice mit sinkenden Beständen. Ursache ist die kürzere Durchlaufzeit und, daraus abgeleitet, die gesteigerte Flexibilität. Logistiker messen dies in den Kennzahlen Lieferfähigkeit und Liefertreue. Sinkt der Bestand unter einen kritischen Grenzwert, der sich aus dem Verhältnis der Wiederbeschaffungszeit zur vom Kunden geforderten Lieferzeit ergibt, kann der Vorteil niedriger Bestände jedoch ins Gegenteil abrutschen. Das Unternehmen ist nicht mehr lieferfähig.

 


Zur Bestimmung der richtigen Bestandshöhe in Abhängigkeit der angestrebten Lieferfähigkeit hat das IPL ein Simulationstool entwickelt, welches auf Sachnummernebene die Berechnung vornimmt. Eingangsgrößen sind nicht nur die realen Wiederbeschaffungs- und Lieferzeiten sowie die Wiederbeschaffungs- und Entnahmemengen sondern auch deren Streuung. Die hieraus abgeleiteten Häufigkeitsverteilungen ermöglichen die Prognose der einer vorgegebenen Bestandshöhe zugeordneten Lieferfähigkeit. So verursacht eine geforderte Lieferfähigkeit von 98% gegenüber einer 95 prozentigen Lieferfähigkeit die Anhebung der Zielbestände nicht nur um 3%, sondern häufig sogar um das Doppelte. Die Kosten vertrieblicher Lieferzusagen gegenüber dem Kunden werden damit erstmals bewertbar. Weitere Kosteneffekte ergeben sich aus der Gegenüberstellung erhöhter Einstandspreise, wenn der Lieferant im Gegenzug kürzere Wiederbeschaffungszeiten oder höhere Liefertreuen bietet. Damit lässt sich die Lagerstrukturanalyse auch als fundiertes Instrument zur Beantwortung strategischer Fragen in der Beschaffung einsetzen.
Die Anwendung einer Lagerstrukturanalyse bei einem Handelshaus brachte beispielsweise ein Bestandssenkungspotenzial von mehr als 50% zu Tage. Bündelt man Bestellvorgänge insbesondere bei C-Teilen, um damit die Anzahl der Bestellvorgänge und die daraus resultierenden Prozesskosten zu verringern, so ergab sich immer noch ein verbleibendes einmaliges Einsparvolumen von ca. 20% in Verbindung mit einer deutlichen Senkung der laufenden Lagerkosten.
 

Vergleichsweise gering ist der Aufwand bei der Durchführung der Lagerstrukturanalyse. Die benötigten Analysedaten sind zumeist in der Datenbank jedes gängigen ERP-Systems vorhanden und können maschinell leicht ausgelesen werden. Innerhalb von nur fünf Manntagen liegen erste Analyseergebnisse vor. Kombiniert mit einer Prognose der zukünftigen Absatzzahlen ist zusätzlich eine vorausschauende Planung der benötigten Bestände möglich.
 

Damit die Bestandsoptimierung nicht nur ein kurzfristiger Effekt bleibt, kann über eine internetbasierte Schnittstelle die Unterstützung des Disponenten auch dauerhaft realisiert werden. Ziel- und Auslösebestände sowie eine optimale Bestellmenge werden dem Disponenten je Sachnummer als Vorschlag vorgegeben. Saisonale oder trendmäßige Bedarfsveränderungen werden erkannt und fließen in die Neuberechnung der Zielbestände ein.