Immobilie 4.0

IPL-Magazin 37 | Oktober 2016 | Autor: Dr. Matthias Pfeffer

Das Multitalent, das mitreden kann!

Unter dem Schlagwort Industrie 4.0 tauschen heute schon Maschinen, Logistikeinrichtungen und Produkte über ihre Steuerungsgeräte Daten untereinander aus.

 


Dr. Matthias PfefferDieser Trend wird vor Immobilien nicht Halt machen: Fenster, Türen, Fahrstühle, Wasserversorgung, Heizung, Be- und Entlüftungsanlagen, Klimaanlagen - nur einige Ansatzpunkte für die Vernetzung, die das Management von Immobilien erleichtern und die Nutzer unterstützen wird. Den Kern der vierten industriellen Revolution bildet die Smart Factory. Sie ist in mehrere Richtungen vernetzt. Die Smart Factory ist das Kernstück der so genannten vierten industriellen Revolution: In der Industrie 4.0 sind Produktions- und Betriebsstätten so vernetzt, dass sich alle Abläufe zentral koordinieren lassen und im Idealfall sogar automatisch steuern.


Große Industrie- und Produktionskomplexe waren zur Zeit der zweiten und teilweise noch dritten industriellen Revolution weit verbreitet. In den vergangenen Jahrzehnten wurden verstärkt Teile der Wertschöpfungskette ausgegliedert, z. B. durch die Verlagerung der Produktion ins Ausland. Auch Forschung und Entwicklung sowie Verwaltung und Logistik wurden immer stärker entflochten und räumlich verteilt angesiedelt. So ist es heute kein Problem, ein Entwicklungsprojekt 24 Stunden rund um den Erdball durchzuführen.


Industrie 4.0 hat Auswirkungen auf die Fabrikgebäude
Die vierte industrielle Revolution kann eine dramatische Veränderung bewirken, da die Bestandteile der Wertschöpfungskette nun variabel und intelligent ausgelegt sind. Alles kommuniziert miteinander und jeder weiß zu jeder Zeit, wo ein Artikel liegt und wo er als nächstes benötigt wird. Dabei verschwimmt immer mehr die Grenze zwischen den spezifischen Flächenarten, denn reine Produktion oder reine Logistik wird es immer weniger geben. Vielmehr rückt eine integrierte Wertschöpfungskette mit vor- und nachgelagerten Dienstleistungen in den Vordergrund. Die Fabrikimmobilie muss daher immer flexibler und multifunktionaler ausgelegt sein. Eine möglichst vielseitig nutzbare Fläche wird hier klare Wettbewerbsvorteile bringen, um Industrie 4.0 schneller umsetzen zu können. Die klassische Zelle in Fertigung und Verwaltung ist nicht mehr gefragt. Neu ist dafür eine flexible Großraumfläche, auf der nicht nur verwaltet wird, sondern auch andere betriebliche Tätigkeiten wie Forschung, Vertrieb, Service und Vorfertigung fast übergangslos ineinander fließen.

Grundsätzlich wird ein Unternehmen deshalb eine an die jeweilige Aufgabe anpassbare und modulare Fläche benötigen, um maximal flexibel reagieren zu können. Egal ob Losgröße 1 oder Massenproduktion. Je nach Auftrag konfigurieren sich Maschinen und Gebäude selbst. Gleichzeitig müssen die Flächen so umgestaltbar sein, dass unterschiedlichste Bestandteile der Wertschöpfungskette aufnehmbar sind. Moderne Fabrikimmobilien sind heute bereits so wandlungsfähig gestaltet, dass sie viele Anforderungen erfüllen.


Die direkten Auswirkungen auf die einzelnen Immobilien lassen sich in 3 Aspekte gliedern:

  • Standort

  • Gebäudeausstattung

  • Gebäudefunktion und Organisationsstruktur

 

Standort
Ein zentrales Thema für die Zukunft der Produktion ist die Standortfrage. Durch die komplette Digitalisierung der Produktion inklusive der vor- und nachgelagerten Prozesse ist eine Vernetzung der beteiligten Gebäude untereinander notwendig. Produkte kommunizieren nicht nur mit den Maschinen, sondern auch mit den Hallen oder Standorten, in denen sie sich gerade befinden. Hierfür müssen die infrastrukturellen Rahmenbedingungen am Standort gegeben sein. Damit sind neben den klassischen Verkehrsanbindungen auch die Datenkanäle gemeint, die am Standort zur Verfügung gestellt werden können – je mehr umso besser! Kurze Wege zwischen der Produktion und den Lagern werden angestrebt, um so die Störanfälligkeiten in der Wertschöpfungskette zu minimieren.


Ein Trend im Rahmen der Industrie 4.0 könnte auch die Produktion in der Nähe des Absatzmarktes bzw. in der Nähe der Kunden sein. Statt einer großen Fabrik mit globalem oder kontinentalem Einzugsgebiet werden sich wohl eher kleinere Produktionsstätten mit regionalen bis lokalen Einzugsgebieten etablieren. Dabei können Fertigungsbetriebe wieder näher an die Lebensräume der Menschen rücken.

Dieser Trend wird unterstützt durch die zukünftige Work-Life-Balance-Forderung, also der Ausgleich zwischen Arbeits- und Privatleben, der Generation Y.

 

Gebäudeausstattung
Selbstverständlich dürfte dann die Voraussetzung der kompletten Vernetzung des Gebäudes sein, um an jeder Stelle alle Bewegungsdaten sämtlicher Ressourcen erfassen zu können. Dies bedeutet, dass das Gebäude selbst eine gewisse Intelligenz entwickelt und sich dementsprechend autonom steuern und an neue Gegebenheiten anpassen kann. Von einer Fabrikationsfläche würde dann beispielsweise das Signal kommen, bei welcher Temperatur gewisse Produkte gefertigt werden müssen oder ob eine entsprechende Lüftung zugeschaltet werden muss. Entsprechend könnten weitere Prozesse gesteuert werden, z. B. die Beleuchtung, o.ä. Tore und Türen könnten ebenso mit den Produkten, Maschinen und Menschen interagieren wie alles andere.


Gebäudefunktion und Organisationsstruktur
Einschneidende Veränderungen wird es vor allem in der Funktion der Gebäude geben. Diese werden künftig immer mehr zu Multifunktionsgebäuden. Dank moderner Technologien wird so aus einem Lager in kurzer Zeit ein Bürokomplex, eine Produktionshalle oder ein Mix aus allen Funktionsbereichen. Die Lagerung und der Transport organisiert sich in Zukunft selbst, somit wird auch das klassische Lager entfallen. Durch die bessere und frühzeitigere Abstimmung soll ohnehin weniger Bestand in der Fabrik 4.0 vorhanden sein.

Durch veränderte Organisationsabläufe wachsen Administration, Engineering, Produktion und Logistik mehr und mehr zusammen. Hier sind flexible Organisationskonzepte gefordert, wie zum Beispiel Quick Response Manufacturing (QRM), die auch das Gebäude ermöglichen muss. Starre Büroflächen wandeln sich in multifunktionale Projektflächen, die je nach Auftrag, Kunden, Produkten, o.ä. neu gestaltet werden können.

 

FAZIT
Die vierte industrielle Revolution, auch Industrie 4.0 genannt, steckt noch in den Kinderschuhen. Ideen gibt es reichlich, Umsetzungen sind partiell vorhanden. Die Technik, insbesondere in der Datenverarbeitung, gibt es derzeit her, Echtzeitdaten von allen Ressourcen gleichzeitig zu verwalten. Nicht nur Abläufe ändern sich dadurch, sondern auch die dazugehörigen Fabrikhüllen. Flexibilität und multiple Nutzung der Flächen sind neue Anforderungen an moderne Industrie 4.0-Immobilien.