IPL-Magazin 24 | Juli 2013 | Autor: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier

Die Zertifizierung nach ISO 9000
 

Prof. Dr. Klaus-Jürgen MeierViele Unternehmen schreckt sie ab, die Zertifizierung nach DIN EN ISO 9000. Die weit verbreitete Meinung: Zu bürokratisch und zu viel Aufwand steht zu wenig Nutzen gegenüber. Längst können sich Unternehmen nicht mehr differenzieren mit einer Zertifizierung und längst ist bekannt, dass ein Zertifikat noch lange kein Garant für wirklich gute Qualität ist. Wäre nicht die Forderung, u.a. durch Kunden, CE-Kennzeichnung oder Branchenverbände, viele Unternehmen würden sofort auf eine Re-Zertifizierung verzichten.

Zertifizierung – ein Geschäft mit Monopolcharakter?


Den Zertifizierungsgesellschaften ist die Tatsache bekannt. Aber aufgrund der beschriebenen Zwänge, müssen sich die Zertifizierungsgesellschaften keine Sorgen über das mögliche Ausbleiben ihrer Kunden machen. Die Unternehmen sind scheinbar auf sie angewiesen. Die marktüblichen Preise für eine Zertifizierung und das Verhalten vieler Auditoren gegenüber ihren Auftraggebern belegen dies eindrucksvoll. Die jährlichen und vom Zertifizierer selbst zu führenden Erhaltungsaudits binden den Kunden zusätzlich. Ohne solch ein bestandenes Audit verlieren die Zertifikate bereits vor Ablauf der 3-Jahresfrist mit sofortiger Wirkung ihre Gültigkeit. Anstelle des Bestrebens, ein Unternehmen bei der Weiterentwicklung seines Qualitätsmanagements zu unterstützen, tritt in den Audits ein vielfach schulmeisterliches Abfragen von Dokumenten und aufgezeichneten Prozessen. Die Sinnfälligkeit dieses Handelns wird nicht hinterfragt. Kein Wunder also, wenn das Zertifikat als das eigentliche Ergebnis einer Zertifizierung genannt wird und nicht die Überprüfung des aktuellen Qualitätsniveaus bzw. die Anregung zur kontinuierlichen Qualitätssteigerung.

Auditor, Unternehmen und Zertifizierungsgesellschaft: drei Beteiligte, die zueinander passen müssen

Die eigentliche Idee bei der Einführung einer Norm zum Qualitätsmanagement war aber, Unternehmen in ihrem Qualitätsbestreben zu unterstützen. Dafür wurde die ISO 9000 entwickelt und das kann sie auch durchaus leisten. Voraussetzung ist jedoch, dass sich alle Beteiligten, also das Unternehmen, der Auditor und die Zertifizierungsgesellschaft darüber einig sind.

Im Fokus steht dann nicht mehr, mögliche Potenziale zu verschleiern oder vor dem Auditor vollständig zu verbergen. In dem Bewusstsein, dass kein Mensch und folglich also kein Unternehmen perfekt ist, sollen die größten Schwachstellen identifiziert und aus eigenem Antrieb beseitigt werden. Die ISO 9000 kann zu diesem Zweck als eine Art Checkliste angewendet werden, die aber unternehmensspezifisch angepasst werden muss. So ist es beispielsweise unsinnig, wenn ein Kleinstunternehmen dieselben Prozesse und Dokumente führt wie ein DAX-Unternehmen, oder Entwicklungsprozesse zwangsweise abgeprüft werden, wo keine Produktentwicklung stattfindet. Die Notwendigkeit zur Auslegung der ISO 9000 gemäß den situativen Randbedingungen eines Unternehmens ist also offensichtlich.

Die ISO 9000 kann und sollte auch nur einen Rahmen bieten, dessen Füllung fallweise anzupassen ist. Auflagen, welche die Qualität nicht steigern, aber die Effizienz des Unternehmens behindern, werden dann tatsächlich als Schikane empfunden. Der Auditor hat aus diesem Grunde ein hohes Maß an Verantwortung. Es ist seine Aufgabe, die Qualität nicht nur im engeren Sinn zu überprüfen, sondern dabei auch die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens im Auge zu behalten. Dies setzt Erfahrung nicht nur im Bereich des Qualitätsmanagements, sondern auch in Bezug auf die Methoden der Unternehmensführung voraus.

Doch nicht nur der Auditor muss seinen Beitrag leisten. Das auditierte Unternehmen muss bereits sein, über sein eigenes Tun und Handeln nachzudenken und dieses in Frage zu stellen. Ein Audit bietet die hervorragende Möglichkeit, in komprimierter Form zahlreiche Impulse zur Weiterentwicklung des Unternehmens von einem objektiven Außenstehenden zu erhalten. Diese Impulse sind natürlich nur anwendbar, wenn das vorgestellte Managementsystem und die dazu gehörigen Ziele, Prozesse und Dokumente der Tatsache entsprechen. Die Konsequenz der Ehrlichkeit kann zunächst unbequem sein, so können viele Aktionspunkte und Maßnahmen aus einem Audit resultieren.

Doch sind sich Auditor und das Unternehmen über die Richtigkeit der Ansätze einig, so bieten die Maßnahmen eine riesige Chance: Die Anpassung des Produktportfolios, die Risikominimierung oder eine Leistungssteigerung sind nur beispielhafte Maßnahmen die aus einem Audit resultieren können und die nach ihrer Umsetzung die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig erhöhen. Es gibt kein anderes Werkzeug neben der ISO 9000, um effizienter zu einem Unternehmensbenchmarking zu gelangen. Die Rolle der Zertifizierungsgesellschaft ist vielen Unternehmen nicht bewusst, da sie sich unmittelbar nur mit dem Auditor konfrontiert sehen.

Und doch hat die Zertifizierungsgesellschaft einen wesentlichen Anteil an einer erfolgreichen Zertifizierung. Und selbst eine bestehende Akkreditierung ist noch keine Garantie, dass Auditor und Unternehmen konstruktiv zusammenarbeiten können. Die Gesellschaften bestimmen maßgeblich das Verhalten des Auditors bei seinen Kunden. Steht die Profitsteigerung im Vordergrund, so werden nur die formalen Voraussetzungen für die Erfüllung der ISO 9000 im Audit abgeprüft und deren Realisierung bürokratisch angeordnet. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Unternehmen und gar ein echter Beitrag zur Leistungssteigerung sind dann nicht möglich bzw. von den Zertifizierungsgesellschaften tw. nicht gewünscht. Die Rollen der Beteiligten in einer Zertifizierung sind in der nachstehenden Grafik nochmals zusammengefasst.

Abbildung 1: Das Zusammenwirken der Beteiligten im Rahmen einer Zertifizierung

Wie erkennt man eine erfolgreiche Zertifizierung?

Eine Zertifizierung nach ISO 9000 kann also, wenn sie im ursprünglichen Sinne gehandhabt wird, durchaus das Qualitätsniveau und damit die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens steigern. Komprimiert innerhalb eines Audits erhält das Unternehmen ein Feedback über seine Leistungsfähigkeit. Potenziale werden offengelegt und bieten nachhaltig die Chance zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Eine kurze Checkliste bietet Unternehmen die Möglichkeit, zu überprüfen, in welchem Geiste ihre Zertifizierung durchgeführt wird bzw. durchgeführt wurde.

Zu beantworten sind die nachfolgenden Fragen:

 

  • Wird die reale Situation im Unternehmen von allen Beteiligten kommuniziert?
  • Findet das Audit in einer konstruktiven Atmosphäre statt, die das Ziel zur echten Verbesserung verfolgt?
  • Ist Ihr Unternehmen wirklich bereit für ein offenes Feedback?
  • Die Unterlagen (Qualitätsmanagementhandbuch, Formulare, Prozessbeschreibungen,…) für das Audit liegen ohnehin in einer aktuellen Form vor und mussten nicht eigens erstellt werden?
  • Werden die qualitätsentscheidenden Faktoren erkannt und in ihrer Wirksamkeit überprüft?
  • Liefert das Audit Ansätze, wie die Qualität weiter gesteigert werden kann?
  • Liefert das Audit Ansätze, wie die Wirtschaftlichkeit gesteigert und damit die Unternehmensexistenz nachhaltig abgesichert werden kann?
Können alle Fragen mit ‚ja‘ beantwortet werden, so liefert die Zertifizierung einen echten Mehrwert. Ein einziges ‚nein‘ bedeutet unter Umständen bereits, dass mit dem Audit große Potenziale nicht genutzt werden.


Die ISO 9000 als Werkzeug zur Leistungssteigerung

Die Auditierung nach ISO 9000 stellt eine echte Chance für Unternehmen dar. Die ISO 9000 bietet eine perfekte Checkliste, welche einen (Selbst-)Bewertung und damit das Auffinden von Verbesserungspotenzial unterstützt.

Das Trio Zertifizierungsgesellschaft, Auditor und Unternehmen müssen sich dazu über den Modus einer Zertifizierung jedoch einig sind. Steht im Vordergrund das Zertifikat oder die Weiterentwicklung des Unternehmens?

Die Antwort darauf sollte abgestimmt sein, bevor der Auftrag zur Zertifizierung ausgesprochen wird.

Eines ist jedoch klar: an der Akkreditierung der Zertifizierungsgesellschaft und an einem hohen Preis für die Zertifizierung kann die Antwort auf die vorstehenden Frage nicht abgelesen werden.