IPL-Magazin 01 | Oktober 2007 | Autor: Alexander Bäck (IPL)

  
Dipl.-Wirtschaftsing. Alexander Bäck (IPL)Die zunehmende Produktvielfalt und -komplexität, eine steigende Anzahl an Schnittstellen zwischen Unternehmen und die hohe Relevanz von Beständen und Kapazitäten für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens stellen hohe Anforderungen an die Liefer- und Wertschöpfungskette jeder Organisation. Simulationen ermöglichen eine vertiefte Analyse der Dynamik komplexer Wertschöpfungsketten – Informationsflüsse werden transparent, Wechselwirkungen in der Supply-Chain verdeutlicht. So lassen sich Wertschöpfungsketten optimieren und Prozesse sowie deren Veränderungen bewerten.
 
Simulationen von Supply-Chains werden meist am Computer durchgeführt. Allerdings haben solche Computersimulationen neben einigen Vorteilen auch eine Reihe von Nachteilen. Bei einer Optimierung oder Neugestaltung einer Supply-Chain können nicht alle Veränderungen vom Programmierer abgebildet werden. Zudem liefert eine Computersimulation ein rein quantitatives Ergebnis in Form von Zahlenreihen. Nur schwer mit Zahlen belegbare Auswirkungen, die sich z.B. durch den für den Computer nicht-rationale und nicht-optimale Handlungen von Menschen ergeben, werden nicht abgebildet. Insgesamt kann so nur schwer veranschaulicht werden, was es bedeutet, wenn ein Lager in Beständen versinkt oder Kundenaufträge aufgrund eines schlechten Lieferservices verloren gehen.
 

Das Institut für Produktionsmanagement und Logistik (IPL) wählt für die Simulation einer Supply-Chain eine andere Methode. Unter Verwendung von Rollenspiel in Kombination mit haptischen Modellen werden am Institut Wertschöpfungsketten ohne die genannten Restriktionen dargestellt und modifiziert. Die Teilnehmer können so die Prozesse „leben“ und haben die Möglichkeit, ihre Umwelt nach ähnlichen Regeln wie in der Realität zu verändern. Im Rahmen dieses Planspiels kann einerseits für reine Fortbildungszwecke ein fiktives Unternehmen simuliert werden, andererseits können aber auch die Prozesse einer real existierenden Supply-Chain dargestellt und optimiert werden. Die hierbei gemeinsam erarbeiteten Optimierungsmaßnahmen können nahezu 1:1 in die Realität überführt werden. Somit stellt die beschriebene Business Simulation das ideale Werkzeug für konkrete Umsetzungs- bzw. Optimierungsprojekte dar.
 
Ein derart unternehmensspezifisches Planspiel wurde unter anderem im Geschäftszweig Optical Solutions (OS) der Siemens AG durchgeführt. Um den Veränderungen der Märkte und den somit gestiegenen Anforderungen, insbesondere hinsichtlich der Lieferleistung, gerecht zu werden, war eine Umgestaltung der bislang funktionsorientierten Bereiche zu einer prozessorientierten Organisation erforderlich. Damit die Restrukturierung nicht am Widerstand der Mitarbeiter scheitert, bekamen diese durch die Business Simulation die Gelegenheit, selber entscheidenden Einfluss auf die nötigen Umsetzungsmaßnahmen zu bekommen und diese selber mitzuentwickeln. 
 
Die Zielsetzung lautete, die logistische Leistungsfähigkeit zu verbessern, die wirtschaftlichen Ergebnisse zu erhöhen, und insbesondere die hierfür notwendigen Maßnahmen auszuarbeiten.
 

Die Simulation ermöglichte den in mehrere Gruppen aufgeteilten Teilnehmern nicht nur das spielerische Ausprobieren unterschiedlicher Lösungsansätze und Maßnahmen, sondern zeigte dabei auch stets die Auswirkungen auf Leistungsfähigkeit und wirtschaftliches Ergebnis transparent auf. Während anfangs der Fokus auf eine Optimierung der Informationsflüsse und innerbetrieblicher Abläufe lag, rückten im weiteren Verlauf insbesondere die Beschaffungsprozesse im Mittelpunkt. Nach zwei Tagen lag ein kompletter Maßnahmenkatalog für die Umstrukturierung und Veränderung der Prozesse für die Siemens Optical Solutions vor. Die Mitarbeiter konnten davon überzeugt werden, dass eine Reduzierung der Bestände keinen Widerspruch zur Erhöhung der Lieferleistung darstellt. Im Gegenteil, eine Analyse und Optimierung sämtlicher Prozesse entlang der Supply-Chain stellt die Voraussetzung dar, um den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens deutlich und nachhaltig zu verbessern.
 

Eine Computersimulation mag zwar in einigen Fällen zu ähnlichen Erkenntnissen führen wie das dargestellte Planspiel. Der entscheidende Unterschied ist die Übertragbarkeit in die Realität. So zeigt die Erfahrung, dass die Umsetzung in der Praxis in vielen Fällen am Widerstand der betreffenden Mitarbeiter scheitert. Meist aus unternehmenspolitischen Gründen, manchmal aber auch weil die Ergebnisse nicht für jeden nachvollziehbar sind und daher auch keine schlüssige Argumentation darstellen, um gewohnte Prozesse grundlegend zu verändern. EDV-unterstützte Simulationen sind zwar beispielsweise bei der Optimierung von konkreten Fertigungsprozessen klar im Vorteil, wird allerdings das Verhältnis der tatsächlichen Fertigungszeit und der gesamten Durchlaufzeit betrachtet, so fällt bei den meisten Unternehmen eines auf: Die Dauer der eigentlichen Wertschöpfung ist im Vergleich zu der insgesamt benötigten Zeit oft verhältnismäßig kurz. Daher sind die eigentlichen Potenziale an einer anderen Stelle zu finden. Hohe Wiederbeschaffungszeiten, niedrige Lagerumschlagszahlen und große Pufferbestände in der Fertigung sind in der Regel die Problemfaktoren – und genau dieser Grundgedanke des Supply-Chain-Managements kann durch die spielerische Eigenart der Business Simulation den Beteiligten verdeutlicht und von ihnen verinnerlicht werden.