IPL-Magazin 02 | Januar 2008 | Autor: Dirk Rimkus (IPL)

   
IPL-Redaktion: Herr Hahn, die Andreas Schmid Spedition ist als traditionelles, erfolgreiches, aber und auch als innovatives Speditions- und Logistikunternehmen weithin bekannt. Warum haben Sie sich entschlossen mit der IPL ein Projekt zu starten?
 

Andreas Hahn: Eben drum (und lacht, die Red.). Genau aus dem Grund, den Sie bereits in Ihrer Frage impliziert haben. Wir sagen, wir sind nicht unerfolgreich, stellen uns aber tagtäglich die Frage, wie wir das, was wir heute gut oder sehr gut machen, morgen noch etwas besser machen können. Gerade im Speditionsbereich mit großen Herausforderungen auf der Kostenseite sind Produktivität und Effizienz mehr denn je entscheidende Erfolgsfaktoren.
 

IPL-Redaktion: Und wie sieht das konkret aus?
 

Andreas Hahn: Aufgrund weiterer, deutlich verstärkter Kostentreiber, wie z. B. den verkürzten gesetzlichen Arbeitszeiten, müssen wir uns immer wieder selbstkritisch auf den Prüfstand stellen. Wir müssen fehlerhafte und unproduktive Arbeitsprozesse identifizieren und diese dann auch in aller Konsequenz eliminieren. Kurz zusammengefasst kann man ganz einfach sagen, dass wir von unseren Kunden nur für den Transport z. B. von Stückgütern und den damit zusammenhängenden Prozessen bezahlt werden. Beschäftigen wir uns in der gesamten Prozesskette durch unnötiges Handling und/oder Leerzeiten nur selbst, wird das in Bezug auf die Kosten ausschließlich unser Problem und nicht das des Kunden sein. Dies gilt es natürlich folgerichtig zu vermeiden.
 

IPL-Redaktion: Wo sehen Sie in Ihrem Speditionsbetrieb noch Potenziale?
 

Andreas Hahn: Wir betrachten uns ja wie bereits gesagt, als einen durchaus gut organisierten Speditionsbetrieb, der mindestens marktkonforme Dienstleistungen, wie z.B. die Bedienung des gesamten Bundesgebietes in der Regel von Tag A auf Tag B mit hoher Zuverlässigkeit, bestehenden oder potentiellen Kunden zur Verfügung stellt. Dazu bedienen wir uns durchorganisierter, stark arbeitsteiliger Speditionsnetzwerke, in welchen alle Transportbereiche, d.h. sowohl die Verteiler- als auch die Terminal-Terminal-Verkehre mehr oder weniger in jeglicher Hinsicht optimiert sind. Potenziale gibt es allerdings unserer Meinung nach dort, wo Schnittstellen vorzufinden sind, also überall dort, wo Sendungen aus bestehenden Verkehren umgeschlagen und auf weitere Fahrzeuge umgeladen werden. Diese so genannten Umschlags- oder Cross-Docking-Prozesse werden demzufolge durch vielerlei Faktoren beeinflusst. Jede nicht verlässliche Ankunft von Fahrzeugen, Wartezeiten beim Umschlag oder sonstige Störungen bedeuten, dass das Anschlussfahrzeug warten muss und u. U. weitere Termine oder Kundenzustellungen nicht mehr zeitgerecht im vorgesehenen Arbeitsablauf zu erledigen sind. Dies bedeutet in der Regel höheren Arbeitsaufwand und entstehende Kosten Also müssen zwangsläufig diese unproduktiven Umschlags- und Wartezeiten soweit als möglich eliminiert werden.
 

 

IPL-Redaktion: Wie setzen Sie diese Feststellung um?
 

Andreas Hahn: Zum einen muss ich zunächst sagen, dass dies natürlich nicht meine alleinige Feststellung ist, sondern dass diese Fakten weithin und auch außerhalb der Speditionsbranche bekannt sind. Wir bei Andreas Schmid haben es uns zum Ziel gesetzt zunächst die Umschlagszeiten im Sammelguteingang weiter zu reduzieren, damit das Nahverkehrsfahrzeug mit der Verteilung früher und schneller beginnen kann. Damit ergibt sich in vielen Fällen die Möglichkeit einen weiteren „Entlade-Stop“ mitzunehmen oder einen zusätzlichen Abhol-Stop bei der Rückfahrt zum Terminal einzulegen und dabei dennoch die täglichen Arbeitszeiten einzuhalten und wirtschaftlich zu arbeiten. Allein aus dieser Aussage können Sie auch den unmittelbaren Zusammenhang zu unserem Sammelgut-Ausgang erkennen, den wir dann in einem weiteren Schritt ebenfalls überarbeiten und auf den Prüfstand stellen werden.
 

IPL-Redaktion: Wie sind Sie hierbei vorgegangen?
 

Andreas Hahn: Wir haben uns entschieden, und dabei auch über den Tellerrand der Spedition hinaus schauend, professionelle Mithilfe von Extern einzuholen. Die Anforderungen an einen Berater waren zum einen speditioneller Background, aber zum anderen und mindestens genauso wichtig, umfangreiche Projekterfahrung aus dem industriellen Umfeld. Dies war auch für die Auswahl von IPL als Partner für dieses Projekt entscheidend, bei dem zunächst die methodische und analytische Kompetenz von IPL gefragt war.
Nach anfänglicher Beschreibung der relevanten Prozessabläufe beim Sammelgut-Eingang und möglicher bei Abweichungen vom geplanten Ablauf festzustellenden Störungen haben wir uns eine Projektorganisation bestehend aus IPL und Andreas Schmid Mitarbeitern geschaffen – natürlich ohne das Tagesgeschäft dabei aus den Augen zu verlieren. Anschließend sind wir in Interviews, Workshops und Teamarbeiten streng nach der Six-Sigma Projektstruktur (Six-Sigma griechisch bedeutet die 6.te Standardabweichung, die Red.) vorgegangen. Parallel dazu haben wir durch sehr viele Messwerte und Analysen die durchaus bestehenden Potenziale, auch visuell in Grafiken, herausgearbeitet.
 



 


IPL-Redaktion: Was meinen Sie mit Messwerten und Analysen?
 

Andreas Hahn: Sehen Sie, wir haben einen kompletten Geschäftsmonat mit allen Statusmeldungen bzw. Zeitstempeln aus verschiedenen Datenbasen und Reports zusammengeführt und haben so quasi das komplette Geschäftsgeschehen vor uns ausgebreitet. Wir haben damit nur in dem analysierten Geschäftsbereich Sammelgut-Eingang knapp 30.000 Sendungen mit mehr als 90.000 Colli, auf Durchlaufzeiten von der Einfahrt der Fahrzeuge aus den Terminal-Terminal-Verkehren, bis zur Ausfahrt der Verteilerfahrzeuge aus unserem Betriebsgelände in alle einzelnen, relevanten Prozessschritte zerlegt. Wir haben in sog. Histogrammen beispielsweise  die Einfahrtzeiten auf den Tagesrhythmus projiziert und damit Korrelationen festgestellt, welche Verzögerungen welchen etwaigen Aufwand verursachen. Aber auch durch die Zerlegung aller Warte- und Wegezeiten jeder einzelnen Sendung, von deren Bereitstellung in Ladegefäßen auf unserem Betriebshof bis hin zur Verbringung auf die Bereitstellungsplätze der einzelnen Touren, haben wir deutliche Potenziale identifiziert.
 




IPL-Redaktion:
Wie können Sie diese Erkenntnisse nun in Ihrem Unternehmen umsetzen? Wie groß schätzen Sie das Kostenpotenzial ein?

Andreas Hahn: Zunächst, möchte ich Ihnen sagen, dass die Analysephase des Projektes noch nicht gänzlich abgeschlossen ist. Ich sehe jedoch deutlich, dass wir durch die Umsetzung von Maßnahmen in verschiedenen Handlungsfeldern die Umschlagszeiten je Verteilerfahrzeug täglich um ca. 45 Min. reduzieren werden. Wir setzen täglich zwischen 60 und 80 Fahrzeuge ein; bei 250 Werktagen im Jahr ergibt sich schnell ein zunächst festzustellender Zeitaufwand von mehr als 13.000 Stunden pro Jahr, bei dem die Fahrzeuge unnötigerweise stehen. Multiplizieren Sie diese Leerzeiten mit, sagen wir 35,-- € je Std., ergibt sich ein Potenzial von nahezu 500 T€, das es zumindest zu großen Teilen zu heben gilt. 
 

IPL-Redaktion: Das sind natürlich beeindruckende Zahlen. Was meinen Sie mit „verschiedenen Handlungsfeldern“?
 

Andreas Hahn:  Natürlich haben uns die Erkenntnisse aus den statistischen Auswertungen nicht völlig überrascht. Dies zeigt aber auch auf der anderen Seite, wie eng und damit auch glaubwürdig sich die Zahlen unseres „Bauchgefühls“, wenn auch mit verschiedenartigen Prioritäten, bestätigt haben. So ergeben sich Handlungsfeldern in den unmittelbar produktiven Funktionen wie der Disposition der Fahrzeuge, der Ablauforganisation und dem Layout unserer Umschlagshalle, aber ganz besonders auch in der Kommunikation dieser Bereiche mit unserem kaufmännischen Sammelgut-Eingang. Darüber hinaus denken wir auch an den Einsatz eines PPS-Systems (Produktion, Planung & Steuerung, die Red.) analog des Einsatzes im Rahmen der industriellen Fertigung, in dem wir quasi die Produktionsschritte nach Verfügbarkeiten der Sendungen und Ressourcen und sich daraus ergebenden Vollständigkeits-prüfungen einlasten können. Entsprechend wird dann damit auch der jeweilige Tag planerisch simuliert und in der Folge auf Echtzeiten dann auch gesteuert.
 

IPL-Redaktion: Warum haben Sie sich für die IPL als Partner entschieden?
 

Andreas Hahn: Das methodische erprobte , analytisch exakte Vorgehen von IPL, die Paarung von Wirtschaft und Wissenschaft aber nicht zu letzt auch die respektable Fach- und Projektkompetenz von IPL, die wir im Laufe des Projektes in zunehmenden Maße für uns erfahren haben, waren für uns ausschlaggebend.
 

IPL-Redaktion: Herr Hahn, wir würden gerne nach Umsetzung der Maßnahmen, vielleicht ca. in einem Jahr nochmals mit Ihnen dieses Interview fortsetzten.
 

Andreas Hahn: Sehr gerne, ich freue mich auf dieses Gespräch.
 

IPL-Redaktion: Herr Hahn, wir bedanken uns für dieses Interview.