Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung steigert Ihre Produktivitä

IPL-Magazin 40 | Juli 2017 | Autor: Dr. Matthias Pfeffer

Ein ergonomischer Arbeitsplatz ist Voraussetzung dafür, dass die Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum gesundheitlich unbeeinträchtigt bleiben und eine gute Arbeitsleistung erbringen können.

 


Dr. Matthias Pfeffer

Ein ergonomischer Arbeitsplatz ist Voraussetzung dafür, dass die Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum gesundheitlich unbeeinträchtigt bleiben und eine gute Arbeitsleistung erbringen können.
 

Lesen Sie hier, welche Voraussetzungen für einen ergonomischen Arbeitsplatz erfüllt sein sollten und wie Sie die Ergonomie Ihrer Arbeitsplätze bewerten können.

 

 

Voraussetzungen für einen ergonomischen Arbeitsplatz

Um die ergonomischen Voraussetzungen zu erfüllen, sollten bei der Gestaltung eines Arbeitsplatzes folgende anthropometrische Regeln eingehalten werden:

  • Berücksichtigung der Körpergröße: Der Arbeitsplatz soll so gestaltet werden, dass mindestens 95% aller Erwachsenen daran langfristig arbeiten können. Dabei soll unter anderem auf ausreichende Bewegungsfreiheit und eine optimale Arbeitshöhe für die jeweilige Tätigkeit geachtet werden.

  • Richtige Auslegung des Greifraums: Der Arbeitsplatz besteht aus drei Greifräumen: Beidhandzone, Einhandzone und maximaler Greifraum. In der Beidhandzone werden die am häufigsten benötigten Teile platziert und findet die Arbeitsaufgabe statt. In der Einhandzone finden die Teile und Werkzeuge Platz, die einhändig gegriffen werden können. Der maximale Greifraum steht für die Bereitstellung der selten benutzen Teile zur Verfügung. Außerhalb dieses Bereiches sollen kein Teile positioniert werden.

  • Behälteranordnung und Materialflussoptimierung: Behälter mit häufig benötigten Teilen und Werkzeugen sollen möglichst nah beim Mitarbeiter und leicht zugänglich positioniert werden. Die Positionierung der Teile in einer Flusslinie nach der Verbrauchsreihenfolge erspart dem Mitarbeiter Zeit durch Eliminierung des Suchaufwandes.

  • Arbeitsplatzhöhe: Für die richtige Arbeitshöhe gelten folgende Regeln:

    o Arbeitsstellen über der Herzhöhe sollen vermieden werden, weil dies die Blutzirkulation vermindert, wodurch die Leistung des Mitarbeiters schnell abnimmt.

    o Bei der statischen Arbeit findet keine ausreichende Blutzufuhr zu den Muskeln statt, wodurch schnell Muskelermüdung auftritt. Deswegen soll statische Arbeit möglichst vermieden werden. o Zur Gewährleistung ergonomischer Bedingungen für Mitarbeiter unterschiedlicher Körpergrößen soll der Arbeitsplatz nach Möglichkeit höhenverstellbar gestaltet werden.

  • Berücksichtigung des Blickfelds: Die am häufigsten benötigten Teile und Werkzeuge sollen im optimalen Blickfeld des Mitarbeiters platziert werden, um unnötige Kopf- und Augenbewegungen zu vermeiden und dadurch die Ermüdung der Nackenmuskulatur und der Augen zu verhindern.

  • Richtige Lichtstärke: Die richtige Lichtstärke hängt von der Arbeitsaufgabe ab. Je kleiner die Bauteile sind und je feiner deren Positionierung erfolgen muss, desto höhere Lichtstärke wird am Arbeitsplatz benötigt. Durch die richtige Lichtstärke wird die Fehlerquote reduziert und die Leistungsfähigkeit des Mitarbeiters gesteigert bzw. länger erhalten.

 

Ergonomische Arbeitsplatzbewertung

Zur ergonomischen Bewertung eines Arbeitsplatzes gehören zwei Aspekte. Die körperliche Belastung durch die Arbeitsaufgabe und die körperliche Belastung durch die Arbeitsumgebung. Diese beiden Aspekte definieren zusammen die Ausführbarkeit und die Erträglichkeit der Arbeitsaufgabe. Die Arbeit soll unter den gegebenen körperlichen Bedingungen (z.B. Körpergröße, Gesundheit und Ausdauer) der Mitarbeiters ausführbar sein und darf das gesundheitliche Befinden des Mitarbeiters nicht negativbeeinflussen.

 

1. Körperliche Belastung durch die Arbeitsaufgabe

Die Arbeitsaufgabe definiert einen Prozess und das Ergebnis bzw. Erzeugnis dieses Prozesses. Der Arbeitsplatz hat dabei unmittelbaren Einfluss auf die körperliche Belastung durch die Arbeitsaufgabe, denn der Arbeitsplatz gibt die Höhe der körperlichen Belastung vor, die erbracht werden muss, um die Arbeitsaufgabe zu erledigen. Die körperliche Belastung ergibt sich aus der für die Aufgabe notwendigen physikalischen Leistung abzüglich des durch den Arbeitsplatz absorbierten Anteils (z.B. eine Hebehilfe zum Hochheben von Gegenständen).


Die Leitmerkmalmethode (LHM) wird verwendet, um die tatsächlich vorhandene, körperliche Belastung zu ermitteln und zu bewerten. Derzeit gibt es drei Leitmerkmalmethoden (mit jeweiligen Leitmerkmalen):

  • Leitmerkmalmethode zur Beurteilung von Heben, Halten und Tragen von Lasten
    o Zeitdauer
    o Lastgewicht
    o Körperhaltung
    o Ausführungsbedingungen

  • Leitmerkmalmethode zur Beurteilung von Ziehen und Schieben von Lasten
    o Zeitdauer
    o Lastgewicht
    o Bewegungsgeschwindigkeit / Positioniergenauigkeit
    o Körperhaltung
    o Ausführungsbedingung

  • Leitmerkmalmethode zur Erfassung von Belastungen bei manuellen Arbeitsprozessen
    o Zeitdauer
    o Art der Kraftübung
    o Kraftübertragung
    o Hand- und Armbewegungen
    o Arbeitsorganisation
    o Körperhaltung
    o Ausführungsbedingungen

 

Die Erfassung der Leitmerkmale erfolgt anhand eines vorgegebenen Bewertungsschemas. Mit Hilfe dessen wird das erfasste Leitmerkmal in eine Punktzahl übersetzt.

 

Jede dieser drei Methoden besteht aus drei Schritten:

  1. Schritt: Erfassung und Dokumentation der Zeitdauer
  2. Schritt: Erfassung und Dokumentation der restlichen Leitmerkmale
  3. Schritt: Risikobewertung

Zur Risikobewertung werden die Punktzahlen aller Leitmerkmale außer der Zeitdauer zusammenaddiert und mit der Punktzahl der Zeitdauer multipliziert.

Das Ergebnis wird nach dem folgenden Modell beurteilt:

  • < 25 Punkte – Kein Handlungsbedarf
  • 25 bis 50 Punkte – Notwendigkeit der Ermittlung der individuellen Belastungswahrnehmung des Mitarbeiters
  • > 50 Punkte – Notwendigkeit einer technischen und/oder organisatorischen Umgestaltung

Die Leitmerkmalmethode ist einfach und schnell in der Anwendung und erfordert keine ergonomischen oder arbeitssicherheitstechnischen Kenntnisse. Die einzige Voraussetzung für die Anwendung ist eine gute Kenntnis der zu beurteilenden Arbeitsaufgabe. Die Durchführung der Methode nimmt nur wenige Minuten in Anspruch und liefert eine ergonomische Bewertung des Arbeitsplatzes, die quantitativ messbar ist.

 

2. Körperliche Belastung durch die Arbeitsumgebung

Die physische Belastung durch die Arbeitsumgebung wird durch folgende physikalische Faktoren definiert:

  • Lärm: Je höher der Schalldruck ist, desto höher ist gesundheitliche Gefährdung. Unter konstanter Lärmbelastung sinkt die Leistung, werden im Körper Stresshormone produziert und erhöht sich das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Abhängig von der Belastungsdauer soll ab einem Lärmpegel von 80-85 dB (A) ein Gehörschutz getragen werden.

  • Beleuchtung: Unzureichende Beleuchtung mindert die Leistung des Mitarbeiters und erhöht die Fehlerquote. Außerdem werden bei sowohl unzureichender als auch zu hoher Beleuchtung langfristig Sehstörungen verursacht. Eine durchschnittliche Sehaufgabe, (z.B. Bürotätigkeit) erfordert eine Beleuchtungsstärke von ca. 500 lux. Für schwierigere Sehaufgaben wie die Montage kleiner Bauteile, wird eine Beleuchtungsstärke von bis zu 1000 lux benötigt.

  • Klima: Klimabedingungen (vor allem Normal-Effektivtemperatur) haben Einfluss auf die Leistung des Mitarbeiters. Eine hohe Temperatur führt zu einer schnelleren Ermüdung, während eine niedrige Temperatur den Mitarbeiter gesundheitlich beeinträchtigen kann. Die Klimabedingungen sollen an die Arbeitsaufgabe angepasst werden. Als Richtwert kann für Bürotätigkeiten eine Raumtemperatur von ca. 22°C angenommen werden.

  • Schwingungen: Bei den Schwingungen wird zwischen Ganzkörper-Vibration und Hand-Arm-Vibration unterschieden. Ausschlaggebend sind dabei die Expositionszeiten und die Beschleunigung. In der Lärm und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (LärmVibrationsArbSchV) sind die Auslöse- und Expositionsgrenzwerte aufgeführt.

 

Download der Leitmerkmalmethoden: PDF-Link für die Bewertungstabellen